Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Leuphana-Studie zeigt: Angst und Ärger verleiten Autofahrer zum Rasen

Studie zum Einfluss von Emotionen auf das Fahrverhalten

Lüneburg. Nach einer Schrecksekunde – etwa einem Beinahe-Unfall – verhalten sich Autofahrer oft nicht etwa vorsichtiger. Im Gegenteil: Viele drücken auf den Kilometern danach erst recht auf die Tube. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Leuphana Universität Lüneburg in einer aktuellen Studie. An der Untersuchung nahmen insgesamt 79 Probanden teil. Sie mussten in einem Fahrsimulator einen Testparcours bewältigen und im Anschluss ihre Emotionen zu Protokoll geben. Dabei wurden sie mit verschiedenen typischen Verkehrssituationen konfrontiert. 

In einem Fall mussten sie beispielsweise plötzlich auf die Bremse steigen, um einen Auffahrunfall zu verhindern. Sie fuhren daraufhin zwar kurzfristig langsamer. Auf den Kilometern danach beschleunigten sie aber wieder und überschritten dabei sogar oft das Tempolimit. Außerdem fuhren sie insgesamt unberechenbarer; sie lenkten zum Beispiel abrupter. 

„Angst verändert das Fahrverhalten messbar zum Negativen“, resümiert Dr. Ernst Roidl. Er hat die Studie zusammen mit Professor Dr. Rainer Höger von der Leuphana Universität Lüneburg konzipiert und durchgeführt. „Und zwar nicht nur kurzfristig – der Effekt wirkt für einige Kilometer nach.“ 

Wir drücken also erst recht auf die Tube, wenn uns kurz zuvor der Schrecken in die Glieder gefahren ist. Dieses Ergebnis wirkt auf den ersten Blick paradox. „Angst vermindert unsere Risikobereitschaft, und dennoch verhalten wir uns riskanter“, sagt Roidl. „Wir vermuten, dass viele Menschen nach einem Schrecken einfach unaufmerksamer fahren: Sie bleiben mit dem Gedanken bei der Gefahrensituation und reagieren nicht mehr adäquat auf das, was im Moment auf der Straße passiert.“

Ärger ist ein schlechter Beifahrer

Auch Ärger verleitet dazu, zu schnell zu fahren. Wenn die Studienteilnehmer einige Zeit hinter einem Sonntagsfahrer herschleichen mussten, traten sie danach umso heftiger aufs Gaspedal. Sie fuhren zudem deutlich riskanter als normalerweise. Dieser Effekt hielt ebenfalls einige Minuten an. „Wenn wir uns ärgern, neigen wir zudem dazu, uns selbst zu überschätzen“, warnt Roidl. „Ärger schärft den Focus; wir denken, wir hätten alles im Griff. Wir sind daher eher bereit, Risiken einzugehen.“

Professor Höger erforscht seit einigen Jahren den Einfluss von Gefühlen auf das Fahrverhalten. Der Arbeitspsychologe sucht unter anderem nach technischen Methoden, mit denen sich die emotionale Verfassung des Fahrers messen lässt. Denkbar sind etwa Sensoren im Lenkrad, die die Schweißentwicklung der Hände oder ihre Muskelspannung registrieren. Das Auto könnte dann entsprechende Warnmeldungen ausspucken, um dem Fahrer seine Anspannung bewusst zu machen.

Momentan ist das eher Sache des Beifahrers. Doch Roidl warnt vor Beruhigungsversuchen nach dem Motto „Hey, entspann dich doch einfach.“ Denn die könnten einigen Studien zufolge den Ärger sogar noch verstärken. Besser wirke es möglicherweise, wenn der Fahrer einfach einmal kurz auf die Hupe haue, um sich abzureagieren. „Langfristig kann das aber natürlich keine Lösungsstrategie sein“, betont der Wissenschaftler. 

Stattdessen solle man versuchen, sich in den Auslöser des Ärgers hineinzuversetzen: Warum trödelt der Fahrer vor mir wohl so? Macht es ihm zusätzlich Angst, wenn ich so dicht auffahre? Wie würde ich reagieren, wenn hinter mir jemand mit der Lichthupe drängelt? „Das ist sicher eines der besten Mittel gegen Ärger im Straßenverkehr“, sagt Roidl: „Empathie!“

One comment

  1. Vorangegangene Schreckmomente lenken ab? Und Ärger und Stess, hervorgerufen durch nölende Beifahrer oder lästige Traktoren im Berufsverkehr, tun dies ebenfalls? Beides wirkt sich negativ auf ein kontrolliertes Fahrverhalten aus?

