Dienstag , 27. September 2016
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Die Wissenschaftler (v.l.) Prof. Ferdinand  Müller-Rommel, Prof. Florian Grotz, Prof. Michael Haus und Dr. Basil Bornemann diskutieren ein Forschungsprojekt am Zentrum für Demokratieforschung. Foto: nh
Die Wissenschaftler (v.l.) Prof. Ferdinand Müller-Rommel, Prof. Florian Grotz, Prof. Michael Haus und Dr. Basil Bornemann diskutieren ein Forschungsprojekt am Zentrum für Demokratieforschung. Foto: nh

Was hat Merkel, was Kohl nicht hatte?

mm Lüneburg. Wie schaffen es Frauen in der Politik an die Macht? Welche Voraussetzungen müssen sie erfüllen? Wie unterscheidet sich ihre Karriereleiter von der männlicher Konkurrenten? Das haben jetzt Wissenschaftler vom an der Lüneburger Universität angesiedelten Zentrum für Demokratieforschung in einer Studie untersucht. Ihr Fazit: Der Weg zum Erfolg ist nicht abhängig vom Geschlecht, dennoch seien Europas Regierungen kein Musterbeispiel für Gleichberechtigung.

Die Wissenschaftler haben die Biografien aller Premierministerinnen in Europa seit 1945 mit denen ihrer männlichen Kollegen verglichen. Es sei die europaweit bislang umfangreichste Untersuchung dieser Art. Seit 1945 gab es in Europa 276 Staatenlenker, aber nur 14 Staatenlenkerinnen. Zu den wohl bekanntesten zählen die Britin Margaret Thatcher und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Nur wenige Frauen schaffen es also an die politische Spitze“, stellt Ina Kubbe vom Zentrum für Demokratieforschung fest. „Uns interessiert, ob sie auf diesem Weg andere Voraussetzungen erfüllen müssen als Männer.“

Die Forscher haben sich beim Vergleich der Biografien auf die Länder in Europa beschränkt, die seit 1945 mindestens einmal unter weiblicher Ägide standen. Die Demokratien Südeuropas zum Beispiel blieben so außen vor. Dort war der Chefsessel bislang ausschließlich für Männer reserviert. „Wir haben insgesamt 138 Lebenswege verglichen 124 von Männern, 14 von Frauen“, erläutert Ina Kubbe. Das Ergebnis: „Die Karrierewege von männlichen und weiblichen Premierministern sind praktisch nicht zu unterscheiden“, sagt Prof. Dr. Ferdinand Müller-Rommel, Leiter des Zentrums. Ob Helmuth Kohl oder Angela Merkel, Margaret Thatcher oder Tony Blair auf ihrem Weg zur Spitze haben sie in der Regel ganz ähnliche Stationen durchlaufen. Sie beginnen meist in der Lokalpolitik, werden dann Mitglied des Parlaments, übernehmen die Leitung eines Ministeriums und später oft den Vorsitz ihrer jeweiligen Partei. Im Schnitt sammeln sie 17 Jahre Erfahrung in Parlament und Kabinett, bevor der letzte Karriere-Schritt auf den Premierminister-Posten erfolgt in der Regel mit Ende 40.

„Wir haben anhand unserer Daten kein typisches Muster finden können, in dem sich der weibliche Weg zur Macht von dem ihrer männlichen Kollegen unterscheidet“, sagt Müller-Rommel. „Das kam für uns unerwartet.“

Das bedeute nicht zwangsläufig, dass Europas Regierungen vorbildhaft für Gleichberechtigung seien. Zwar müssten Frauen und Männer dieselben Voraussetzungen mitbringen, um in Schlüsselpositionen vorzustoßen. Dennoch sind Frauen in der Politik immer noch stark unterrepräsentiert. Ein möglicher Grund: Männer machen in der Politik schneller Karriere, weil sie bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden. Die Lüneburger Wissenschaftler wollen nun analysieren, ob dieser Mechanismus die geringe Zahl von Premierministerinnen erklären kann.

Doch nicht nur mit Fragen der politischen Chancengleichheit beschäftigen sich die Wissenschaftler am Zentrum. Die Schwerpunkte der Forschungstätigkeiten gliedern sich in drei Bereiche: den Wandel von gesellschaftlichen Werten, die Veränderung von Parteien und Institutionen sowie die Untersuchung der Formen politischer Beteiligung. Deutschlandweit sei das Zentrum einzigartig, „es gibt auch eins an der Uni Göttingen, dort wird aber stark auf Politikberatung fokussiert“, sagt Müller-Rommel.

Die Wissenschaftler aus Lüneburg beraten beispielsweise die niedersächsische Landesregierung bei wichtigen Fragen. „Unsere Forschung liegt aber überwiegend auf internationaler Politik“, erklärt Müller-Rommel. Dafür spreche auch eine hohe Zahl an internationalen Gastwissenschaftlern.

Zehn Jahre Demokratieforschung
Am Zentrum für Demokratieforschung der Lüneburger Universität sind acht Professoren für Politikwissenschaft, 20 Doktoranden und fünf wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt. Das Zentrum wirbt um Drittmittel für nationale und internationale Forschungsprojekte. In diesem Jahr feiert es seinen zehnten Geburtstag. In der Zeit konnten die Wissenschaftler mehr als 1,5 Millionen Euro Forschungsgeld akquirieren. Die Einrichtung orientiert sich am Vorbild eines Zentrums für Demokratieforschung an der University of California in Irvine. Die Hochschule ist Partneruniversität der Leuphana. Gegründet wurde die Einrichtung 2004 als Zentrum für Osteuropastudien. Die Wissenschaftler beschäftigen sich heute vor allem mit dem Wechselprozess zwischen demokratischer Führung und Zufriedenheit der Bürger.