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Sie treten die Klassenreise per Kanu an: (linke Seite, von vorne) Marvin Mann, Lara Oh-landt, Jonas Fiest und der ausgebildete Kanu-Guide Jan-Ole Krebs sowie  (r., von vorne) Jonas Kühn, Mika Hedder, Florian Kurtesi und Caroline von Estorff. Foto: t&w
Sie treten die Klassenreise per Kanu an: (linke Seite, von vorne) Marvin Mann, Lara Oh-landt, Jonas Fiest und der ausgebildete Kanu-Guide Jan-Ole Krebs sowie (r., von vorne) Jonas Kühn, Mika Hedder, Florian Kurtesi und Caroline von Estorff. Foto: t&w

Seht zu, wie Ihr da hinkommt

ahe Lüneburg. Das Ziel steht seit Langem fest: An den Schaalsee in Schleswig-Holstein geht es für die Achtklässler der Hauptschule Stadtmitte. Doch eine ganz gewöhnliche Klassenfahrt ist es dennoch nicht, zu der die Jugendlichen heute Mittag aufbrechen: Denn sie fahren nicht mit dem Zug oder dem Bus, sondern gehen zu Fuß, radeln oder paddeln. „Seht zu, wie Ihr da hinkommt“, lautete die Devise der Lehrer, die aber keinesfalls Gleichgültigkeit ausdrückt, sondern die Selbstständigkeit der Schüler fördern soll. Herausforderungsprojekt nennen es die beiden Klassenlehrerinnen Susanne Petersen und Sabine Sturm.

Bis zum kommenden Sonntag, 6. Juli, müssen die Mädchen und Jungen der Klassen 8a und 8b am Ziel sein, lautet die Vorgabe. Wie sie das schaffen, durften sie sich selbst überlegen. Allerdings müssen sie dabei auf Muskelkraft statt Motorisierung setzen und eine Strecke wählen, die für den Zeitraum realistisch erscheint. Jonas ­Fiest und seine Kumpels haben sich für die Anreise in Kanus entschieden. Von Bad Oldesloe aus geht es auf der Trave nach Lübeck, von dort weiter auf der Wakenitz und dem Schaalseekanal bis zum Ziel. Die Strecke haben sich die Schüler selbst ausgesucht, für Proviant sorgen sie selbst, auch die Kanus haben sie organisiert. Und gerade dabei mussten sie flexibel sein: „Eigentlich wollten wir die von der Schule nehmen, aber die eignen sich nicht“, erzählt Jonas. Kurzerhand disponierten die Schüler um, besorgten Ersatz über das Kanu-Center am Schaalsee. „Die stellen uns die Kanus sogar kostenlos zur Verfügung“, freut sich Mika Hedder. Angesichts des vorgegebenen Budgets von 5 Euro pro Kopf und Tag eine echte Erleichterung. Nun müssen die Reisegefährte noch kurzfristig nach Lüneburg transportiert werden. Vom Schulhof aus geht es für alle Gruppen heute Mittag zum Ausgangspunkt ihrer jeweiligen Reiseroute, bis dorthin sind motorisierte Anreisen durchaus noch erlaubt.

20 Kilometer pro Tag wollen Jonas und seine Gruppe paddeln, fünf bis sechs Stunden täglich. In Lübeck wollen sie einen längeren Stopp einlegen, um sich die Stadt ein wenig anzusehen. Unterwegs schlafen sie im Zelt, als Proviant haben sie unter anderem Brot, Pizza und Nudeln dabei, kochen können sie auf zwei Gaskochern. Auch Übernachtungen in kirchlichen Gemeindehäusern sind denkbar, nur kümmern müssten sich die Schüler auch darum selbst. Ganz allein sind sie nicht unterwegs, jede Gruppe wird von Studenten begleitet, die Zusammenarbeit der Schule mit der Leuphana macht es möglich. 23 Kuwi-Studenten aus dem Seminar „Selbstständigkeit  Abenteuer mit Jugendlichen“ von Timo Bartknecht haben und werden den Jugendlichen Tipps geben und sie auf ihrer Reise unterstützen. Lara Ohlandt ist eine von ihnen, sie sagt: „Auch für uns ist es eine Herausforderung, die Schüler einfach machen und auch mal in die falsche Richtung laufen zu lassen.“ Denn sofort korrigierend eingreifen sollen sie nicht. Die Schüler sollen Fehler machen dürfen und sie auch ausbügeln lernen. Die Lehrer sind dennoch auch unterwegs stets in Reichweite, können jederzeit per Auto kurzfristig vor Ort sein.

Möglich macht die Umsetzung, die im Fall des Erfolges eine Wiederholung in den nächsten Jahren erleben könnte, die Unterstützung aller Beteiligten. Lehrerin Sabine Sturm sagt: „Toll, dass auch die Eltern der Schüler hinter dem Projekt stehen, sie bringen uns viel Vertrauen entgegen.“ Die Idee für die etwas andere Klassenfahrt haben die Lehrer aus Berlin mitgebracht, die Schüler seien sofort „Feuer und Flamme“ gewesen. Jonas sieht sowohl Vor- als auch Nachteile: „Einerseits ist es gut, wenn eine Reise vorbereitet wird und man sich um nichts kümmern muss, andererseits macht es auch Spaß, alles selbst zu organisieren.“ Dass bei der ganzen Organisation nicht immer alles reibungslos verläuft, haben die Jugendlichen auch gemerkt: „Wir hatten in unserer Gruppe einen kleinen Streit, weil einige der Meinung waren, das Einzelne sich nicht genug gekümmert haben“, gesteht Jonas.

Wenn die Schüler am Sonntag ihr Ziel erreicht haben werden, verbringen sie alle zusammen noch drei Tage im Schaalsee-Camp, ehe es zurück nach Lüneburg geht  dann allerdings auf herkömmliche Weise mit Motorkraft.