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Schüleraustausch-Gruppen sind in der Stadt stets willkommen und werden regelmäßig auch im Rathaus empfangen - hier Schüler des Lycée Jacques Monod aus Clamart mit Bürgermeister Eduard Kolle. Foto: t&w
Schüleraustausch-Gruppen sind in der Stadt stets willkommen und werden regelmäßig auch im Rathaus empfangen - hier Schüler des Lycée Jacques Monod aus Clamart mit Bürgermeister Eduard Kolle. Foto: t&w

Verblassende Freundschaften

us Lüneburg. Lüneburg steht gut da, wenn man der Internetseite der Hansestadt Glauben schenken will. Immerhin weist die Seite sechs Städtepartnerschaften und zwei Städtefreundschaften aus. Einen ehrlicheren Blick auf die Beziehungen der Stadt aber geben die Hinweistafeln, die an Lüneburgs Ausfallstraßen aufgestellt sind. Nur mit Mühe sind darauf noch die Namen und Wappen der befreundeten Städte erkennbar. Denn einige dieser Partnerschaften existieren inzwischen nur noch auf dem Papier, andere, weil Privatpersonen als treibende Kraft dahinter stehen oder private Organisationen inzwischen die Initiative ergriffen haben.

„Die Politik startete mit viel Tamtam, dann passierte eine Zeitlang gar nichts mehr. Inzwischen läuft der Kontakt fast nur noch über uns“, sagt Professor Dr. Jürgen Lürssen, Vorsitzender der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) Lüneburg-Clamart. Am 12. September 1975 wurde der Städtepartnerschaftsvertrag mit der französischen Stadt Clamart geschlossen, vier Jahre später der Lüneburger Ableger der DFG ins Leben gerufen. Zwischen 40 und 50 Franzosen kommen inzwischen alle zwei Jahre nach Lüneburg, darüber hinaus gibt es den Austausch zwischen Schulen, gerade erst war eine Schülergruppe aus Clamart für eine Woche in Lüneburg. „Zur 40-Jahr-Feier im kommenden Jahr erwarten wir eine größere Gruppe“, freut sich Professor Lürssen. Er hofft, dass auch die Stadt dann wieder mit von der Partie ist.

Gänzlich eingeschlafen ist der städtische Kontakt zur englischen Stadt Scunthorpe. Sie war die erste von sechs Städten, mit denen Lüneburg eine Partnerschaft eingegangen ist, doch sie existiert schon lange nur noch auf dem Papier. „Das hat kommunalpolitische Gründe“, erläutert Dr. Henry Ahrens, bei der Stadt für Städtepartnerschaften zuständig. 1996 ist Scunthorpe im Rahmen einer Gebietsreform in der Verwaltungseinheit North Lincolnshire aufgegangen, seitdem ruhen die Kontakte. „Offiziell besteht die Partnerschaft zwar noch“, versichert Ahrens, „aber auf der englischen Seite wird das in den letzten Jahren nicht besonders gepflegt.“ Regelmäßige Kontakte gibt es ­dennoch, seit 1978 findet jährlich ein Schüleraustausch zwischen dem Johanneum und dem John-Leggott-College statt, der seit 1981 von Adelheid Ude, Lehrerin am Johanneum, organisiert wird.

Besser läuft es in der Partnerschaft mit Naruto. Anknüpfend an das nach dem Ersten Weltkrieg entstandene freundschaftliche Verhältnis zwischen Deutschen und Japanern unterzeichneten beide Städte am 18. April 1974 den Vertrag, seitdem finden jedes Jahr im Wechsel Besuche offizieller Delegationen statt. Seit 1980 fördert die Deutsch-Japanische Gesellschaft zu Lüneburg die persönlichen Begegnungen zwischen den Städten. Als sich die Politik zu Beginn der neunziger Jahre zurückzog, war es die Lüneburgerin Elisabeth Süpke, die den Kontakt zu den entfernten Freunden mit großem Engagement aufrecht erhielt, heute sorgt Volker Geball als Vorsitzender der Gesellschaft mit Vorträgen, Musikveranstaltungen und gemeinsamen Festen für feste Beziehungen.

