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Täglich 27 Stufen
sind zu viel.
Julia Krebs und
René Feddern
hoffen auf eine
barrierefreie
Wohnung in
Lüneburg oder
Umgebung. Foto: t&w
Täglich 27 Stufen sind zu viel. Julia Krebs und René Feddern hoffen auf eine barrierefreie Wohnung in Lüneburg oder Umgebung. Foto: t&w

„Schwieriger als Goldsuche“

us Lüneburg. Es ist eine Tortur, die Julia Krebs nahezu täglich auf sich nimmt, um bei ihrem Verlobten sein zu können. 27 Stufen muss die 23-Jährige dazu überwinden, allein schafft sie es nicht, denn seit ihrer Geburt leidet sie an „Offenem Rücken“ und ist auf den Rollstuhl angewiesen. „Ich bin vollkommen fertig, wenn ich oben angekommen bin“, sagt die Lüneburgerin, deren Kraftanstrengung mit heftigen Schmerzen im Rücken, in den Beinen und im Kopf belohnt wird. „Ohne die Hilfe von René ginge es gar nicht, doch das kann natürlich keine Dauerlösung sein.“ Nun suchen beide in Lüneburg oder Umgebung eine gemeinsame Wohnung, barrierefrei und bezahlbar. Und stoßen damit auf große Probleme.

„Das ist schwieriger als Goldsuche“, sagt René Feddern. Seit einem Jahr sind er und Julia verlobt, im kommenden Jahr wollen sie heiraten. Beide kennen sich schon seit vielen Jahren, beide arbeiten bei der Lebenshilfe in Lüneburg, sie in der Montage-Gruppe, er als Hausmeister. Das Problem: Sobald beide im Rahmen ihrer Wohnungssuche ihre Einkommenssituation darlegen, wird offenbar, dass sie Bezieher von Grundsicherung sind, Personen also, die gemäß amtlicher Definition aufgrund einer bestehenden Erwerbsminderung auf Dauer ihren Lebensunterhalt nicht aus eigener Erwerbstätigkeit beziehen.

Zwar trifft dies aktuell auf Julia Krebs noch nicht zu als Mitbewohnerin einer Wohngruppe der Lebenshilfe wird ihr Lebensunterhalt derzeit über die Eingliederungshilfe getragen , doch diese Form der Unterstützung verliert sie, sobald sie wie jetzt geplant mit ihrem Verlobten eine eigene Wohnung bezieht. Ihren Lebensunterhalt würde sie dann neben ihrem Lohn von der Lebenshilfe im Wesentlichen über die Grundsicherung bestreiten. „Und das ist vermutlich das Problem, denn viele Vermieter sehen in uns Sozialhilfeempfänger, und dann geht meist gar nichts mehr“, berichtet René Feddern, der bereits zahlreiche vergebliche Anläufe unternommen hat, eine Wohnung zu finden.

Dagmar Pitters kennt das Problem. „Die Menschen werden durch den Grundsicherungsbescheid stigmatisiert“, sagt die Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg. Sie findet es nicht richtig, dass es für Dritte überhaupt ersichtlich wird, wenn jemand Grundsicherung bezieht. Und es empört sie, wenn Menschen wie Julia Krebs und René Feddern den ganzen Tag über arbeiten, zugleich aber den Status eines Sozialhilfeempfängers haben. „Was hat ein Behinderter in der Sozialhilfe zu suchen?“, fragt sie und fordert, die Gesetzgebung endlich auch an den Inklusionsgedanken anzupassen.

Die Lebenshilfe selbst betreibt in Lüneburg fünf Wohnheime und 17 Wohngruppen, in denen Menschen mit Handicap wohnen und bedarfsweise betreut werden. „Doch die Zeiten haben sich geändert, immer mehr dieser Menschen wollen auch auf eigenen Beinen stehen und in einer eigenen Wohnung leben“, sagt Pitters. Nur: Auf dem freien Wohnungsmarkt sei in Lüneburg derzeit so gut wie nichts zu bekommen, schon gar nicht, wenn es barrierefrei sein soll. Hinzu komme, dass für Grundsicherungsempfänger die Mietobergrenzen gesetzlich festgelegt sind, 435 Euro sind es aktuell in Lüneburg für eine 50 bis 60 Quadratmeter große Wohnung für zwei anspruchsberechtigte Personen zuzüglich eines Zuschlages bei vorliegender Behinderung.

Weil dafür in Lüneburg nicht viel zu bekommen sei, will die Lebenshilfe jetzt ein neues Wohnprojekt starten. Auf ihrem Grundstück an der Rabensteinstraße will sie barrierefreien Wohnraum schaffen, dafür laufe aktuell eine Bedarfsanalyse. „Das ist aber noch Vision“, schwächt Pitters allzu frühe Erwartungen ab.

Konkrete Angebote hat zwar auch Heiderose Schäfke nicht parat, doch die Geschäftsführerin der Lüneburger Wohnungsbau GmbH (Lüwobau) empfiehlt grundsätzlich, sich in ihre Warteliste einzutragen. „Aktuell haben wir keine Leerstände, aber gelegentlich gibt es Rückläufer, wenn Leute abgesprungen sind.“

Der weitaus größere Teil des Bestandes an Wohnungen des kommunalen Unternehmens sei für Transferleistungsempfänger geeignet, also auch für Julia Krebs und René Feddern bezahlbar. Einziges Problem wäre da nur noch die Barrierefreiheit. „In unserem Bestand sind viele ältere Objekte, deren Erdgeschoss im Hochparterre liegt. Daher schaffen wir oft nur, barrierearme Wohnungen anzubieten.“ Trotzdem macht Heiderose Schäfke den beiden Mut: „Helfen können wir eigentlich immer, aber es braucht ein bisschen Zeit.“