Mittwoch , 28. September 2016
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Ich brenne für Spanisch, sagt Lehrerin Eva Müller. Am Johanneum will sie unter anderem die Klassen 7 L und 7 LB mit ihrem Enthusiasmus anstecken.
Ich brenne für Spanisch, sagt Lehrerin Eva Müller. Am Johanneum will sie unter anderem die Klassen 7 L und 7 LB mit ihrem Enthusiasmus anstecken.

Wettbewerb um die hellen Köpfe

ahe Lüneburg. Wer im Wettbewerb bestehen will, muss etwas zu bieten haben. Das gilt nicht nur in der freien Wirtschaft, sondern auch für Schulen. Zumindest dann, wenn es keine Schulbezirke gibt, die jedes Jahr Nachschub garantieren, und wenn die Konkurrenz wenige Hundert Meter weiter mit attraktiven Angeboten um dieselbe Klientel buhlt. Längst haben das auch die Lüneburger Gymnasien erkannt, allesamt haben sie ausgeklügelte pädagogische Konzepte. Jede einzelne Schule setzt spezifische Schwerpunkte und entwickelt fortlaufend Ideen, um attraktiv zu bleiben. Denn der Wettbewerb hat sich verstärkt, das noch junge Gymnasium in Bleckede hat Schüler aus dem Osten des Landkreises gezogen, dazu locken die beiden neuen Gesamtschulen ebenfalls Grundschüler mit Gymnasialempfehlung.

Für die Viertklässler und ihre Eltern steht eine wichtige Entscheidung unmittelbar bevor. Sie müssen sich festlegen, auf welcher weiterführenden Schule sie künftig lernen wollen. Am attraktivsten erscheinen dabei seit Jahren die Gymnasien, bei der jüngsten Trendabfrage gaben 48 Prozent diese Variante als angestrebten Weg an. Bei der Entscheidung, welches Gymnasium es denn sein soll, orientieren sich zwar nicht wenige am nächstgelegenen, doch für immer mehr Mütter und Väter sind pädagogische Konzepte wichtiger als die Länge der Schulwege, wenn es Alternativen direkt nebenan gibt. Deshalb stehen bei allem partnerschaftlichen Miteinander gerade die Gymnasien im Lüneburger Stadtgebiet im verschärften Wettbewerb. Wer Sprachen liebt, geht aufs Gymnsium A, wer eine Begabung in Naturwissenschaften hat, ist am Gymnasium B besser aufgehoben das war mal. Heute ist jedes Gymnasium bemüht, möglichst viele Bereiche abzudecken, ohne dabei seine traditionellen Schwerpunkte zu vernachlässigen. Und hat eine Schule mit einem Angebot Erfolg, dauert es meist nicht lange, bis die Konkurrenz nachzieht.

Am Johanneum können Schüler ab Klasse 7 Altgriechisch lernen. Traditionell stark ist das älteste Lüneburger Gymnasium auch in den Naturwissenschaften aufgestellt, keine andere Schule ist stets mit so vielen Teilnehmern beim Wettbewerb „Jugend forscht“ vertreten, immer wieder räumen Johanniter Preise ab, auch auf Landes- oder gar auf Bundesebene. Seit einigen Jahren gibt es zudem ein bilinguales Angebot: Ab Jahrgangsstufe 7 werden in einigen Klassen Fächer wie Geschichte und Biologie auf Englisch unterrichtet. Nun plant die Schule die nächste Neuerung: Vom kommenden Schuljahr an wird Spanisch bereits als zweite Fremdsprache angeboten. Bisher konnten sich die Schüler nur zwischen Französisch und Latein entscheiden, Spanisch erst als dritte Fremdsprache hinzu wählen. Direktor Friedrich Suhr begründet die Erweiterung des Angebotes zum Einen damit, dass es vermehrt Fragen von Eltern nach früherem Spanisch-Unterricht gegeben habe, zum Anderen verweist er eben auf die neue Konkurrenz mit dem Gymnasium in Bleckede und den beiden Gesamtschulen. Da gelte es noch mehr als vorher, „Schule attraktiv zu gestalten“. Dass Spanisch attraktiv ist, da­ran hat Lehrerin Eva Müller, die selbst eineinhalb Jahre in Spanien gelebt hat, keinen Zweifel. „In unserer globalisierten Welt nimmt die Bedeutung der Fremdsprachen immer mehr zu, und Spanisch haben weltweit 20 Nationen als Muttersprache, zum Beispiel wirtschaftlich wichtige Länder in Südamerika.“ Mittelfristiges Ziel ist zudem ein Schüleraustausch mit einer spanischen Schule.