Wenig bis gar keine Aktivitäten gibt es mehr zwischen Lüneburg und Ivrea. Die Partnerschaftsurkunde mit der italienischen Stadt in der Provinz Turin datiert vom 27. August 1988. Doch Lüneburgs Bemühungen, die Partnerschaft dauerhaft mit Leben zu füllen, hätten zuletzt immer weniger gefruchtet. „Die Italiener sind unseren Einladungen nach 2000 leider nicht mehr gefolgt“, sagt Ahrens, der auch finanzielle Gründe hinter dem italienischen Desinteresse vermutet.

Das dänische Viborg ist seit 29. August 1992 Partnerstadt von Lüneburg. Ähnlich ­Scunthorpe laufen auch bei der in Jütland gelegenen Stadt die offiziellen Kontakte nach einer Kommunalreform nur noch auf Sparflamme. Um die Pflege der deutsch-dänischen Beziehungen bemüht sich die Lüneburger Sektion der Deutsch-Dänischen Gesellschaft Kiel mit ihrem Vorsitzenden Professor Dr. Klaus Alpers. „Den letzten Besuch aus Dänemark gab es im vergangenen Jahr anlässlich unseres 20-jährigen Bestehens“, sagt Alpers, dessen Gesellschaft regelmäßig auch zu Vorträgen einlädt und Unterstützung bei Schüleraustausch-Programmen anbietet.

Die bislang letzte Städtepartnerschaft ist Lüneburg am 22. August 1993 mit der estnischen Stadt Tartu eingegangen. Der Partnerschaft gingen bereits umfangreiche Kontakte und Unterstützungsaktionen durch die Lüneburger nach dem Mauerfall voraus. Heute lebt die Partnerschaft sowohl von offiziellen als auch privaten Kontakten, die maßgeblich durch die Deutsch-Estnische Gesellschaft zu Lüneburg getragen und gehalten werden. Wichtige Impulse setzten dabei der Lüneburger Unternehmer Karl-Heinz Hebrok und Lüneburgs Ratsherr Heiko Dörbaum.

1967 entstand aus einer Bierlaune heraus die Städtefreundschaft mit der bayerischen Stadt Kulmbach. Gelegentlich finden noch Begegnungen statt, der große offizielle Rahmen aber hat sich im Laufe der Jahre verflüchtigt. Eine zweite Städtefreundschaft besteht offiziell noch mit Köthen in Sachsen-Anhalt. Nachdem aber der ursprüngliche Impetus der Hilfestellung kurz nach der deutschen Wiedervereinigung verflogen war, verlor sich auch das Interesse an weiteren Begegnungen.

Neue Partnerschaften will die Stadt derzeit nicht eingehen, auch wenn es gelegentlich Anfragen gebe  vornehmlich aus Russland, Afrika und Osteuropa. Dazu sagt Ahrens: „Partnerschaften binden Ressourcen, die wir zurzeit nicht haben.“ Er hofft deshalb auch auf stärkeres bürgerschaftliches Engagement und setzt darauf, dass sich Schulen, Sportvereine und auch die Feuerwehr weiterhin für die Pflege der zwischenstädtischen Kontakte einsetzen: „Es muss ja nicht alles über meinen Schreibtisch gehen.“

 

Lüneburger Partnerschaften

Scunthorpe: Die alte Stahlstadt ist seit 1960 Partnerstadt. Sie hat rund 73 000 Einwohner und liegt im Mittelpunkt der Gebietskörperschaft North Lincolnshire, deren Verwaltungssitz sie ist. Scunthorpe entstand erst 1936, um eines der Hauptzentren für die Stahlproduktion Europas zu entwickeln. Heute gibt es nur noch ein Stahlwerk, es ist eines der modernsten Europas und produziert beinahe ein Viertel des gesamten britischen Stahls.