    Welch umstürzende Erkenntnisse, die in dieser Leuphana-Studie von Professor Höher ausgebreitet werden, der mit seinem Team „seit einigen Jahren den Einfluss von Gefühlen auf das Fahrverhalten erforscht“ !

    Wie ist es mit anderen überwältigenden Gemütserregungen wie positiven Überraschungen oder Vorfreude, mit Neugier, Eifersucht, Neid, Trauer, Wut, Ekel, Verachtung, Angst, Scham, Schuld oder heftiger Sehnsucht, plötzlichen Glücksgefühlen, mit Eitelkeit oder übertriebenem Selbstbewusstsein?

    Dürfen wir festhalten: Wer emotional abgelenkt ist, fährt nicht so gut?

    Wen außer Professor Höher und sein Team sollen diese „Forschungsergebnisse“ eigentlich überraschen?

    Und wie steht es wohl um die „Gefühle“ und das „Empathiepotenzial“ von jungen Männern, die zum Beispiel auf dem Stellen- und Beziehungsmarkt Probleme haben, weil sie keinen Schulabschluss besitzen, oder mit denen, die auch auf Plateausohlen nur 1,65 m große Spargeltarzane mit Sonnenbrille und Wetlook sind? Könnte es sein, dass die einen übertriebenen Drang zur Selbstdarstellung mit ihrem Auto im Verkehr entwickeln, weil sie viel Ablehnung erfahren und wenigstens dem vermeintlichen Rivalen im klapprigen Opel Corsa auf der Nachbarspur die eigene fahrerische Überlegenheit beweisen möchten und um keinen Preis vor Sebastian Vettel oder der Schönen aus Klasse 10e ihr Gesicht verlieren wollen?

    Oder ist das Rasen im frisierten Manta oder Papis A8 gar als Bedürfnis in der genetischen Grundstruktur des Menschen verankert, wie der Verkehrspsychologe Hans Jöri sagt? Denn insbesondere junge Männer scheinen doch schon immer nach dem Rausch des Tempos, nach der Potenzierung des Ichs getrachtet zu haben. Jeremias Gotthelf berichtet, wie Knechte jauchzend ihre vorgespannten Pferde zu Höchstgeschwindigkeiten peitschten. Und Goethe schreibt im «Faust»: «Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, sind ihre Kräfte nicht die meine? Ich renne zu und bin ein rechter Mann, als hätt‘ ich vierundzwanzig Beine.»

    Hatte der Goethesche Raser erst sechs PS zur Verfügung, so jagen die jungen Männer heute mit Autos dahin, die weit über 200 bis 300 PS verfügen. Befeuert von filmischen Vorbildern wie dem Action-Streifen «The Fast and the Furious», versuchen viele, die Leistung ihrer Motoren mit Chip-Tuning oder Lachgas-Einspritzung weiter zu steigern. Und selbst junge Männer, die bastlerisch nicht so begabt sind, können sich heute – Leasing sei Dank – trotz tiefem Einkommen einen leistungsstarken Wagen leisten.

    Je tiefer der soziale Status oder das Ansehen in der Peer Group und je höher der Testosteron-Spiegel, desto größer die Neigung zur rücksichtslosen Raserei. So liessen sich die Beobachtungen von Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry zuspitzen, die vielen Rasern mit Ausweisentzug psychologische Gutachten ausstellt. Sie trifft bei ihrer Arbeit Männer (Frauen sind die absolute Ausnahme), die ernsthaft angewidert sind bei dem Gedanken, mit einem Fiat Panda umherfahren zu müssen, und die es nicht lächerlich finden, der Psychologin mit Wonne zu schildern, mit welcher Crème sie allabendlich die Reifen ihres Autos salben. «Die meisten Raser, die ich untersuche, haben entweder einen tiefen sozioökonomischen Status und eine geringe Bildung oder sind ausgesprochene Soziopathen, die Geschwindigkeit als Qualifizierungsmerkmal nehmen, mit dem sie sich in die Schichten der Weltenlenker hinein halluzinieren», sagt Bächli.