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Skurriler Fall für das Lüneburger Gericht. Foto: A
Skurriler Fall für das Lüneburger Gericht. Foto: A

Der Mann mit der Mörderliste

rast Lüneburg. ,,Ich war in dem Glauben, sie haben sich alle gegen mich verschworen.“ Das sagte ein 49 Jahre alter Winsener gestern, 7. Juli, vor der 3. Großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg, der nach seinen Worten eine ,,Mörderliste“ führte, in der der Diplom-Musiklehrer Menschen und Organisationen aufführte, die ihm seiner Meinung nach nach dem Leben trachteten, angeführt vom russischen Geheimdienst bis hin zu einer seiner Musikschülerinnen auf Platz 29. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann üble Nachrede, vorsätzliche Körperverletzung, versuchte Nötigung und Fahren ohne Führerschein vor, bei einer Verurteilung komme auch seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus in Betracht.

Der Mann, der von sich selbst sagt, er sei krank, es gehe ihm aber besser, seit er Spritzen bekomme, räumte den Großteil der Vorwürfe ein. ,,Ich dachte, ich hätte was Tolles aufgedeckt und wollte die Leute vor Pädophilen warnen.“ Er habe geglaubt, Menschen um ihn herum bewegten sich in pädophilen Kreisen, auch seine ehemalige Lebensgefährtin, mit der er einen drei Jahre alten Sohn hat: ,,Ich dachte, mein Kind wird missbraucht.“ Seine Ex arbeitet als Kinderpflegerin in einer Kita. Der 49-Jährige ging zu ihrer Vorgesetzten und erzählte ihr, dass seine ehemalige Partnerin einem Pädophilen-Ring angehöre und dass ein Mordanschlag auf ihn verübt worden sei. Fortan wurde die Frau besonders beobachtet, auch auf das Verhalten des Kindes geachtet. Doch die Kita-Leitung hielt zu der 39-Jährigen, die seit 20 Jahren dort arbeitet. Die Frau stellte Strafanzeige, leidet heute immer noch unter dem Geschehen: ,,Ich habe Albträume. Mein Nervenkostüm ist total kaputt.“ Der Winsener schrieb auch einen Brief an ihre Nachbarn, wiederholte darin die Anschuldigungen. Und er gab an, der Vater seiner Ex habe versucht, ihn mit einem Auto von der Straße zu drängen. Gestern sagte der Angeklagte: ,,Das war nur meine Fantasie.“

Sein zweites Opfer war seine Ehefrau, die er nach der Beziehung mit der Erzieherin heiratete. Auch ihr warf er vor, in pädophilen Kreisen zu verkehren. Er räumte ein, sie in der gemeinsamen Wohnung bei einem Streit, als sie ausziehen wollte, angespuckt und an den Haaren gezogen zu haben. Nach dieser Trennung fühlte er sich zu einer seiner Musikschülerinnen hingezogen, mit der er eine CD produziert hatte. Laut Anklage hat er sie ,,mit täglich bis zu 100 SMS bombardiert“. Die Schülerin habe diese allerdings ignoriert, und als sie eine SMS mit einer Einladung zum Essen nicht beantwortete, schrieb er ihr, dass sie ,,auf Platz 28 und 29″ seiner ,,Mörderliste“ stehe. Daraufhin erwirkte sie eine Verfügung nach dem Gewaltschutzgesetz, er durfte sich ihr nicht mehr nähern.

Woher sein Wahn mit der Pädophilie gekommen sei, konnte der 49-Jährige nicht beantworten, ,,vielleicht weil ich meinen Sohn nicht sehen durfte“. Die Krankheit habe sogar so weit geführt, dass er bei Polizeiwagen mit dem Kennzeichen WL-PI, wobei das PI für Polizeiinspektion steht, immer an ,,pädophilen Inzest“ denken musste.

Der Prozess, bei dem auch ein psychiatrischer Gutachter gehört wird, wird am Mittwoch, 16. Juli, fortgesetzt, ein Urteil könnte am 23. Juli gesprochen werden.