Dienstag , 27. September 2016
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Starke Polizeikräfte halten 21 Männer fest, sie waren mit Messern und Baseballkeulen bewaffnet. Ein neuer Höhepunkt der Fehde zwischen zwei kurdischen Familien. Foto: t&w
Starke Polizeikräfte halten 21 Männer fest, sie waren mit Messern und Baseballkeulen bewaffnet. Ein neuer Höhepunkt der Fehde zwischen zwei kurdischen Familien. Foto: t&w

Endstation Ilmenaustraße

ca Lüneburg. Es sind Szenen, die so gar nicht zum Rote-Rosen-Idyll der Salzstadt passen: Mannschaftswagen der Polizei riegeln die Ilmenau­straße zwischen Abtsmühle und Conventstraße ab, Beamte stehen mit Maschinenpistolen im Anschlag nebeneinander und weisen Passanten ab. Dutzende Polizisten haben am Sonnabendnachmittag, 13. September, 21 Männer eingekesselt und durchsucht. Die Polizisten stellten bei ihnen Messer und Baseballkeulen sicher, dazu spezielle Handschuhe, die Schläger vor Prügeleien überziehen. Ein neuer Höhepunkt im Konflikt zwischen zwei kurdischen Familien, der Lüneburg seit zehn Tagen in Atem hält. Bekanntlich sollen Angehörige der Familie B drei Mitglieder der Familie A am Krankenhaus niedergeschossen haben. Die Opfer wurden an Oberschenkel und Hüfte getroffen.

Polizeichef Hans-Jürgen Felgentreu setzt auf starke Präsenz, zum einen, weil seine Leute einen ganzen Schwung Männer gestellt haben, die als gefährlich gelten und einschlägig vorbestraft sind. Zum anderen aber will der Leitende Polizeidirektor klar machen, dass der Rechtsstaat in der Stadt die Regeln setzt und nicht Familienclans. Er will damit den Beteiligten auch zeigen, dass die Polizei Bürger schützt und mit Hochdruck daran arbeitet, das Geschehen rund um die Schießerei am Klinikum am Sonnabend vor einer Woche aufzuklären. Am Freitag zuvor waren Mitglieder der Familien in einem Fitnessstudio am Pulverweg mit abgeschlagenen Flaschen aufeinander losgegangen.

Mit einer Panoramakamera nimmt die Polizei die Lage am Klinikum auf. In die Aufnahmen können die Ermittler später Szenen integrieren und so den Tatablauf besser rekonstruieren. Foto: t&w
Mit einer Panoramakamera nimmt die Polizei die Lage am Klinikum auf. In die Aufnahmen können die Ermittler später Szenen integrieren und so den Tatablauf besser rekonstruieren. Foto: t&w

Gemeinsam mit der Justiz greift die Polizei durch: 18 Personen erhalten Platzverweise, sie müssen von der Polizei eskortiert die Region mit ihren eigenen Wagen verlassen, einem schweren BMW und einem roten Kleinwagen, andere bringt die Polizei zum Bahnhof. Bis Montag sieben Uhr gilt die Anordnung. Drei andere (28, 32 und 34 Jahre), sie zählen zum engeren Umfeld der Familie B, welcher der mutmaßliche Schütze vom Klinikum angehört, sitzen nach richterlicher Anordnung im Langzeitgewahrsam, der mehrere Tage dauern kann.

Begonnen hat alles nach LZ-Informationen am frühen Sonnabendnachmittag in Kaltenmoor. Dort war ein Angehöriger der Familie A in einem Lokal gewesen. Kurz darauf tauchten Mitglieder der Familie B auf, mutmaßlich, um den anderen zu verprügeln. Davon erfuhr die Polizei, sie setzte sofort auf Kontrollen. Im Moment kann Polizeichef Felgentrau auf starke Kräfte setzen. Das Innenministerium hat ihm zur Unterstützung fast zwei Hundertschaften geschickt, die Beamten wachen im Wechsel rund um die Uhr an den Wohnadressen der verfeindeten Familien in Lüneburg und Reppenstedt,und sie fahren Streife. Als die Polizei das Treffen der Angehörigen der Familie B an der Ilmenaustraße beobachtet, setzt sie die Männer fest.

Und dabei erlebt die Einsatzleitung Überraschungen. Denn es waren nicht nur Angehörige der türkisch-kurdischen Familie B, sondern auch Männer mit einem russisch-stämmigen Hintergrund. Für die eigentümliche Verbrüderung kursiert in Ermittlerkreisen eine These: Einer aus der Familie B arbeitet als Türsteher für eine Discothek in der Region, die von Deutsch-Russen geführt wird. Da könnten womöglich auch gemeinsame Geschäfte betrieben werden. Denn es gebe eine einfache Regel in der Nachtclub-Szene: „Wer die Tür hat, bestimmt, was im Laden läuft.“ Zum Beispiel das Drogengeschäft. Zweite Überraschung: Unter den Verdächtigen finden sich nicht nur Lüneburger, sondern auch Beschuldigte, die aus dem Bereich Soltau kommen sowie aus dem Ruhrgebiet.

Bislang hatten die Ermittler Familie B kaum wegen Straftaten im Fokus. Da die Ermittler nun einen Schwung neuer Namen samt Lichtbildern besitzen, verfügen sie über neue Erkenntnisse und forschen nach Verbindungen.

Von Familie A wissen sie bereits einiges. Die gehört zu den Mhallamiye-Kurden, einer religiösen Gruppe, die als asylsuchend vor allem aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist.

Starke Clans leben in Bremen, Berlin und Essen und fallen dort immer wieder durch massive Kriminalität auf. In Lüneburg ist die Familie A der Polizei bestens bekannt. Als es vor Jahren zu einer Massenschlägerei in Kaltenmoor kam, hatte die Polizei die Sonderkommission Argus eingesetzt, die das Umfeld der Familie A ausgeleuchtet hat und eben auch auf kriminelle Strukturen stieß. Doch viele der Vorwürfe hätten sich am Ende nicht gerichtsfest beweisen lassen, schildert einer, der die Ergebnisse kennt: „Zeugen wurden eingeschüchtert und haben ihre Aussagen zurückgezogen.“

Die Polizei musste die SoKo auslaufen lassen; Personalmangel. Nun ist die Situation anders. Da inzwischen auch die Politik Aufklärung wünscht und die Brisanz der Lage durch Parallelgesellschaften erkannt hat, könnten es Felgentreu und seine Kollegen leichter haben, die Ermittlungen länger fortzusetzen.

Alles im Blick Tatortermittler brachten gestern, 14. September, an der Bögelstraße eine Panoramakamera zum Einsatz. Die Aufnahmen wollen sie nutzen, um besser zu rekonstruieren, wie sich Schießerei und Schlägerei am 6. September vor dem Klinikum abgespielt haben. Dort soll mindestens ein Angehöriger der Familie B drei Angehörige der Familie A niedergeschossen haben. Der 33-Jährige ist weiterhin auf der Flucht. Da die Polizei mindestens fünf Patronenhülsen gefunden hat, ist sie sich sicher, dass aus einer Pistole geschossen wurde. Da aber mehr Kugeln gefunden wurden, beschäftigt die Beamten zudem die Frage, ob zudem ein Revolver im Einsatz war, das würde auf einen zweiten Schützen hindeuten. Bei Schüssen mit einem Revolver bleiben Patronenhülsen in der Trommel. Hinweise unter Tel.: 29 22 15.