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Nabila El Arbi, 19 Jahre alte Studentin der Leuphana, wird als einzige Teilnehmerin aus ganz Deutschland beim Girls 20 Gipfel in Sidney dabei sein und in der weltberühmten Oper ihre Ideen für die Stärkung von Mädchen und Frauen präsentieren. Foto: be
Nabila El Arbi, 19 Jahre alte Studentin der Leuphana, wird als einzige Teilnehmerin aus ganz Deutschland beim Girls 20 Gipfel in Sidney dabei sein und in der weltberühmten Oper ihre Ideen für die Stärkung von Mädchen und Frauen präsentieren. Foto: be

Die Weltverbesserin

ahe Lüneburg. Als ihre Mutter nicht mehr arbeiten durfte, war Nabila El Arbi noch ein kleines Kind. „Sie war als Fremdenführerin tätig. Mein Vater wollte nicht mehr, dass sie arbeitet und hat bei ihrem Chef für sie gekündigt“, erzählt die 19-Jährige. Das kleine Mädchen fand es nicht in Ordnung, dass der Mann einfach darüber entscheiden durfte, ob die eigene Ehefrau einen Job haben darf oder nicht. „Das hat mich geprägt.“ Heute kämpft sie dafür, dass Frauen allein über ihren beruflichen Werdegang bestimmen können und dass sie bei gleicher Arbeit auch den gleichen Lohn bekommen wie Männer. Als einzige Teilnehmerin aus Deutschland ist die Lüneburgerin im August beim „Girls 20 Gipfel“ in Australien dabei. Dort wird sie sich mit anderen Mädchen und jungen Frauen aus aller Welt über Ideen für mehr Gleichberechtigung austauschen.

Das unterschiedliche Rollenverständnis, das sich in der Geschichte von der Kündigung wiederspiegelt, führte letztlich auch zum Bruch zwischen ihren Eltern. Ihre Mutter, eine Deutsche, ließ sich von ihrem tunesischen Mann scheiden, und floh mit ihrer Tochter aus der damaligen Heimat Tunesien nach Deutschland. Nabila erinnert sich: „Das war für mich ein Kulturschock. Paare auf der Straße zu sehen, die Händchen hielten, oder sich sogar küssten, das kannte ich gar nicht.“ Die Erlebnisse in Tunesien aber, vor allem wie die Frauen dort behandelt wurden, konnte sie so schnell nicht vergessen. Doch auch in der neuen Heimat war in der Hinsicht nicht alles rosig, die kleine Nabila erlebte mit, wie schwierig es ist, für eine alleinerziehende Mutter eine Wohnung zu bekommen. „Ich glaube, das war der letzte Funke, warum ich mich heute engagiere.“ Ihre Geschichte hat sie geprägt, jetzt will sie etwas ändern an den Zuständen, die Welt ein Stück verbessern.

Und sie hat trotz ihrer jungen Jahre schon einiges gesehen von der Welt, erst mit ihrer Mutter, später allein. So war sie ein Jahr als Austauschschülerin in Brasilien, hat 2011 an einem internationalen Schülerkolleg in Brüssel und London teilgenommen, war zu einer Jugendkonferenz in Sarajevo. Regelmäßig tauscht sich die 19-Jährige, die sechs Sprachen spricht, mit anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Deutschland, Frankreich und vom Balkan über internationale Zusammenarbeit und Völkerverständigung aus, „European Young Thinkers“, die jungen Denker Europas, nennen sie sich. Ihr ehrenamtliches Engagement nehme viel Zeit ein. Andere Hobbys wie Klavier spielen, Gesang, Musical und Theater müssen etwas zurückstehen, wenn es darum geht, Grundlegendes verändern zu wollen. „Klar gehe ich auch mal weg, bin vielleicht ein-, zweimal im Monat im Pesel oder in der Hausbar. Aber auf Dauer gibt mir das nicht so viel“, gesteht Nabila. Aktuell studiert sie Umweltwissenschaften an der Leuphana. „Aber am Ende des Semesters werde ich die Uni wechseln. Vielleicht mache ich in dem Bereich weiter, vielleicht zieht es mich eher in ein Politikstudium. Ich habe auch lange überlegt, Archäologie zu studieren.“

Doch die nächste Station heißt erstmal Australien. Was genau sie am 25. und 26. August in Sidney erwartet, weiß Nabila noch nicht genau. Nur dass sie vor etwa 300 Leuten sprechen wird in der weltbekannten Oper. Davor habe sie schon ein wenig „Bammel“, doch die Vorfreude überwiege. „Das ist eine große Chance, dieses Netzwerk pusht einen. Wenn man sieht, was Teilnehmerinnen in vergangenen Jahren auf die Beine gestellt haben, ist das schon toll. Zwei junge Frauen haben zum Beispiel einen alten Bus gekauft, zur Bibliothek umgebaut und fahren damit nun durch die Slums, um die Bildung zu den Menschen zu bringen“, erzählt sie voller Bewunderung.

Mit einem Essay über das Frauenbild in Deutschland hatte sie sich für den Gipfel beworben und wurde als einzige aus mehr als 130 Kandidatinnen aus dem gesamten Bundesgebiet ausgewählt, um mit Vertreterinnen aus den anderen G20-Staaten sowie aus Pakistan, Afghanistan, dem Nahen Osten und Afrika. In ihrem Aufsatz ging es um den Druck, als Frau perfekt sein zu müssen, darum, dass so wenige Frauen in Führungspositionen arbeiten und dass sie für die gleiche Arbeit oft weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Die junge Deutsch-Tunesierin weiß, dass sich das alles nicht von heute auf morgen ändern lässt. „Es hat sich da ja auch schon viel getan in den letzten 30 Jahren“, sagt sie und verweist auf die Bundeskanzlerin. Es sei eine Sache dessen, was die Gesellschaft vermittelt und was Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben. „Was wir Kindern heute vermitteln, geben die vielleicht später an ihre Kinder weiter.“ Im Kleinen bemüht sie sich selbst darum. In Haltern am See in Nordrhein-Westfalen, wo sie die letzten Jahre gelebt hat und wo ihre Mutter für die SPD im Rat sitzt, hat sie in einem Jugendtreff eine offene Gruppe initiiert, in der Mädchen Probleme ansprechen können und mehr Selbstbewusstsein erlangen können sollen. „Es ist nur ein kleiner Rahmen“, sagt Nabila, „aber irgendwo muss man ja anfangen, wenn man was verändern will.“

1Mehr Informationen über den Gipfel, der unter dem Motto steht „3,5 Milliarden Wege die Welt zu verändern“, gibt es auf www.girls20summit.com im Internet.