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Vor 40 Jahren machten sie gemeinsam ihre Gesellenprüfung bei Lucia, jetzt trafen sich die Freundinnen von einst wieder: (hinten v.l.) Brigitte Schöpp, Almut Rademacher, Birgit Oltmann, Rosemarie Talke und Ingrid Ritters sowie (vorn v.l.) Renate Röhr und Johanna Kayser. Foto: t&w
Vor 40 Jahren machten sie gemeinsam ihre Gesellenprüfung bei Lucia, jetzt trafen sich die Freundinnen von einst wieder: (hinten v.l.) Brigitte Schöpp, Almut Rademacher, Birgit Oltmann, Rosemarie Talke und Ingrid Ritters sowie (vorn v.l.) Renate Röhr und Johanna Kayser. Foto: t&w

Lernen zwischen Paris und Nähmaschinen

off Erbstorf. Sie haben sich gemeinsam geärgert und gefreut, auf das Schlipsnähen geschimpft und über die Betriebsreise nach Paris gejubelt: 1971 begannen sieben junge Mädchen bei der Strickwarenfabrik Lucia in Lüneburg ihre Ausbildung zur Damenschneiderin, drei Jahre später hielten sie ihren Gesellenbrief in den Händen und feierten bei Schnittchen, Schinkenbrot und Eis das Ende ihrer Lehrlingszeit. Jetzt trafen sich die sieben Freundinnen von einst in Erbs­torf wieder. 40 Jahre nach ihrer Gesellenprüfung. Anlass für eine Reise zurück in eine Zeit, in der Lucia noch größter Arbeitgeber der Stadt war und die sieben Mädchen zwischen Nähmaschinen und Fließband beste Freundinnen wurden.

Sonntagvormittag im Restaurant Lims, Renate Röhr, Brigitte Schöpp, Almut Rademacher, Birgit Oltmann, Rosemarie Talke, Ingrid Ritters und Johanna Kayser schwelgen in Erinnerungen. Zuletzt saßen sie vor 25 Jahren so zusammen, „damals haben wir uns bei mir getroffen, da war auch unsere Meisterin Lisa Wiechmann noch mit dabei“, sagt Renate Röhr. Die 59-Jährige hat auch dieses Mal das Treffen organisiert. „Mit einigen hatte ich noch Kontakt, die anderen habe ich schnell wieder gefunden.“ Aus Braunschweig, Suderburg, Bad Bevensen, Radbruch und Deutsch Evern reisten die alten Freundinnen an. Und weckten gemeinsam alte Erinnerungen.

„Vieles von damals hatte ich schon vergessen“, sagt Renate Röhr. Wie das Bandputzen, „eine Arbeit, die wir alle gehasst haben“. Mit alten Stofflappen unter den Fußen mussten sie das Fließband von Staub und Stoffresten befreien, „bis die Lehrlinge von der Mittelschule durchsetzten, dass das keine Arbeit für Lehrlinge ist“, erzählt sie. „Da war das plötzlich vorbei.“ Ähnlich unbeliebt war das Schlipsnähen. „Da trugen Frauen plötzlich weiße Blusen mit Schlips, und wir mussten immerzu Schlipse in allen Variationen nähen.“ Renate Röhr lacht. „Eine Arbeit, von der man ganz blöd im Kopf wurde.“

Doch drei Jahre Lehrlingszeit bei Lucia hinterließen auch andere Erinnerungen, schöne, „wie die Momente, wenn der Chef und die Chefin durch die Firma gingen und allen ,Guten Tag sagten, auch uns Lehrlingen“, sagt Renate Röhr. Unvergesslich die Betriebsreisen: „Jedes Jahr ist die ganze Firma zusammen weggefahren“. Einmal nach Helgoland. Einmal nach Dänemark. Einmal nach Paris, „das war unglaublich“, sagt Renate Röhr. Eine Reise, die die Frauen bis heute ins Schwärmen bringt.

Geblieben ist bei Lucia nach der Lehre fast keine von ihnen. Wie Renate Röhr, die nach der Ausbildung einen Landwirt heiratete und „Nähnadel gegen Mistforke“ tauschte, gingen die frisch gebackenen Damenschneiderinnen ihrer Wege. „Drei von uns nähen heute noch“, sagt Renate Röhr, „alle anderen machen etwas anderes.“ Doch unvergessen ist die Zeit bei allen von ihnen deshalb wollen sie sich in Zukunft häufiger treffen. Um Erinnerungen auszutauschen, in Gedanken erneut nach Paris zu fahren und gemeinsam wieder aufs Schlipsnähen zu schimpfen.