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Kerstin Adams ist Filialleiterin im Video Paradies. Sie glaubt nicht, dass ihr Beruf allzubald ausstirbt  trotz des immens wachsenden Angebotes im Internet. Foto: ap
Kerstin Adams ist Filialleiterin im Video Paradies. Sie glaubt nicht, dass ihr Beruf allzubald ausstirbt  trotz des immens wachsenden Angebotes im Internet. Foto: ap

WM-Titel wäre schlecht fürs Geschäft

ap Lüneburg/Bleckede. Videothekar scheint ein aussterbender Beruf zu sein. Pilgerten Filmfans früher regelmäßig in die Videotheken, um sich Hollywood-Blockbuster, deutsche Komödien oder auch mal einen Erotikstreifen auf Kassette oder später auf DVD oder Blue-Ray nach Hause zu holen, hat das Internet der Branche zunehmend das Leben schwer gemacht. Das ist auch in Stadt und Landkreis Lüneburg zu spüren, Videotheken sind rar geworden.

„In den letzten fünf Jahren ist die Ausleihfreudigkeit meiner Kunden um 30 bis 40 Prozent gesunken. Es handelt sich definitiv um ein rückgängiges Geschäft“, bestätigt Olaf Heese, Chef der Videothek in Bleckede. Immer größer wird das Angebot im Netz, immer schneller werden die Datenleitungen, Filme lassen sich heute viel bequemer vom heimischen Sofa aus über PC oder webfähige Fernseher ausleihen. Kein Gang zur Videothek, kein lästiges Zurückbringen. Dabei sind es nicht nur die legalen Portale, die den ortsansässigen Verleihern das Leben schwer machen: Denn auf rechtlich zweifelhaften Seiten sind selbst neueste Kinoknüller oft binnen weniger Stunden nach der Premiere für jeden abrufbar im Internet zu finden, und damit viel früher als im Verleih vor Ort.

Olaf Heese kann durchaus nachvollziehen, warum sich vor allem junge Leute den Gang zur Videothek lieber sparen. „Die Qualität im Internet wird immer besser. Anfangs war sie wirklich schlecht. Jetzt kann ich es fast verstehen, dass gestreamt wird“, sagt er. Streamen meint die direkte Übertragung und Wiedergabe von in diesem Fall Videodateien ohne dauerhaftes Speichern. Für seine kleine Videothek in der Fritz-von-dem-Berge-Straße 3 in Bleckede und seine beiden Angestellten ist dieser Wandel aber existenzgefährdend. Immer häufiger bleiben Stammkunden weg, Neukunden gebe es manchmal nicht einen einzigen in der Woche. Weil er vom Umsatz der Videothek allein nicht leben könne, arbeitet er im Hauptjob bei der Molda.

Im deutlich größeren Lüneburg läuft das Geschäft naturgemäß noch etwas besser. Kerstin Adams, Filialleiterin der Videothek „Video Paradies“, sagt: „Natürlich macht es sich bemerkbar, dass immer mehr im Internet gestreamt wird, aber ich hätte mir das schlimmer vorgestellt.“ Sie profitiert vom großen Einzugsgebiet, der zentralen Lage am Bahnhof und von der längst verschwundenen Konkurrenz. „Wir haben unsere feste Stammkundschaft. Viele kommen täglich.“ Seit 20 Jahren, also seit Eröffnung des Video Paradieses, ist sie Chefin. Mit VHS-Kassetten hat sie angefangen, später kamen DVDs, Blue-Rays und 3D-Produktionen hinzu. „Unser Fokus liegt auf Filmneuheiten, Spiele für die Playstation 3 oder die X-BOX. Sobald ein Film auf DVD erhältlich ist, haben wir ihn gleich mehrfach hier ausliegen. Auch ganze Serienstaffeln kann man sich bei uns ausleihen“, erzählt Kerstin Adams. Zudem sei der Service gut, rund 15 Mitarbeiter zählen zum Personal, sie rufen ihre Stammkunden auf Wunsch auch schon mal an, sobald ein favorisierter Film erhältlich ist. „Wir haben auch immer noch wieder Neukunden, gerade wenn Studenten herziehen.“

Denn dass ausschließlich ältere Generationen noch in Videotheken ausleihen, sei ein Irrglaube, verdeutlicht Adams. „Das Alter unserer Kunden ist gemischt. Tagsüber ist eher das ältere Publikum vertreten, in den Abendstunden eher das jüngere. Sie kommen, um eine breite Auswahl zu haben, sich freundlich beraten zu lassen und einen Film in guter Qualität zu sehen.“ Auch ihr Bleckeder Kollege Heese sieht die Blue-Rays, also die Filme in bester Bild- und Tonqualität, als einen der Hauptgründe, wieso Videotheken überhaupt noch geöffnet sind. „Diese Qualität gibt es nicht im Internet. Die leiht man sich dann doch besser aus“, meint er.

Doch auch beim Lüneburger Videoverleih gibt es Zeiten, in denen das Geschäft nicht gut läuft. In den kälteren Monaten würden viel mehr Filme ausgeliehen als im Sommer. Besonders die Zeiten einer Fußball-Welt- oder einer Europameisterschaft seien schwierig  für Kerstin Adams die größte Konkurrenz. Da müssten die Videothekare eigentlich hoffen, dass Deutschland so früh wie möglich ausscheidet.

Für sie steht fest, dass es Videotheken auch in der Zukunft noch schaffen können, wenn sie mit guter Beratung glänzen und immer auf dem neuesten Stand sind. Der Videothekar ist für sie keinesfalls ein aussterbender Beruf. „Er besteht nicht nur stumpf darin, Filme zu verleihen und wieder anzunehmen. Man arbeitet im Mahnwesen, in der Buchführung und in der Personalplanung. Ich habe viele verschiedene Aufgaben und habe seit zwanzig Jahren viel Spaß hier.“