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Die Jugendhütte ist Treffpunkt von Jugendlichen am Kreideberg. Eine Gruppe von Teenagern soll für eine Serie von Vandalismustaten verantwortlich sein. Foto: ca
Die Jugendhütte ist Treffpunkt von Jugendlichen am Kreideberg. Eine Gruppe von Teenagern soll für eine Serie von Vandalismustaten verantwortlich sein. Foto: ca

Problemzonen am Kreideberg

ca/mm Lüneburg. Ein Dutzend Teenager hockt neben der Holzhütte hinter den weißen Hochhäusern an der Stöteroggestraße. Mindestens drei von ihnen besitzen nicht den besten Ruf auf dem Kreideberg. Ihre Namen fallen, wenn es um Vandalismus geht, sie sollen dabei gewesen sein, als zwei Zehnjährige von zehn anderen attackiert und mit Cola übergossen wurden. Die Mutter eines der Opfer sagt, ein Vater habe den beiden Kleinen gegen die anderen geholfen, sonst hätte es schlimmer ausgehen können. Sie selbst sei bedroht und beschimpft worden, als sie die mutmaßlichen Täter zur Rede stellen wollte. Mit der LZ wollen die Jungen nicht groß reden. Aber sie hätten nichts damit zu tun, auch nichts mit dem Dreck und der zerstörten Jugendhütte. Das seien andere gewesen.

Das sehen Polizei, Sozialarbeiter und Lehrer anders. Sie haben sich jetzt zu einer Konferenz getroffen, an der unter anderem Vertreter der Christianischule, des Stadtteilhauses Kredo, des Jugendtreffs und der Stadt beteiligt waren. Der Diakon der Paulusgemeinde, Hergen Ohrdes, sagt: „Wir sind in der Abstimmung darüber, wie wir uns speziell um die Betreffenden kümmern.“ Eine Handvoll sei immer wieder auffällig, dazu kämen Mitläufer, die vermutlich an Vorfällen beteiligt gewesen seien. Zu weiteren Fragen will er keine Stellung nehmen, zum Schutz der 12- bis 15-Jährigen. Für die Stadt, die durch die Zerstörungen an einem Schulcontainer betroffen ist, erklärt Sprecherin Suzanne Moenck, dass die Verwaltung strafrechtlich gegen Verdächtige vorgehen wolle, sich aber auch für eine sozialpädagogische Begleitung einsetze.

Andere erzählen mehr, sie wollen aber nicht mit Namen in der Zeitung stehen. Einige der Jugendlichen haben Schulverweise erhalten, da sie den Unterricht so störten, dass andere Schüler nicht mehr lernen konnten.

Auch von der massiven Bedrohung eines Hausmeisters wird erzählt. Angezeigt ist neben der Attacke der Zehnjährigen ein Einbruch ins Gemeindehaus. Da wurden zwei Jungen auf frischer Tat ertappt, als sie Wände mit Stiften bekritzelten und das Parkett versauten ein Schaden von mehreren Tausend Euro. Seitdem hat das Duo dort Hausverbot.

„Uns ist klar, dass dies keine Lösung ist“, sagt ein Sozialpädagoge. „Denn so erreichen wir sie ja nicht mehr.“ Eine Überlegung sei, sich noch gezielter um die Gruppe zu bemühen und ihnen die klare Botschaft zu geben: „Der Stadtteil lässt sich so ein Verhalten nicht gefallen.“ Auch mit den Eltern habe man gesprochen: „Da war das Jugendamt.“ Wie weit das alles Erfolg beschert, da hat auch der Jugendbetreuer seine Zweifel: „Einige von denen sind ja bereits in Maßnahmen.“ Sie werden also schon besonders betreut.

In der Christianischule will Leiter Harald Vahlbruch nicht über Einzelfälle unter seinen 700 Schülern sprechen: „Datenschutz im Sinne der Jugendlichen.“ Doch er räumt ein: „Wir haben Probleme.“ Der Schulsozialarbeiter rede mit den Betroffenen und deren Erziehungsberechtigten: „Wir wollen Perspektiven entwickeln, damit die Jungen wieder Boden unter die Füße bekommen.“ Das Lebensumfeld der Betroffenen sei nicht immer einfach: „Sie reagieren darauf mit einem Verhalten, das Aufmerksamkeit erzeugen will.“ Allerdings erleidet das Bemühen der Schule nun einen Einbruch, das räumt auch Vahlbruch ein. Denn mit Beginn der Ferien haben Lehrer und Sozialpädagogen Urlaub.

Die Ferienzeit macht Hans-Jürgen Ahlfeld, Vorsitzender des Kleingärtnervereins Am Zeltberg, Sorge: „Im Moment haben wir keine Vandalismusschäden zu verzeichnen. Das ändere sich aber schon mal, wenn die Heranwachsenden in die Ferien gehen.“ Es komme vor, dass Jugendliche randalierend durch die Anlage zögen.

