Mittwoch , 28. September 2016
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Timm (24) ist autistisch, sein Bruder Pascal (18, l.) und Mutter Kerstin Heinrich (h.) sehen ihn durch den Landesrahmenvertrag benachteiligt. Foto: t&w
Timm (24) ist autistisch, sein Bruder Pascal (18, l.) und Mutter Kerstin Heinrich (h.) sehen ihn durch den Landesrahmenvertrag benachteiligt. Foto: t&w

Alle wollen nur das Beste

ca Lüneburg. Auf den ersten Blick geht es um den Freizeitanspruch für einen autistischen jungen Mann, auf den zweiten um den Umgang mit Behinderten. Die Frage ist: Wo hat Timm Heinrich seinen Lebensmittelpunkt, und wer bestimmt darüber? Seine Familie? Die Einrichtung, in der er lebt? Was kann der 24-Jährige selbst dazu beitragen, und wer interpretiert das? Timms Mutter, Kerstin Heinrich, sieht ihren Sohn in seinen Ansprüchen verletzt. Dies leitet sie aus der „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung“ her, daher hat sie eine Petition an den niedersächsischen Landtag gerichtet. Der möge sich dafür einsetzen, dass der sogenannte Landesrahmenvertrag verändert wird.

Timm lebt seit fünf Jahren auf dem Birkenhof in Neetze, dort arbeitet er im Holzbereich. Untergebracht ist er, wie die anderen Männer und Frauen auch, in einer der fünf Gruppen, in denen Betreuer mit den Behinderten zusammen wohnen. Sie umfassen sechs bis zehn Bewohner. Der Landesrahmenvertrag regelt die Unterbringung. Ein Passus umfasst die Abwesenheitstage. Davon stehen Timm 42 pro Jahr zu. Doch sie werden anders gewertet als Urlaubstage: Wenn Timm die Einrichtung länger als 72 Stunden verlässt, wird jeder Tag gezählt.

Timm (24) ist autistisch, sein Bruder Pascal (18, l.) und Mutter Kerstin Heinrich (h.) sehen ihn durch den Landesrahmenvertrag benachteiligt. Foto: t&w
Timm (24), sein Bruder Pascal (18, l.) und Mutter Kerstin Heinrich (h.) Foto: t&w

Kerstin Heinrich rechnet das am Beispiel Weihnachten 2012 vor. Hätte ein Arbeitnehmer zwei Urlaubstage nehmen müssen, um vom 21. Dezember, einem Freitagabend, bis einschließlich Silvester frei haben zu wollen, so wurden bei Timm zehn Tage angerechnet. Ähnlich sei es an Festen wie Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten. Auch wenn die Familie in den Urlaub fahre, würden immer die Wochenenden mitgezählt. In dieser Regelung sieht die Grafik-Designerin eine Ungerechtigkeit: Behinderte würden im Vergleich zu anderen Arbeitnehmern benachteiligt. Das Sozialamt der Stadt, das die Kosten für Timms Unterbringung auf dem Birkenhof bezahlt, verweise auf die Regelung des Landes. Die besagt, dass die Kosten für den Platz auch während der 42 Tage Abwesenheit weiter beglichen werden, doch ab Tag 43 müsse der Betroffene selbst zahlen. Was Timm gar nicht kann. Stadtpressesprecher Daniel Steinmeier verweist auf den Landesrahmenvertrag: „Daran müssen wir uns halten.“

Auf dem Birkenhof kommt Geschäftsführer Hans-Jürgen Hitz bei gleicher Einschätzung der Faktenlage zu anderen Schlüssen. Ja, die Regel sei so. Schon aus Kostengründen müsse er darauf achten, dass die Vorgaben eingehalten werden, sonst stimme die Kalkulation nicht. Das sei aber nur ein Aspekt. Denn Hitz geht es eigentlich um eine Bewusstseinsfrage: Wo ist Timm zu Hause? Auf dem Birkenhof oder bei seiner Mutter und seinem Bruder in Oedeme? Der Birkenhof sei ja nicht nur ein Arbeitsplatz. Man lebe in familienähnlichen Strukturen mit Angeboten wie Ausflügen oder Theaterspiel. Auch wenn sich das wiederhole, so sei es für viele Bewohner ein fester Ablauf im Jahr, an dem sie sich orientieren. Die anderen Bewohner würden sich fragen, warum Timm oft nicht da sei und sich nicht an Aktivitäten der Gemeinschaft beteilige. Hitz formuliert es so: „Timm wohnt zeitweilig bei uns. Da ist ein Spannungsfeld.“

Er könne das Anliegen der Mutter verstehen, aber das sei mit einem ambulanten oder teilstationären Angebot wahrscheinlich eher zu erfüllen. Und: „Ich empfinde die 42-Tage-Regel als großzügig. Meine Tochter lebt in einer Einrichtung in Schleswig-Holstein, da gelten 28 Tage Abwesenheit.“

Kerstin Heinrich, die auch gesetzliche Betreuerin ihres Sohnes ist, wehrt sich: „Ich bin nicht die klammernde Mutter. Sonst hätte ich Timm nicht in die Einrichtung gegeben.“ Sie findet Angebote in Neetze nicht ausreichend für ihren Sohn. Vorlesen, Ratefix, anthroposophische Veranstaltungen und sich wiederholende Theaterspiele würden Timm nicht gefallen: „Das ist nichts für ihn, er versteht es gar nicht. Er ist zu 100 Prozent schwerbehindert und hat eine eingeschränkte Alltagskompetenz.“ Die Mutter ist überzeugt, Timm freue sich auf Zuhause und beispielsweise den Schweden-Urlaub mit seiner Familie, der jetzt ansteht.

Birkenhof-Chef Hitz wiederum glaubt: „Timm passt wunderbar zu uns. Ich wünsche mir, dass er seinen Lebensmittelpunkt bei uns findet.“ Der junge Mann kann nicht eindeutig sagen, was sein Wunsch ist. Vielleicht weiß er das. Der Landtag könnte den Landesrahmenvertrag ändern. Ob darin eine Lösung für Timm liegt, für die Inklusion insgesamt? Kerstin Heinrich sucht derweil nach einem anderen Heim, auch in Hamburg. Dort sollen die Vorgaben kulanter sein. Timm kann so lange in Neetze bleiben. Hitz sagt: „Wir schicken niemanden weg.“