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Nicht nur auf Intensivstationen kann es zu Situationen kommen, in denen ein Ethikkomitee hinzugezogen wird, um über den weiteren Behandlungsweg zu beraten. Foto: A./nh
Nicht nur auf Intensivstationen kann es zu Situationen kommen, in denen ein Ethikkomitee hinzugezogen wird, um über den weiteren Behandlungsweg zu beraten. Foto: A./nh

Hilfe bei medizinischen Grenzfällen

as Lüneburg. Nach einem Kollaps wird eine 86-jährige Frau, die an einer fortgeschrittenen Alzheimer-Erkrankung leidet und in einem Pflegeheim lebt, ins Krankenhaus eingeliefert. Bei der Untersuchung wird eine Blutarmut festgestellt, deren Ursache ein großer Tumor im Bereich des Magens ist. Die Patientin wird zur Entfernung des Magens in die chirurgische Abteilung verlegt. Eine Patientenverfügung liegt nicht vor und die Angehörigen überlassen den Ärzten jede Entscheidung. Doch beim Behandlungsteam herrscht Unsicherheit, ob die Frau aufgrund der Schwere der Erkrankung operiert werden soll. In einem solchen Fall würde im Lüneburger Klinikum das Ethikkomitee zur Beratung hinzugezogen werden.

Dr. Claus-Heinrich Müller ist einer der Initiatoren des Ethikkomitees am Klinikum. Foto: A. /nh
Dr. Claus-Heinrich Müller ist einer der Initiatoren des Ethikkomitees am Klinikum. Foto: A. /nh

Vor eineinhalb Jahren wurde das Ethikkomitee von Dr. Claus-Heinrich Müller, Leitender Oberarzt in der Klinik für Kardiologie, und Mitarbeitern der Intensivstationen wie Brita Bomke und Sabine Rennau gegründet. Inzwischen ist daraus ein Team von 20 Mitgliedern entstanden, dem Ärzte, Pflegekräfte, eine Psychoonkologin, Vertreter des Freundeskreises Hospiz, der Klinikseelsorge sowie ein Justiziar angehören. Dr. Müller erläutert zu den Hintergründen: „In den letzten Jahrzehnten sind die Möglichkeiten der Diagnostik und Behandlung immer besser geworden, aber der Fortschritt bedeutet für manche Patienten auch den Einsatz von mehr Geräten und mehr Behandlung. Aber nicht jeder Patient steht Therapieentscheidungen wie zum Beispiel schweren Operationen, Nierenwäsche oder künstlicher Beatmung positiv gegenüber.“ Da der Wille des Patienten Vorrang hat, das Patientenrechtegesetz die Mitsprache klar regelt, dürfen Behandlungen nur erfolgen, wenn sie medizinisch sinnvoll sind und das ist ganz wesentlich die Zustimmung des Patienten besteht. Um Patienten und ihren Angehörigen bei solchen Entscheidungen zu helfen, ist die Beratung des Ethikkomitees hilfreich. Dabei geht es unter anderen um Fragen wie: Welche Gründe sprechen für die Behandlung, welche dagegen? Was ist für mich beziehungsweise einen nahestehenden Menschen das Richtige?

Hinzu kommt, dass manche Patienten, die in unterschiedlichen Kliniken des Hauses stationär behandelt werden, Entscheidungen angesichts der Schwere ihrer Erkrankung nicht selbst treffen können, weil sie zum Beispiel einen schweren Schlaganfall erlitten haben, bewusstlos sind oder künstlich beatmet werden. Gut ist dann, wenn eine Patientenverfügung vorliegt, in der schriftlich dokumentiert ist, welche medizinischen oder auch lebensverlängernden Maßnahmen ein Patient zulässt. Doch laut Umfragen haben nur 20 Prozent der Bundesbürger eine solche. Um im Sinne des Patienten den weiteren Behandlungsweg zu beraten, kann sich das Behandler-Team an das Komitee wenden. Gemeinsam wird dann auch unter Einbeziehung der Angehörigen der Fall diskutiert. Am Ende des Gesprächs geben die Teilnehmer dann eine Empfehlung, wie in dem konkreten Fall vorgegangen werden sollte. Die Therapieentscheidung liegt aber letztendlich bei den behandelnden Ärzten und dem Behandlungsteam.

Das Ethikkomitee kann aber nicht nur in ethischen Konfliktfällen eingeschaltet werden, sondern versteht sich auch als Ansprechpartner für die Mitarbeiter des Hauses, sagen Sabine Rennau, die Stationsleiterin der operativen und medizinischen Intensivstationen ist, und Krankenschwester Brita Bomke. Denn Pflegekräfte haben durch ihren engen Kontakt zum Patienten manchmal einen anderen Blick auf die Dinge. Die Sensibilisierung der Mitarbeiter für ethische Fragestellungen sehen sie und Doris Paland, die dem Komitee als Seelsorgerin angehört, als wichtige Aufgabe. Inzwischen haben die Mitglieder des Komitees Patenschaften für einzelne Stationen des Klinikums übernommen, „um uns vorzustellen und zu informieren. Außerdem laden wir zweimal pro Monat zum Ethik-Café ein, wo ethische Fragen diskutiert werden“.

Patienten, Angehörige und Mitarbeiter können sich an die Beratung unter Tel.: 04131/773402 wenden oder per Mail an ethik@klinikum-lueneburg.de