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Ein Teil der Möbel ist schon verschwunden, die anderen könnten bei einer Haushaltsauflösung neue Eigentümer finden. Heinz Kruse muss all seine Sachen abgeben, weil er ins Altenheim geht. Es fällt ihm schwer, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Foto: t&w
Ein Teil der Möbel ist schon verschwunden, die anderen könnten bei einer Haushaltsauflösung neue Eigentümer finden. Heinz Kruse muss all seine Sachen abgeben, weil er ins Altenheim geht. Es fällt ihm schwer, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Foto: t&w

Der schwere Weg ins Altenheim

ca Lüneburg. 22 Quadratmeter. Wie nimmt man ein Leben mit auf 22 Quadratmeter? Sein Bett muss mit, da ist sich Heinz Kruse sicher. Ein Fernseher, das kleine Sofa, der Sessel, die Anrichte. „Der Tisch wird wohl nicht reinpassen“, sagt der 86-Jährige. „Da brauche ich was Kleineres.“ Einen Karton hat er gepackt, ein paar Bücher darin, Fotoalben. Und zwei Bilder, eines erinnert an ein Stillleben eines holländischen Meisters, das andere, gemalt von Gudrun Jakubeit, zeigt farbenfroh Michaelis und den Iflock, wo er einst zur Welt kam. Das Foto seiner Inge, die vor sieben Jahren gestorben ist und ihm so fehlt. Jetzt steht wieder ein Abschied an, von seinem 120-Quadratmeter-Haus und 792 Quadratmetern Garten. Heinz Kruse geht ins Altenheim.

Es ist Alltag. Von 1043 Senioren- und Pflegeheimplätzen in Lüneburg berichtet die Stadt, im gesamten Kreis sind es 2409. Die Senioren können oder wollen nicht mehr alleine leben, sie ziehen um, weil sie hoffen, dass jemand nach ihnen sieht, sie wäscht und pflegt, wenn sie es nicht mehr alleine schaffen.

Heinz Kruse fühlt sich ziemlich fit: „Ich kann selber duschen, Gott sei Dank. Da brauche ich niemanden.“ Auch zu Fuß sei er ganz gut. Aber die Hände kribbeln, die Finger greifen nicht mehr ganz so fest zu. Da waren zwei Schlaganfälle. „Einmal bin ich umgefallen“, erzählt er. Er weiß nicht mehr, wie er es geschafft hat, per Telefon Hilfe zu rufen. Naja, und der Kopf. Der brauche ab und an, um die richtigen Worte zu finden. Manchmal gehe etwas durcheinander. Das mit dem Heim sei richtig, „dort habe ich keine Last und bin versorgt“. Sicher sei es da, bekräftigt er. Da schaue jemand nach ihm.

Es klingt, als mache sich der alte Mann Mut. Er weiß, dass er nicht zurückkehrt, dass er aufgibt, was er mit seiner Frau aufgebaut hat, das Eigentum will er verkaufen. 1960 sind sie eingezogen, die Töchter wuchsen hier auf. Sie haben zweimal angebaut. Immer alles mit ordentlich bezahlten Handwerkern. „Schwarzarbeit gabs bei mir nicht!“ Denn Kruse war Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, ein Vierteljahrhundert lang, insgesamt hat er dort von 1942 bis 1992 gearbeitet. Er geht in den Flur, zeigt auf die Treppe, umgesetzt von Meisterbetrieben: „Meine Idee, ich habe das Modell aus Pappe gebaut. Jeder, der reinkommt, sagt: Eine tolle Treppe.“ Ob die neuen Bewohner Metallstreben und Holzstufen zu schätzen wissen?

Er kämpft einen Moment mit sich. „Es ist ein verdammtes Angehen“, sagt er tapfer. Dann, zum fünften Mal in einer halben Stunde: „Alles muss weg.“ Seinem Arzt hat er fünfzig Bildbände geschenkt, Freunde und Bekannte bekommen Biografien, Geschichtswerke. Trotzdem reihen sich die Buchrücken aneinander wie eine Legion Soldaten. Wer soll den Schrank nehmen. Der war teuer, doch heute? „Vielleicht kann man das bei einer Haushaltsauflösung verkaufen“, hofft Kruse. Aber wer soll die vielen kleinen Bilder nehmen, an denen seine Frau so hing? „Ich kann die doch nicht mitnehmen.“ Kleidung vielleicht ans Rote Kreuz? Die Nachbarn hat er gefragt, ob sie was brauchen. Die winken ab, Haus und Keller sind auch bei ihnen voll.

