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Max und Gamze legen Hand an in der Fahrradwerkstatt. Sie kontrollieren, ob die Kette noch alltagstauglich ist und die Pedalschrauben fest angezogen sind. Foto: t&w
Max und Gamze legen Hand an in der Fahrradwerkstatt. Sie kontrollieren, ob die Kette noch alltagstauglich ist und die Pedalschrauben fest angezogen sind. Foto: t&w

Wenns vom Lehrer die Kündigung gibt

ahe Lüneburg. Max legt Hand an die Kette. Sie hat kaum Spannung. Reicht ein wenig Nachjustrieren oder ist sie so verschlissen, dass er sie komplett ersetzen muss? Diese Frage gilt es zu klären, bevor der Kostenvoranschlag an die Kundin rausgehen kann, die zudem eine komplette Funktionsprüfung wünscht. Die Kundin ist in diesem Fall eine Lehrerin, Max, eigentlich noch Schüler, hantiert in seiner Funktion als Mitarbeiter der Fahrradwerkstatt. Sie ist Teil der „Nachhaltigen Schülergenossenschaft der IGS Lüneburg“ in Kaltenmoor.

Vier Abteilungen hat die Schülerfirma der Integrierten Gesamtschule, jede funktioniert wie ein eigenes Unternehmen. Neben der Fahrradwerkstatt gibt es eine Holzwerkstatt, in der die Mitarbeiter unter anderem Vogelhäuschen bauen oder Bilderrahmen auf Vordermann bringen, den Bereich Hauswirtschaft, der bei schulischen Veranstaltungen das Catering übernimmt, und eine Textilwerkstatt, deren Belegschaft Kissenbezüge näht oder schmucke Beutel herstellt. Jede einzelne Abteilung wiederum hat neben der je ein Dutzend Schüler umfassenden Produktion noch die Bereiche Markting, Vertrieb, Buchhaltung, Personal und Einkauf, von denen jeder durch zwei Mitarbeiter besetzt wird. Die Firma funktioniert in weiten Teilen wie ein echtes Unternehmen der freien Wirtschaft: Sie bemüht sich um Auträge, kalkuliert Kosten, bestellt Material. Produktionsleiter verteilen die Arbeit und wenn der Chef mit der Arbeit seiner Mitarbeiter nicht zufrieden ist, kann er Ihnen kündigen. Doch auch die Mitarbeiter selbst haben die Möglichkeit, ihren Arbeitsvertrag aufzulösen und sich bei einer der anderen Abteilungen neu zu bewerben. Dabei bekommen sie Hilfe vom schuleigenen „Arbeitsamt“. Sogar einen Vorstand und einen eigenen Aufsichtsrat gibt es. So lernen die Schüler die freie Wirtschaft ganz praxisnah kennen.

Hervorgegangen ist das Unternehmen aus einer Planungsgruppe um Lehrerin Petra Redder. Die Mitarbeiter sind Schüler des 9. Jahrgangs, und zwar all jene, die sich gegen die zweite Fremdsprache und stattdessen für das Fach Arbeit/Wirtschaft/Technik entschieden haben. Vier Stunden pro Woche bemühen sie sich darum, ihr noch junges Unternehmen zu einer Erfolgsgeschichte werden zu lassen. Allerdings sind dabei auch Grenzen gesteckt: „Wir dürfen nicht in Konkurrenz zu Firmen der freien Wirtschaft treten“, sagt Nicole Troue, stellvertretende Schulleiterin und Chefin der Abteilung Textilwerkstatt. Also sind die Kunden die Schüler selbst, deren Eltern und die Lehrer. Viele von ihnen haben auch Anteile an der Genossenschaft.

In der Texilwerkstatt sitzt Emke an der Nähmaschine, während Mitschülerinnen Nicole Troue nach „so nem Quittungsgedöns“ fragen, die sie für die Abrechnung brauchen. Emke und ihre Kollegen stellen Kissenbezüge her, fertigen Tischsets an und entwickeln auch ganz eigene Produkte. Dabei greifen sie zurück auf Stoff, der anderswo keine Verwendung mehr gehabt hätte. Wiederverwertung ist schließlich ein wichtiger Grundgedanke der Nachhaltigkeit. Im nächsten Schuljahr sollen sie Verstärkung bekommen, die Schüler der jetzigen 8. Klassen sollen dann ebenfalls ins Unternehmen integriert werden. Nur eines fehlt der „Nachhaltigen Schülergenossenschaft der IGS Lüneburg“ noch, wie Nicole Troue zugibt: „Ein knackiger Name, der haften bleibt.“