Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Kleingartenidylle in Deutschland statt Krieg in Syrien: Adnan und Muna Mustafa mit vier ihrer fünf Töchter (v.l.) Maram (9), Silin (3), Sali (7) und Manan (11) am Eingangstor ihrer kleinen Parzelle in der Kolonie Am Pferdeteich. Foto: t&w
Kleingartenidylle in Deutschland statt Krieg in Syrien: Adnan und Muna Mustafa mit vier ihrer fünf Töchter (v.l.) Maram (9), Silin (3), Sali (7) und Manan (11) am Eingangstor ihrer kleinen Parzelle in der Kolonie Am Pferdeteich. Foto: t&w

Das Glück der ersten eigenen Erdbeeren

ahe Lüneburg. Adnan Mustafa schaut rüber zu den Radieschen, weiter auf die Reihe mit dem Salat, dann streift sein Blick Zucchini, Paprika und Gurken. Er lächelt zufrieden. „Die Leute geben mir eine Chance“, sagt er. Die Chance, das ist sein eigener Garten. Sein erster. Jeden Tag ist er hier, oft mit seiner Frau und seinen Kindern. Fünf Töchter hat das Paar. Für die syrische Familie ist die kleine Parzelle unweit der Bleckeder Landstraße ein Zufluchtsort geworden. Weit weg von den Kriegswirren und deren Folgen in der Heimat, denen sie durch Flucht im vergangenen Jahr entkommen war. Und auch ein Stück weg von der Langeweile in der Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände der Theodor-Körner-Kaserne, wo die Mustafas heute wohnen.

„An diesem Garten können sich einige Deutsche mal ein Beispiel nehmen“, sagt Andreas Calovius anerkennend. Gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen Jürgen Schmidt und Hans-Jürgen Peters ist er zu einem Besuch vorbeigekommen. Die Kleingärtner des Vereins Am Pferdeteich haben der Familie die Parzelle im März überlassen. Ganz verwildert sei sie gewesen, schwer vermittelbar. So wurde eine Vereinbarung getroffen, von der beide Seiten profitieren: Die Familie bekam den Garten kostenfrei, muss lediglich Strom- und Wasserverbrauch selbst zahlen, dafür verpflichtete sich Adnan Mustafa, ihn wieder in Schuss zu bringen. Die Abmachung ging auf. Der Garten wirkt inzwischen aufgeräumt und gepflegt, Gemüse und Obst wächst und gedeiht prächtig auf den Beeten. Dafür erntet der Neue nun reichlich Lob von den alten Hasen.

„Zu Hause, in Aleppo, hatten wir keinen Garten“, erzählt der Syrer, dennoch sind seine ersten Gehversuche von Erfolg gekrönt. „Die Nachbarn helfen alle, wenn ich mal eine Frage habe oder was brauche, bestimmt 20 Leute. Es macht viel Spaß.“ Der Rest ist Fleiß. Gerade hat er Auberginensamen geholt, damit wäre die nächste Ecke des kleinen Stückchen Lands verplant. „Vormittags bin ich zwei, drei Stunden hier, nachmittags komme ich dann wieder.“ Dann hilft auch die übrige Familie mit. Wie Silin, mit dreieinhalb Jahren jüngste Tochter, die auch beim LZ-Besuch eifrig Blumen gießt, während Manan (11) von den ersten eigenen Erdbeeren schwärmt. „Die schmecken lecker.“ Stolz erzählt der Papa: „Jede Tochter hat auch einen eigenen Topf für eigene Blumen.“ Doch der Garten bedeutet nicht nur Arbeit für die Familie, sondern vor allem für die Mädchen auch Vergnügen: Ein kleines Planschbecken sorgt für Abkühlung, in der Hängematte lässt es sich prima sonnen, lesen oder gar schlafen, die Laube bietet eine Spielmöglichkeit im Schatten.

Die Mustafas haben sich eingelebt im deutschen Kleingartenwesen, wie zum Beweis weht eine Deutschlandflagge am Mast in ihrem Garten. Und sie sind auch bei weitem nicht die Einzigen in der Kolonie mit ausländischen Wurzeln. Türken ackern hier neben Libanesen und Brasilianern, der Japaner Hisao Murase und seine chinesische Frau Xu Huang sind hier genauso heimisch geworden wie der Ghanaer Jesse Hoyah. Elf Nationen sind in den 156 verpachteten Gärten vertreten, werkeln auf der 7,7 Hektar großen Anlage friedlich neben- und miteinander. Multikulti ist hier gelebte Realität. Calovius erzählt: „Als wir gehört haben, dass die Stadt nebenan in den Kasernen eine neue Flüchtlingsunterkunft einrichtet, haben wie die Neu-Lüneburger zu uns eingeladen. Etwa 20 sind damals im Advent gekommen, es war ein schöner Nachmittag.“ Überhaupt scheint ein gutes Klima zu herrschen in der Nachbarschaft, Die Kita Paul Gerhardt ist regelmäßig zu Gast, gräbt und harkt in einem der drei Lerngärten des Bezirksverbandes, der hier ebenfalls seine Heimat hat. Der Spielplatz am Vereinshaus wird zudem auch von Familien aus den umliegenden Vierteln gerne genutzt. Und auch Tiere scheinen sich wohlzufühlen Am Pferdeteich, zwei Imker haben Bienenvölker in der Kolonie, Kaninchen und Hühner ihre Ställe, manch ein Hund tollt durch die Kolonie. Nur Pferde, die sind eher rar Am Pferdeteich.