Das grüne Service holt die Enkeltochter ab. Das freut Kruse. Aber die Fotoalben? „Wer soll sich denn die Urlaubsbilder angucken? Damit kann ich die Familie nicht belasten.“ Weg. Wieder ein kleiner Stich ins Herz. Die Orchideen im Flur, die könnte die Putzfrau mitnehmen: „Die mag Blumen.“ Die Münzsammlung hat er weggegeben. Osterschmuck wollte ein Kindergarten. Alles in guten Händen.

Er sitzt auf seinem Sofa. Ein paar Wochen bleibt er noch in seinem Haus, das immer ein bisschen leerer wird. Er atmet auf und macht sich ein bisschen Sorgen. 1700 Euro soll er jeden Monat für das Seniorenheim bezahlen. „Ich habe ja eine gute Rente“, sagt er. Auch der Verkauf des Hauses bringe etwas, und Ersparnisse hat er auch. Aber er ist froh, dass seine Tochter seine Finanzen im Blick hat. Die habe gesagt: „Papa, das geht.“

Jetzt kann er seine Thermobox mit dem „Essen auf Rädern“ aufmachen, wann er möchte. In seiner neuen Wohnung geht das nicht. „Da gibt es feste Zeiten.“ Er weiß noch nicht, ob er wie gewohnt sonntags außerhalb Essen geht. „Ich will lieber alles mitmachen. Sonst heißt es noch, der Neue passt sich nicht an.“ Na ja, aber wenn er sich eingelebt habe, dann könne er wohl wieder mit der Tochter in sein Stammlokal fahren.

Der alte Herr in seinem karierten Hemd schaut durch das Wohnzimmer wie ein König über ein vergehendes Reich. „Wann ist der richtige Zeitpunkt zu gehen?“, fragt er sich. „Wenn man noch voll im Leben ist, oder erst, wenn man nicht mehr kann? Man will doch nicht aus dem Haus gehen, aus seinem Eigentum.“ Dann strafft er die Schultern: „Man hört ja von welchen, die sagen, sie hätten es nicht bereut, zu Hause ausgezogen zu sein. Hoffentlich geht mir das auch so.“ 22 Quadratmeter Leben. Ein Zurück gibt es nicht mehr.

 

Wenn das Geld nicht reicht
Nicht jeder Senior bezieht genug Rente, um sich den Platz im Altenheim aus eigener Tasche leisten zu können. Landkreissprecherin Elena Bartels berichtet, dass der Kreis in 516 Fällen Beihilfen zahlt, im Durchschnitt 600 Euro pro Person. Sie sagt: „Wie viel ein Platz in einer stationären Pflegeeinrichtung letztlich für den Bürger kostet, berechnet sich nach einer Bedarfsberechnung, in der Einkommen, Pflegegeld, Unterhalt und die jeweilige Pflegestufe berücksichtigt werden.“ Und weiter: „Wenn daraus der Pflegeplatz nicht finanziert werden kann, wird der Restbetrag von der Sozialhilfe übernommen.“ Suzanne Moenck, Pressesprecherin der Stadt, ergänzt, dass Kinder für die Kosten der Versorgung ihrer Eltern herangezogen werden können. Viele hätten Angst, dass sie tief für Mutter oder Vater in die Tasche greifen müssten, „aber da gibt es Freibeträge, die angerechnet werden“. Die meisten Senioren ziehen erst in ein Heim, wenn sie Pflege benötigen. Das Durchschnittsalter liege bei 82 bis 84 Jahren. In diesen Fällen fließt dann auch Geld aus der Pflegeversicherung. Es gebe drei Stufen, je nach Pflegebedürftigkeit. Es staffelt sich in monatliche Zuschüssse von 1023, 1279 und 1550 Euro. Informationen erteilt das Seniorenbüro der Stadt: Tel. 3 09 32 13. ca