Naruto: Seit 1974 sind Naruto und Lüneburg Partnerstädte. In der südjapanischen Stadt mit rund 60000 Einwohnern gibt es ein Deutsches Haus, es ist Museum und Begegnungsstätte und gibt Einblick in die „deutsche“ Geschichte Narutos. In der Nähe der Stadt war während und nach dem Ersten Weltkrieg ein Gefangenenlager für deutsche Soldaten. Die freundeten sich mit den Japanern an und hinterließen kulturelle Spuren.

Clamart: 1975 wurde die Partnerschaft geschlossen mit der Stadt im Südwesten von Paris. Clamart hat etwa 53 000 Einwohner (Stand Ende 2012), wird erstmals in Dokumenten Ende des 7. Jahrhundert erwähnt, damals noch in der Form „Claumar“ oder „Clanmar“. Der Name „Clamart“ in der heutigen Form taucht erstmals im 11. Jahrhundert auf. Clamart hat außer Lüneburg die Partnerstädte Scunthorpe (Großbritannien), Majadahonada (Spanien), Artashat (Armenien) und Penamacor (Portugal).

Viborg: Die dänische Stadt in Mittel-Jütland liegt auf dem nördlichen Teil der dänischen Halbinsel, nordwestlich von Århus. Seit 1992 ist sie Partnerstadt Lüneburgs. Die Gemeinde ist mit einer Fläche von gut 1474 Quadratkilometern die zweitgrößte Dänemarks. Dies ist ein Ergebnis der Fusion der Gemeinden Bjerringbro, Fjends, Karup, Møldrup, Tjele und des alten Viborg sowie des Schuldis­trikts Hvam vom 1. Januar 2007 zur neuen Viborg-Kommune mit 94333 Einwohnern (Stand Anfang 2013), das Stadtgebiet Viborg hat 38261 Einwohner. Viborg ist auch für Urlauber eine attraktive Stadt, sie ist vor allem als Einkaufsstadt sehr beliebt.

Tartu: Die Partnerschaft zur estnischen Stadt besteht seit 1993. Lüneburg organisierte in den 90er-Jahren 17 Hilfsgütertransporte in die Stadt im Baltikum. Mittlerweile ist Tartu eine aufstrebende Stadt, die sich an westeuropäischen Standards orientiert. Tartu (Dorpat) ist die zweitgrößte Stadt Estlands, in der 98480 Menschen (Stand Anfang 2013) auf einer Fläche von 38,8 Quadratkilometern leben. Die Stadt liegt 185 Kilometer von Tallinn entfernt und bildet das Zentrum Südestlands. Sie ist das Bildungszentrum Estlands, hier leben etwa 20000 Studenten.

Ivrea: Die Stadt liegt in Norditalien in der Provinz Turin in der Region Piemont und hat 23632 Einwohnern (Stand Ende 2012). 1988 unterzeichneten die Oberbürgermeister von Ivrea und Lüneburg die Partnerschaftsurkunde. Ivrea ist bekannt für seinen historischen Karneval, bei dem traditionellerweise eine „Orangenschlacht“ (battaglia delle arance) ausgetragen wird. Der Ursprung dieser Tradition geht zurück auf das Jahr 1808, in dem die damaligen napoleonischen Herrscher den Zusammenschluss der verschiedenen Karnevalsfeste zu einem einzigen beschlossen.

Kulmbach: Die gemütliche Stadt mit 27144 Einwohnern (Stand Anfang 2011) ist eine der kleinsten der mit Lüneburg befreundeten Städte. Die Freundschaft besteht seit 1967. Neben der eindrucksvollen Natur stellen gerade die Altstadt und umliegende Ortschaften eine einladende Attraktion dar.

Köthen: Die Stadt in Sachsen-Anhalt hat 28274 Einwohner (Stand Ende 2012). Optische Höhepunkte: das Schloss mit Gedenkstätte für Johann Sebastian Bach und das Prinzessinnenhaus. Wie einst Lüneburg ist es Fachhochschul­standort.