Dienstag , 27. September 2016
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An Schlaf ist nicht zu denken +++ Mit Video und Infografiken

Was viele nicht kennen, ist für andere lebenswichtig: Das „ambulante Schlaflabor“ des Klinikums Lüneburg dient dazu, schlafgebundene Erkrankungen zu erfassen. Ein tragbares Gerät zeichnet nachts bestimmte Körperfunktionen von Menschen auf, die unter Ein- oder Durchschlafstörungen, dem Restless Legs Syndrom (unruhige Beine) und/oder nächtlichen Atemaussetzern (Apnoen) leiden. LZ-Volontärin Emilia Püschel probiert aus, wie es sich anfühlt, wenn Sensoren jede kleine Regung im Schlaf registrieren.

emi Lüneburg. „So, ich entfette jetzt ihr Gesicht“, sagt die Assistentin in Weiß, kaum habe ich auf dem Ledersessel im Institut für Schlafmedizin Platz genommen. „Sehr charmant“, denke ich, „das geht ja gut los.“ Kurz darauf fuhrwerkt mir die Dame mit einem alkoholgetränkten Wattebausch im Gesicht herum die Elektroden sollen so besser auf der Haut halten. Den Geruch nach Desinfektionsmittel und Krankenhaus werde ich den ganzen Tag nicht mehr los.

Bei der ambulanten Variante des Schlaflabors darf man zwar zu Hause im eigenen Bett schlafen, damit in gewohnter Umgebung möglichst natürliche Bedingungen herrschen. Die Vorbereitungen für die Nacht werden allerdings im Krankenhaus getroffen und zwar bereits nachmittags.

Es ist 15.30 Uhr, als mich die Schwestern im Klinikum Lüneburg zu zweit verkabeln. Sie tupfen mir eine Art Klebstoff ins Haar, damit die Elektroden am Hinterkopf besser haften. Auch in meinem Gesicht und an den Schienbeinen befestigen sie unzählige Sensoren, Pflaster, Schläuche und Kabel. Deren Enden laufen in einem kleinen, blauen Kasten auf meiner Brust zusammen: dem Computer. Während der Nacht sollen diese Apparate meine Augen-, Kiefer- und Beinbewegungen aufzeichnen, Schnarchgeräusche und Schlafposition festhalten, sowie Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Hirnströme messen. Später wird der Arzt die im Kästchen gespeicherten Daten auf dem PC auswerten und eine Diagnose stellen. Der Leiter des Instituts für Schlafmedizin erläutert diese Befunde mit den Patienten und leitet weitere Maßnahmen ein, zum Beispiel medikamentöse beziehungsweise Verhaltenstherapie oder nächtliche Atemunterstützung.

Normalerweise füllen die Patienten im Vorfeld der Verkabelung einen Fragebogen aus, der in die Interpretation hineinspielt. Darin müssen sie beispielsweise angeben, wann sie während der letzten vier Wochen gewöhnlich ins Bett gingen und ob sie genügend Schwung für ihre Alltagsaufgaben haben. Bei mir entfällt diese Befragung.

Gegen 16 Uhr verlasse ich das Krankenhaus. Großartig bewegen darf ich mich jetzt nicht mehr, damit sich keine Kabel lösen. Ich fahre mit dem Taxi nach Hause. Die Metallteile auf meiner Haut ziepen.

Um 17.30 Uhr ist mir langweilig. Ich fotografiere mich selbst und schicke das Bild meinen Kollegen. Keine fünf Minuten später piept mein Handy. „Wir fragen uns gerade“, schreiben die Kollegen, „ob du damit auch Radio empfangen kannst?“ – „Ich glaube, ich kann damit alles empfangen“, antworte ich, „außer Schlaf!“

Um 18 Uhr kommt mein Freund nach Hause. „Wie war es bei der Arbeit?“, frage ich. „Pssssst“, macht er. „Das Mikro ist an. Die Ärzte können uns hören.“ Ich finde, er übertreibt. Aber irgendwie habe ich jetzt auch ein komisches Gefühl. Wir flüstern den Rest des Abends.

