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Martina Lüke ist halbseitig von Schulter bis Fuß gelähmt. Nun ist sie schwanger. Für das Baby ist schon alles hergerichtet. Foto: t&w
Martina Lüke ist halbseitig von Schulter bis Fuß gelähmt. Nun ist sie schwanger. Für das Baby ist schon alles hergerichtet. Foto: t&w

„Ich genieße jeden Tag“

Von Maximilian Matthies
Lüneburg. Im November 2010 ändert sich das Leben von Martina Lüke schlagartig. In ihrem Kleinhirn ist ein Kavernom, eine Gefäßmissbildung geplatzt. Die Folge ist eine halbseitige Lähmung, auch ein Auge wird geschädigt. Als die LZ das erste Mal über ihr Schicksal berichtet, trägt Martina Lüke eine Augenklappe, geht am Stock, sitzt zeitweilig im Rollstuhl. Das ist heute anders. Besser. Die Augenklappe ist verschwunden, der Rollator steht Zuhause in der Ecke, einen Gehstock braucht Martina Lüke nur noch sporadisch. Und die 31-Jährige ist schwanger im achten Monat. Am 23. September soll per Kaiserschnitt ein kleines Mädchen zur Welt kommen. Die Lüneburgerin, die vor drei Jahren um ihr Leben gerungen hat, wird neues schenken. Ein Geschenk ist für sie auch jeder neue Tag.

Zur Begrüßung streckt Martina Lüke ihre Hand entgegen die linke. Würde die rechte Hand gedrückt, könnte die verkrampfen. Die Krämpfe sind eine Spastik, mit denen die 31-Jährige heute zu kämpfen hat. Deshalb auch der Kaiserschnitt: „Die Spastik ist sehr schnell da, ich darf nicht pressen.“ Das geplatzte Blutgerinsel im Kopf ist die Ursache. Martina Lüke führt vor, wie sie zwar ein Glas halten kann, aber nur kurz und nicht zu fest. Rechte Hand und rechtes Bein sind gelähmt. „Es fühlt sich an, als würde ich den ganzen Tag einen Eimer Wasser herumschleppen.“

Zu dem „Eimer Wasser“ trägt Martina Lüke auch ein Bäuchlein vor sich her. Das aber freiwillig. Die Schwangerschaft ist ein inniger Wunsch von ihr und ihrem Freund, der sie auch schon während ihrer schwerer Krankheitsperiode begleitete. Eine Risiko-Schwangerschaft. Nun mussten wieder viele Risiken abgewogen werden. Spätestens aber nachdem der Arzt sein Okay gegeben hatte, steht dem Kinder kriegen nichts mehr im Wege.

In die Quere kommt Martina Lüke manchmal eine schwarze Orthese, eine Art Schiene, die sie um die Schulter geschnallt hat. So eine trägt sie auch an ihrem rechten Fuß. „Das ist zur Stabilisierung, sonst würde ich beim Laufen immer umknicken“, sagt sie.

Lange Strecken kann Martina Lücke nicht am Stück zurücklegen, zwischendurch braucht sie Verschnaufspausen, muss sich abstützen oder auf eine Bank setzen. Sie geht regelmäßig zur Physiotherapie: „Hauptziel ist die Mobilisierung der rechten Seite und eventuell sogar eine Verbesserung.“ Wenig beweglich ist die rechte Hand, die Fingerfertigkeit sei wie gelöscht. „Ich musste auf links umschulen, nach vier Jahren ist das ganz gut gelungen, ich komme damit im Alltag zurecht.“

Das auch so gut es geht mit den spastischen Krämpfen. Die können in Schreckmomenten auftreten oder unter Belastung. Wie durch das Gewicht der kleinen Kugel, die Martina Lüke vor sich herträgt. Denn das Bäuchlein drückt auch auf den Rücken, „dann kommt die Spastik“. Während der Schwangerschaft habe das unkontrollierte Krampfen zugenommen.

Was aber auch stetig zunahm, ist die Freude auf das Neugeborene. Mutter zu werden, sei ein ungewohntes Gefühl. Ein Gefühl von Glück, aber auch von Angst und Sorge. Es sei weniger die ständige Angst einen Rückschlag zu erleiden, „im Moment fühle ich mich frei davon“. Vielmehr treibt die werdende Mutter die Sorge um, den neuen Anforderungen nicht gerecht zu werden. „Werde ich eine gute Mutter? Wie bewältige ich den Alltag mit einem Baby?“ Martina Lüke setzt auf die Unterstützung ihres Freundes. Zusammen lebt das Paar in einer Dreizimmerwohnung am Kreideberg, „das Kinderzimmer ist schon eingerichtet“.

Der Gedanke, mit ihrem Freund eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, gab auch Kraft, als Martina Lüke gegen ihre Krankheit kämpfte. Ebenso die Unterstützung ihrer Eltern, bei denen sie wohnte. Aber die junge Frau wollte auch selbstständig sein. „Ich bekam Hilfe, fühlte mich dadurch aber selbst noch mehr hilflos.“ Sie musste angezogen werden, konnte kein Brot schneiden. Der Umgang mit der Krankheit sei ein Familienprojekt geworden. Martina Lüke kann derzeit keinem Job nachgehen, das macht ihr Freund. „Wir ziehen an einem Strang.“

Trotzdem hat sie den Wunsch, eines Tages wieder ganz gesund zu sein. „Es ist mein Traum.“ Martina Lüke sagt aber auch: „So sehr ich das verfluche, was mir passiert ist, umso dankbarer bin ich für die zweite Chance, die ich bekommen habe.“ Früher fuhr sie gerne Motorrad, genoss ihre Freiheit. „Heute schaue ich auf das, was ich geschafft habe, daraus versuche ich das Beste zu machen.“ Sie habe gelernt, das Leben besser wertzuschätzen. „Ich genieße jeden Tag.“ Bald auch mit einem kleinen Töchterchen.