Andere Gymnasien haben Spanisch als zweite Fremdsprache schon im Programm. Vorreiter war die Herderschule, dort deutet man die jüngste Entwicklung als Zeichen der Bestätigung. Für die Schulleitung sagt Gottfried Leinss: „Unser altes Alleinstellungsmerkmal Spanisch ab dem sechsten Jahrgang war wohl so erfolgreich, dass inzwischen weitere Lüneburger Gymnasien diese Sprache anbieten.“ Natürlich ist er davon überzeugt, dass die Herderschule darüber hinaus „Hervorragendes“ leistet. Als Beispiele für die Arbeit, die über das „normale“ Programm hinaus geht, nennt er unter anderem die vielen Kooperationen, vom Roboterbau mit der Uni über Projekte mit dem Psychiatrischen Klinikum bis zur Zusammenarbeit mit der Sieb&Meyer Stiftung, die starke emotional-soziale Förderung durch Projekte wie „Schüler helfen Schülern“ und „Schüler-Medien-Trainer“. Traditionell gut aufgestellt ist das Gymnasium mit Chören und Theatergruppen.

Auf Musik setzt auch die Wilhelm-Raabe-Schule, dort können Schüler in speziellen Bläserklassen Instrumente spielen lernen. Sprachlich punkten kann das Gymnasium an der Feldstraße mit Frühfranzösisch ab Klasse 5 und bilingualem Unterricht im Fach Erdkunde, im nächsten Schuljahr soll zudem auch Politik auf Englisch unterrichtet werden, kündigt Direktorin Christine Hartmann an. Spanisch wird ab Klasse 10 angeboten. Mathe-Assen macht die Raabe-Schule ein besonderes Angebot mit ihrer schulübergreifenden Arbeitsgemeinschaft „Talentförderung Mathematik“. Als „Umweltschule in Europa“ und Unesco-Projektschule richtet das Gymnasium den Blick auch über die Region hinaus, hat zum Beispiel eine Schule in Tansania mit ausgebaut.

Ob musisch, künstlerisch, sprachlich oder sportlich, auch das Gymnasium Oedeme ist breit aufgestellt mit seinen Extra-Angeboten. Wie an der Raabe-Schule gibt es Bläserklassen, Spanisch als zweite Fremdsprache ab Klasse 6 ist ebenso eine Option wie eine bilinguale Klasse mit Geschichte, Chemie und Erdkunde auf Englisch oder einer MINT-Klasse, in der die Naturwissenschaften eine stärkere Rolle spielen und Informatik und Astronomie Pflichtfächer sind. Seit einigen Jahren sehr erfolgreich läuft der Lernclub, in dem ältere Schüler jüngeren gegen Bezahlung Nachhilfe geben. Beim Konstrukteurs-Wettbewerb „Formel 1 in der Schule“ ist das Gymnasium Oedeme regelmäßig erfolgreich, mehrere Bands und Chöre hat es schon hervorgebracht, die aktuelle Palette der Arbeitsgemeinschaften reicht von der Talentwerkstatt Kunst über „Kreatives Schreiben“ bis hin zu Schach.

Alle genannten Angebote sind nur eine kleine Auswahl, mit denen die Gymnasien um die hellen Köpfe buhlen untereinander und im Wettbewerb mit den Gesamtschulen, den Privatschulen und den Gymnasien in den Nachbarorten. Für Eltern ist der Wettbewerb ein Glücksfall, sie können sich frei entscheiden für das Angebot, mit dem sie ihren Nachwuchs in seinen Fähigkeiten am Besten gefördert sehen. Zuvor müssen sie nur das Dickicht des umfangreichen Angebots durchblicken.