Donnerstag , 29. September 2016
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Hände erzählen Lüneburger Geschichte

rast Lüneburg. Einmal im Jahr organisiert der Mainzer Peter Boppert Studienfahrten mit Zielen in Deutschland oder im benachbarten Ausland, zu denen auch Stadtführungen gehören. Im Vorfeld klärt der 69-Jährige ab, ob es bei den Führungen eine Dolmetscher-Begleitung gibt nicht etwa, weil Mainzer kein Hochdeutsch verstehen. Er ist, wie seine Mitreisenden, gehörlos. Jetzt führte eine Studienfahrt neun Mitglieder des Gehörlosenvereins Mainz nach Lüneburg. Die Gruppe war begeistert, denn neben Stadtführerin Kathrin Borgmeier war auch die Lüneburger Gebärdendolmetscherin Ann-Kathrin Paul dabei, sie brachte den ,,Määnzern“ die Lüneburger Historie mit ihren Händen und ihrer Mimik nahe. Es war die erste offizielle Gehörlosen-Stadtführung in der Hansestadt.

,,Das macht vieles leichter“, weiß Peter Boppert, der sich seit 45 Jahren für Gehörlose engagiert: ,,Das ist ein ganz besonderer Service, den nicht jede Stadt oder Region bietet. Vor einem Jahr waren wir im Allgäu, da gibts so etwas nicht. Ich musste mir selbst vorher alle Infos aus dem Internet runterladen und die Gruppe auch selbst führen.“ Jetzt war die Gruppe drei Tage im Norden, untergebracht in Soltau: ,,Von dort starteten wir zu einer Kutschfahrt durch die Heide und wollten auch das schöne Lüneburg sehen. Danach steht noch das Schiffshebewerk auf dem Programm.“ In Lüneburg waren die Gäste begeistert von den historischen Gebäuden und ließen sich mit Blick auf die Auswölbungen an manchen Häusern Sätze wie ,,Einige Häuser sind seit 400 Jahren dauerschwanger“ übersetzen. Eine Frage musste von den Gästen aus dem katholischen Mainz natürlich kommen: ,,Sind das hier alles katholische Kirchen?“ Sie wurden enttäuscht. Borgmeier: ,,Die historischen Kirchen in Lüneburg sind alles evangelische.“

Die Gruppe war überrascht, dass auch die Stadtführerin die Gebärdensprache beherrscht. Kathrin Borgmeier: ,,Ich nehme seit drei Jahren an VHS-Kursen teil. Beim Übersetzen von Zahlen oder wissenschaftlichen Begriffen passe ich aber lieber.“ Sie weiß: ,,Die Gebärdensprache ist eine ganz eigene Sprache, die Satzstellung beispielsweise hat nichts mit der deutschen Sprache zu tun das Verb wird immer ans Ende gestellt.“

Die Führung jetzt war der offizielle Auftakt, weitere Angebote für Gehörlose, aber auch für Blinde und barrierearme Führungen für Rollstuhlfahrer sollen folgen. Einen Testlauf gab es im Mai 2013. Die Idee zur Tour mit einer Gebärdendolmetscherin hatte Kirstin Linck, stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirats. Die Dolmetscherin wurde damals von der Aktion Mensch finanziert.

So ein eineinstündiger Einsatz ist für Behinderte, die oft nicht über viel Geld verfügen, nicht gerade günstig. Kathrin Borgmeier erklärt: ,,Eine normale Gruppenführung kostet 58 Euro, die 135 Euro für die Dolmetscherin kommen drauf.“ Die Zusatzkosten allerdings mussten die Mainzer nicht berappen. Denn der Behindertenbeirat hatte die Sparkassenförderung über die Initiative ,,Das tut gut“ angezapft und die Sparkasse will laut Borgmeier auch folgende Führungen für Gehörlose sponsern.