Dienstag , 27. September 2016
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Gut aufgehoben: Patient Aribert Bergmann auf der Terrasse der Palliativstation im Gespräch mit Chefarzt Prof. Dr. Christian Frenkel und Stationsschwester Martina Leschniowski. Foto: t&w
Gut aufgehoben: Patient Aribert Bergmann auf der Terrasse der Palliativstation im Gespräch mit Chefarzt Prof. Dr. Christian Frenkel und Stationsschwester Martina Leschniowski. Foto: t&w

„Wir können den Druck etwas nehmen“

us Lüneburg. „Ich hadere nicht mit meinem Schicksal, aber ich glaube auch noch nicht daran, ich bin positiv gestimmt.“ Aribert Bergmann genießt es, auf der kleinen Terrasse zu liegen, die gleich vom Flur der Palliativstation im Lüneburger Klinikum aus zu erreichen ist. Er sei ein Frischluft-Fan, sagt der 85-Jährige und lässt zufrieden den Blick über die Grünanlage schweifen. Fast täglich ist er in den letzten Wochen hier draußen gewesen, seit er vor etwa sechs Wochen ins Krankenhaus gebracht wurde. „So ganz genau weiß ich es gar nicht mehr, es war ein Sonnabend“, da seien ihm plötzlich die Beine weggesackt, „seitdem bin ich vom Unterleib bis zu den Füßen gelähmt.“

Sofort ging es ins Klinikum, dort stellte man einen Schlaganfall im Rückenmarksbereich fest, noch in der Nacht wurde er ins Universitätskrankenhaus nach Hamburg gebracht. Doch das schmale Zeitfenster, in dem man ihm hätte helfen können, sei schon geschlossen gewesen, „es war nichts mehr zu machen“. Im Zuge der Untersuchungen habe sich dann herausgestellt, dass die Ärzte darüber hinaus noch etwas gefunden hätten. „Das hat mich zuerst überhaupt nicht inte­ressiert, irgendwas finden sie ja immer“, sagt Bergmann, wobei ihm ein Lächeln übers Gesicht huscht. Aber es war nicht irgendwas, es waren zwei Krebstumore im Kopf und ein Tumor in der Lunge. „Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet.“

Wieder zurück im Lüneburger Klinikum, wurde versucht, die Tumore mit Bestrahlungen zu behandeln, aber schon bald sei deutlich geworden, dass es für ihn keine Aussicht auf Heilung mehr gebe.

Doch schnell schüttelt Aribert Bergmann das Thema ab und richtet seine Gedanken auf die Zukunft: „Wenn es so weit ist, fällt einem ein, was alles geregelt werden muss.“ Vollmachten, Patienten-Verfügung. „Und jetzt geht es nach Hause“, freut sich der Lüneburger.

Die Zuversicht, die Aribert Bergmann trotz seines Schicksals ausstrahlt, verdanke er zu einem großen Teil auch den Mitarbeitern und Pflegekräften der Palliativstation des Klinikums. „Wer hier liegen kann, kann sich glücklich schätzen“, sagt Bergmann, „ich habe hier viele Gesprächspartner, man kümmert sich um alles, und es ist beeindruckend zu sehen, wie die Patienten hier aufgebaut werden.“ Jeden Tag sage er den Ärzten, dass es ihm gut gehe, inzwischen so gut, dass er jetzt die Station wieder verlassen kann.

Als eigenständige Station gibt es die Palliativstation am Klinikum Lüneburg erst ein knappes Jahr. Gestartet wurde 2004 mit zwei Betten, für die sich der Freundeskreis Hospiz stark gemacht hatte. 2007 wurde auf fünf Betten erweitert, mit hoher finanzieller Unterstützung des Freundeskreises Hospiz wurde 2013 die Station mit jetzt acht Betten eingerichtet (LZ berichtete). Doch der Bedarf an palliativmedizinischer Betreuung wachse, erklärt Professor Dr. Christian Frenkel. „Wir sind stets ausgelastet und haben eine Warteliste“, sagt der Leiter der Klinik für Anästhesiologie, der die Station angegliedert ist. 114 Patienten wurden im vergangenen Jahr aufgenommen, in diesem Jahr rechnet Frenkel mit 200 Patienten. „Für die fernere Zukunft sehe ich einen Bedarf von zehn bis zwölf Betten.“

Professor Frenkel sieht in der Palliativstation eine Brückenfunktion. Ziel sei es, Zeit zu gewinnen, um Seele, Körper und Umfeld des Patienten in den Blick zu nehmen und den Druck für Patienten und Angehörige zu mindern. „Für uns steht die Verbesserung der Lebenssituation im Vordergrund“, sagt Frenkel. Dabei werde nach Wegen für die weitere Behandlung und Versorgung gesucht, um in der letzten Lebensphase sicher umsorgt in die häusliche Umgebung zurückkehren oder in eine geeignete Pflegeeinrichtung oder ein stationäres Hospiz wechseln zu können. „Wir sind hier keine Sterbestation“, betont Frenkel. Gleichwohl sei aber nicht immer eine Rückkehr oder ein Wechsel möglich.

Eine Verlegung auf die Palliativstation findet grundsätzlich nur mit Zustimmung des Patienten oder seiner Angehörigen statt, die in den Hotelzimmern ähnelnden Einzelzimmern auf Wunsch auch übernachten können. Besuche sind jederzeit möglich, feste Besuchszeiten gibt es nicht. „Wir unterstützen auch in sozialrechtlichen Fragen und bei der Organisation der weiteren Versorgung“, sagt Stationsleiterin Martina Leschniowski. Für Patienten, die wieder nach Hause zurückkehren oder von einer anderen Einrichtung aufgenommen werden, sei „alles geregelt, bis auf die persönliche Pflegekraft natürlich“. Sollte es im Zuge des Wechsels dennoch Probleme geben, werde neu entschieden. Kosten für die palliativmedizinische Versorgung entstehen für Patienten und Angehörige nicht, sie werden von den Krankenkassen getragen.

Aribert Bergmann hat die Station inzwischen wieder verlassen, „jetzt genieße ich meinen Garten zu Hause“. Seinen Dank an die Ärzte und Schwestern der Palliativstation verbindet er mit einem Wunsch: „Diese Station hat es verdient, unterstützt zu werden.“ Interessierte Spender können sich an den Freundeskreis Hospiz Lüneburg unter Tel.:772874 wenden.