Donnerstag , 29. September 2016
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Elmar Seifermann bringt den Flaschenzug in eine neue Position, immer wieder zieht er die Kette. Die Wachtglocke muss vom Boden 40 Meter hoch in die Glockenstube gezogen werden. Johannis erhält neue Glocken, auch die Aufhängungen werden erneuert. Eine Ausgabe von 400 000 Euro. Foto: ca
Elmar Seifermann bringt den Flaschenzug in eine neue Position, immer wieder zieht er die Kette. Die Wachtglocke muss vom Boden 40 Meter hoch in die Glockenstube gezogen werden. Johannis erhält neue Glocken, auch die Aufhängungen werden erneuert. Eine Ausgabe von 400 000 Euro. Foto: ca

Ein starker Job

ca Lüneburg. Johannes der Täufer blickt ein wenig skeptisch, aber aufmunternd vom Kirchenfenster auf die Glocke, die an ihm vorbeischwebt. In der Bibel heißt es, der Prophet Jesaja habe seine Aufgabe beschrieben: „Ein Bote wird in der Wüste rufen: ,Macht den Weg frei für den Herrn! Räumt alle Hindernisse weg.“ Das gilt auch für die gewaltige Last, die ein Seilzug im Johannisturm nach oben zieht. Vier Glocken sind bereits oben, doch am Donnerstagmorgen geht es um die Wachtglocke, 6,9 Tonnen schwer, 2,10 Meter Durchmesser. An manchen Stellen ist nicht einmal eine Handbreit Platz, um den Koloss vorbeizubugsieren. Superintendentin Christine Schmid steht auf der Empore der Turmhalle und ist sicher, dass alles klappt: „Ein Geburtskanal ist auch eng, und es passt.“

Gunter Gläser und Elmar Seifermann sind die Geburtshelfer. Sie haben zwei kaputte Glocken hinuntergelassen und nach der Reparatur samt zwei Ersatzglocken nach oben gehievt. Das war Pflicht, jetzt folgt die Kür. Wochenlang haben sie oben in der Glockenstube und darunter Durchlässe geschaffen, Balken auseinandergesägt, Flaschenzüge mit fingerdicken Seilen und Ketten eingehängt. 40 Meter weit ist die Reise  und eine Marathon-Herausforderung. Denn die Wachtglocke kann nicht gerade hochgezogen werden. Vor allem in der letzten Ebene müssen die Monteure sie um zwei Meter versetzen, da legt sie eine Rast ein, bevor sie die letzten 8,30 Meter weiterreist.

Das erste Stück ist einfach, selbst den ersten Durchlass bewältigen die beiden Experten, denen die Küster Hans-Jürgen Stiller und Hartmut Sost zur Seite stehen. Doch dahinter beginnt das ausgeklügelte verwinkelte Gebälk, das die Glocken trägt und Energie in die Turmwände leiten muss. „Wenn die Glocke schwingt, entwickelt sie ihr dreifaches Gewicht“, sagt Gläser, der den seltenen Meistertitel Glockenfachmonteur führt. Macht knapp 21 Tonnen allein für die Wachtglocke. Insgesamt hängen zehn klingende Schätze in Johannis. Der 64-Jährige, der sein Handwerk in Apolda in Sachsen gelernt hat, und sein Zimmermannskollege Seifermann wissen die Baukunst der Vorfahren zu schätzen, die berechnet haben, welche klingende Last zur Ehre Gottes der Turm stemmen kann.

Da müssen die Küster an den Seilen ziehen, dort drückt Seifermann mit einer Latte gegen die Bronze, ein paar Zentimeter weiter hebelt er mit einem Brecheisen. Ganz oben thront Gläser, der den Motor des Seilzugs steuert, sanft und mit vollkommener Ruhe. Trotz aller Vorbereitungen, schließlich geht nichts mehr. Seifermann wirft die Motorsäge an, fünf Zentimeter sägt er von einem Balken ab, die Glocke knarzt vorbei. Und sie singt, ganz leise. Die Berührung mit dem Stahlseil schenkt dem Klangkörper ein majestätisches Summen.

Immer wieder turnt Gläser nach unten, schaut, stimmt sich mit Seifermann ab. Dem platschen Schweißtropfen von der Nase. Mit der Exaktheit einer Maschine zieht er die Ketten eines Zuges. Hunderte Male, 30, 40 Kilo jedes Mal, der 50-Jährige hat Unterarme wie Baumstämme. Langsam bewegt sich die Glocke nach links, weg von der Luke, sie muss auf zwei mächtige Balken, um zu verschnaufen. Nach drei Stunden steht sie dort.

Die Männer hängen nach dem Mittag Flaschenzüge um, denn der Koloss muss noch eine Etage nach oben. Wieder eng. Ein paar Tage haben die freundlichen Kerle noch zu tun: Aufhängungen setzen, Joche als Träger positionieren, Glocken einhängen. Ein Knochenjob, aber einer, der die Genauigkeit von Chirurgen und die Beweglichkeit von Artisten erfordert.

Am Stadtfestsonntag, 22. Juni, will die Gemeinde ihr Glockenspiel weihen, eines der schönsten und klangreichsten im Norden. Um 9.30 Uhr soll die Feier beginnen. Dann jubilieren und jauchzen die Glocken, hoch über dem Lüneburger Backsteinmeer: „Ehre sei Gott in der Höh!“ Und unten stehen Seifermann und Gläser, die stillen Kapellmeister dieses wunderbaren Orchesters.