Für das Beschmieren von Bänken auf dem Spielplatz in der Kolonie Am Moldenweg gibt es jugendliche Tatverdächtige, gegen die wird gerade ermittelt. Der Spielplatz sei Treffpunkt von Jugendlichen, sagt Norbert Frie, Vorsitzender der Anlage. „Regelmäßig müssen wir Hinterlassenschaften wegräumen, die wohl von kleinen Feiern auf dem Spielplatz stammen“, beklagt er.
Es gab auch schon größere Vandalismusschäden. Im vorigen Jahr brannte eine Gartenlaube, das Vereinsheim wurde des Öfteren beschmiert. „Gegen die Vandalismustaten können wir uns nicht versichern, auf dem Schaden bleiben wir sitzen.“

Polizeisprecherin Antje Freudenberg kennt den Kreideberg bestens. Bis vor ein paar Monaten war sie dort Kontaktbeamtin. „Ich bin alleine und mit Kollegen in zivil zu den Jugendtreffpunkten gegangen“, sagt sie. In zweifelhaften Situationen habe sie die Personalien der Gruppen aufgenommen. Vermutlich blieb deshalb dann manches heil. Denn an Treffs wie dem Thorner Markt, der Jugendhütte zwischen den Hochhäusern, dem Bolzplatz an der Grundschule und den Hängen des Kreidebergsees liegen zerdepperte Flaschen und Müll. Gerne werden im Übermut auch mal junge Bäume umgeknickt oder mitten in der Nacht zwischen den Wohnblöcken Mülltonnen in Serie umgeschmissen.

Die Oberkommissarin macht darauf aufmerksam, dass unterschiedliche Gruppen unterwegs sind, viele davon seien unauffällig. Doch wenn es Ärger gebe, sollte sofort die Polizei gerufen werden. Tage später sei meistens wenig auszurichten. Beruhigend fügt sie an: „Wir sagen den Jugendlichen nicht, wer bei uns angerufen hat.“

Einer aus der Gruppe, die nun im Fokus steht, sagt, dass oftmals Langeweile der Antrieb für die Taten sei: Im Jugendkeller fühlen sich die Betreffenden nicht wohl, also hängen sie ab und machen Unfug. Dazu komme Alkohol, den die kaufen, die schon älter aussehen. Anfangs habe Diakon Hergen Ohrdes noch auf einige einwirken können, doch der erreiche die Zwölf- bis Fünfzehnjährigen nicht mehr. Die Gruppe nehme auch andere Erwachsene nicht mehr ernst.

Am Thorner Markt sitzen fünf junge Leute zusammen, sie kennen natürlich auch die, die für eine Menge Mist verantwortlich sein sollen. Die drei Jungen und zwei Mädchen, die unter anderem Verkäuferin und Kfz-Mechatroniker lernen, reagieren genervt auf die Jüngeren.

Es ärgert sie, wenn sie für weggeworfene Dosen und Pappschachteln auf dem Platz verantwortlich gemacht werden, für die sie nichts können. Eine junge Mutter, die dazukommt, ist sauer, dass auf Spielplätzen Scherben herumliegen. Alle fänden es gut, wenn die Polizei nicht nur Streife fahre, sondern die Beamten aus ihren Wagen aussteigen und die Gruppen ansprechen würden.

Brennpunkt zwischen Wohnblocks

Vandalismus, Ladendiebstähle, Bedrohung, Ruhestörung – für eine ganze Reihe von Taten hält die Polizei eine Gruppe von Jugendlichen verantwortlich. In wechselnder Beteiligung sollen Jungen unter anderem Wände und Böden im Stadtteilhaus Kredo beschmiert und Fenster an Schulen beschädigt haben. Auch für den schlimmsten Vorfall könnten sie infrage kommen: Vor einigen Wochen ist der Schulcontainer für die Übermittagsbetreuung verwüstet worden. Ein Schaden, den die Stadt allein in diesem Fall mit mehr als 25 000 Euro beziffert. Der Leiter des Jugendkommissariats der Lüneburger Polizei, Bernhard Stary-Sievers, spricht von einem „Brennpunkt“. In den vergangenen Monaten seien die jungen Leute mit „zunehmender Frequenz und Vehemenz“ aufgefallen, sagt der Emittler. „Einen Teil unserer Ermittlungen haben wir bereits an die Justiz abgegeben, den Rest ermitteln wir noch durch.“ Es gebe zwar Hinweise darauf, dass die Haupttäter, eine Handvoll, in rund zehn Straftaten verwickelt war, aber noch müsse der eindeutige Nachweis geführt werden. Die Beamten haben mit Beschuldigten gesprochen, mancher habe was zugegeben. Auch mit den Eltern habe man Kontakt gehabt. Stray-Sievers hofft, dass die Taten schnell vor Gericht landen und Sanktionen folgen, um einen Effekt zu erzielen. „Im Jugendstrafrecht gilt: Erziehung vor Strafe“, sagt der Beamte. Insofern werde es sicher Reaktionen geben, zum Beispiel von der Jugendgerichtshilfe und dem Jugendamt. Manche der Verdächtigen seien der Polizei aus anderen Verfahren bekannt. Die meisten von ihnen stammen vom Kreideberg: „Sie agieren also in der Nachbarschaft.“ Auch wenn bei Anwohnern und anderen Jugendlichen der Eindruck besteht, dass die Polizei kaum agiere, täusche das. Durch Ermittlungen seien nahezu täglich Beamte vor Ort gewesen. Zudem habe die Wache den Stadtteil im Blick, fahre verstärkt Streife: „Wir kümmern uns.“ Auch Ordnungswidrigkeiten stehen auf der Liste, die die Polizei verfolgt: Denn die Gruppe treffe sich nicht nur draußen an Spielplätzen, sondern auch in Hausfluren und auf Dachböden. Lärm und Dreck nervt dann Anwohner. Stary-Sievers hat den Eindruck, dass „Gruppendynamik“ eine große Rolle bei den Taten spiele. Einzeln seien die Jungen zu erreichen, doch wenn sie mit den anderen zusammen sind, seien Ermahnungen und Zusagen, sich zu ändern, schnell vergessen: „Da muss strukturell etwas geschehen.“