Gegen 23 Uhr ich habe es tatsächlich geschafft, die Jeans aus- und die Schlafanzughose anzuziehen, ohne dabei Kabel abzureißen gehe ich ins Bett. Ich versuche zu lesen, habe aber Kopfweh vom Geruch des Desinfektionsmittels und finde keine bequeme Position. Ich stülpe mir einen Gummisensor über den Finger, der die Sauerstoffsättigung messen wird. An seiner Spitze leuchtet ein rotes Licht. Ich komme mir vor wie E.T., der Außerirdische, in der Filmszene „nach Hause telefonieren“. Mein Freund klebt mir den Nasenschlauch für die Atemflussaufzeichnung im Gesicht fest. Licht aus.

Ich drehe mich auf die rechte Seite, denn auf meiner linken Schulter befindet sich Kabelsalat und den will ich nicht beschädigen. Nach etwa einer Stunde ist immerhin mein rechter Arm eingeschlafen. Ich hatte die Hand mit dem Fingersensor von mir gestreckt und mich daraufgelegt. Auf den Bauch kann ich mich nicht drehen, denn da drückt das blaue Kästchen. Bleibt nur der Rücken. Ich schlafe ungern auf dem Rücken.

Nun beginnt auch noch mein Freund zu schnarchen. Ich verfluche mich dafür, das Experiment zu machen. Immer öfter schiele ich zum Wecker, werde mit jedem Mal nervöser. Ich wälze mich herum, nicke kurz ein und wache schweißgebadet wieder auf. Um 3 Uhr schaue ich zum letzten Mal auf die Uhr.

Später werde ich in der Auswertung neben zahllosen Diagrammen, Kurven und Tabellen nachlesen können: Ich habe nur 3:45 Stunden geschlafen. Der Arzt hat mir eine Notiz hinterlassen: „Man sieht, dass Sie eine sehr unruhige Nacht hatten. Prozentuale Anteile der Schlafstadien bei Ihnen waren: Stadium I: 19 Prozent, II: 61 Prozent, III: 6 Prozent, REM: 12 Prozent.“ REM steht für „rapid eye movement“ und macht etwa 20 bis 25 Prozent des Schlafes aus. REM-Schlaf ist ein leichter Schlaf, währenddessen man viel träumt. Eine Lähmung der Skelettmuskulatur verhindert, dass Menschen ihre Träume „ausleben“. NREM-(„non rapid eye movement“) Schlaf wird wiederum in drei Schlafstadien aufgeteilt, welche sich durch bestimmte EEG-Veränderungen unterscheiden. Die ersten beiden Stadien kennzeichnen ein Leichtschlafstadium, das dritte ein Tiefschlafstadium. Nur sechs Prozent Tiefschlaf hatte ich also…

Als ich der Assistentin am nächsten Morgen beim Entkabeln davon erzähle, lacht sie nur. „Das geht vielen unserer Patienten so. Manche schlafen deshalb zweimal im Schlaflabor. Beim zweiten Mal klappt es besser…“

Tipps

Prof. Dr. med. Henning Henningsen ist Chefarzt der Klinik für Neurologie am Klinikum Lüneburg, der das Institut für Schlafmedizin angegliedert ist. Für die LZ hat der Experte Tipps für einen besseren Schlaf zusammengetragen.

1. Müdigkeit herstellen. Durch Sport wird auch die körperliche Müdigkeit gefördert.
2. Für gute Bedingungen im Schlafzimmer sorgen. Frische Luft ist wesentlich. Die Umgebungstemperatur sollte idealerweise zwischen 16 und 18 Grad liegen.
3. Das Zimmer abdunkeln. Schlafzimmer aufräumen, das Bett nur zum Schlafen benutzen.
4. Drei Stunden vor dem Schlafengehen nicht zu schwer essen. Nicht übermäßig Alkohol konsumieren. Bei bestimmten Personengruppen führt Wein zu Durchschlafstörungen.
5. Kein Computer vor dem Zubettgehen: Die PC-Strahlung ist ein Muntermacher.
6. Bei Schlafstörungen eventuell Kaltdusche vor dem Zubettgehen probieren.

Klicken Sie sich durch die verschiedenen Phasen des Schlafs: