Mittwoch , 28. September 2016
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Fedor Zimmermann (l.)  und  Dr. Thomas Lux zeigen den restaurierten Ablassbrief aus dem Jahr 1337. Foto: be
Fedor Zimmermann (l.) und Dr. Thomas Lux zeigen den restaurierten Ablassbrief aus dem Jahr 1337. Foto: be

Geschäft mit dem Fegefeuer

ca Lüneburg. „Wenn die Münze im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“ Das schlichte Geschäftsmodell, das der Dominikaner-Mönch Johann Tetzel im 15. Jahrhundert pflegte, bedeutete für die Kirche beste Einnahmen: Der Sünder, der sich für seine Missetaten freikaufte, konnte davon ausgehen, eine geringere Zeit im Fegefeuer zu schmoren. Zu seiner Zeit galt quasi ein Tarifsystem, doch schon zuvor hatte sich die katholische Kirche darauf verstanden, sich das Vergeben vergüten zu lassen. Und wie es in gut geführten Unternehmen üblich ist, dokumentiert die Buchhaltung alles gerne mit Belegen. Auch in Lüneburg.

Gestern präsentierte Stadtarchivar Dr. Thomas Lux eine Ablassurkunde aus dem Jahr 1337. Die lag einst in den Regalen der Stadt. 1945 oder schon um 1900 verschwand das Pergament. Vermutlich weil es nach Schwerin ausgeliehen wurde, das lässt sich nicht mehr en dètail nachvollziehen. Doch 2010 tauchte es in einem Klosterbestand wieder auf und kam zurück an die Ilmenau. „Kein guter Zustand“, urteiltet Lux. Die Urkunde, etwa im DIN-A-3-Format, war zusammengefaltet wie ein Brief und löchrig, Schimmpilze setzten dem Schriftstück zu. „Die Urkunde musste restauriert werden“, erzählt Lux und freut sich, dass der Chef der Lüneburger Volksbank, Fedor Zimmermann, die Kosten von 680 Euro übernahm.

Lux schildert das Weltbild des mittelalterlichen Menschen. Der lebte in der Furcht, nicht sofort nach dem Tod in den Himmel zu kommen. Für seine Sünden musste er erst im Fegefeuer leiden. Er war froh, wenn das Bodenpersonal Gottes ihm Sünden vergab. Er musste sein Vergehen ernsthaft bereuen und Besserung geloben. Wenn er obendrein etwas spendete, gab das der Idee von der geläuterten Seele mehr Schubkraft.

Auch die Lüneburger Geistlichkeit in St.Johannis wollte helfen und profitieren. Sie war Kirche der Stadt, in religiösen Fragen aber war der Bischof von Verden tonangebend. Gemeinsam ließ man sich einen Ablassbrief aus Avignon kommen. Dorthin war der Papst nach einem Streit in Rom um sein Amt geflüchtet, sein Stab lebte bei ihm und hatte laut Lux 1336 Regeln für das Ablasswesen vorgegeben. Ein Jahr später fertigen Schreiber auf Latein die Lüneburger Urkunde an, 13 Bischöfe würdigten das Schreiben mit ihrem Siegel, auch der der Bischof von Verden. Für die Salzstadt gibt es ein besonderes Bonbon: Normal wurden den Gläubigen 40 Tage in den Flammen des Fegefeuers erlassen, in Lüneburg gab es nach der Entscheidung des Verdener Bischofs 40 Tage obendrauf.

Allerdings war es mit dem Bezahlen nicht getan. Die Geistlichkeit erwartete, dass die Christen an Feiertagen, sonnabends und sonntags Gottesdienste besuchten sowie sich in „vollständiger Reue und Bekenntnis ihrer Sünden bekannt“ haben. Der Historiker sieht im doppelten Ablass eine gelungene PR-Aktion: Denn die lockte Gläubige. Sie konnten Pfennige in den Klingelbeutel stecken oder der Kirche Geschenke machen, um sich die Vergehen von der Seele zu waschen. Je mehr kamen und gaben, desto höher die Einnahmen.

Dem Mönch Martin Luther war der Handel ums Seelenheil ein Gräul. Um mit seinem Gott ins Reine zu kommen, brauche es keine Schacherei. 1517 schlug er in Wittenberg seine 95 Thesen an die Kirchtür. Damit begann die Geschichte der protestantisch-lutherischen Richtung und das Ende der Ablassgeschäfte für evangelische Christen. Das Luther-Jahr 1517 ist für Stadtarchivar Lux eine gute Gelegenheit für eine Ausstellung. Da könnte auch die Urkunde von 1337 ein Stück Stadtgeschichte dokumentieren.

One comment

  1. magnusausonius

    Wie schön, dass es wieder Gelegenheit gibt, sich über das „ach so rückständige“ Mittelalter (und nebenbei natürlich auch über die Kirche) lustig zu machen. „Geschäftsmodell“, „Tarifsystem“, „Bodenpersonal Gottes“, „PR-Aktion“, alles Begriffe, die völlig unangemessen sind, und weder den Lebensumständen der damaligen Menschen noch ihrem Glauben gerecht werden. Im Rückblick ist es ziemlich wohlfeil, sich über die seinerzeitigen religiösen Vorstellungen über Tod und Verdammnis zu erheben. Das Problem ist nur, was wissen wir denn heute eigentlich wirklich mehr darüber? Wollen wir mal hoffen, dass kommende Generationen unsere Auffassungen von Gott und der Welt nicht ebenso herablassend beurteilen werden, wie es dieser Beitrag insinuiert.