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Wegen seiner Mitwirkung bei der Gefangeneneigentumsverwaltung des Konzentrationslagers Auschwitz soll bald Oskar Gröning in Lüneburg der Prozess gemacht werden. Foto: A./ dth
Wegen seiner Mitwirkung bei der Gefangeneneigentumsverwaltung des Konzentrationslagers Auschwitz soll bald Oskar Gröning in Lüneburg der Prozess gemacht werden. Foto: A./ dth

Spur des Holocausts verwischt

rast Lüneburg. Als Freiwilliger der Waffen-SS hat Oskar Gröning im Bereich der Gefangeneneigentumsverwaltung des Konzentrationslagers Auschwitz geholfen, das auf Bahnrampen im Lagerbereich Birkenau zurückgelassene Gepäck neu eintreffender Häftlinge wegzuschaffen. Davon ist die Staatsanwaltschaft Hannover überzeugt, Staatsanwältin Kathrin Söfker sagt als Sprecherin der Behörde: ,,Damit sollten die Spuren der Massentötung für nachfolgende Häftlinge verwischt werden.“ Vor allem aber sei es Aufgabe des heute 93 Jahre alten Angeschuldigten gewesen, die aus dem Gepäck entnommenen Banknoten zu zählen und an das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS in Berlin weiterzuleiten.

Das Verfahren wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300000 Fällen ist eines der letzten großen NS-Verfahren in Deutschland. Es wird vor dem Schwurgericht in Lüneburg stattfinden, Landgerichtssprecher Dr. Volker König bestätigt auf LZ-Anfrage: ,,Die Anklage ist bei uns eingegangen.“ Die zuständige Kammer werde für diesen Prozess zeitlich Druck machen: ,,Es wird alsbald terminiert.“

Der Lüneburger Gerichtssprecher Dr. König bestätigt auch, dass dem Schwurgericht bereits 16 Anträge von Überlebenden und Angehörigen von Opfern der sogenannten Ungarn-Aktion vorliegen: ,,Weitere Anträge sind angekündigt.“

Die Justiz hatte den Mann aus der Lüneburger Heide bereits vor rund 30 Jahren im Visier, doch die Staatsanwaltschaft Frankfurt hatte die Ermittlungen wegen des Verdachts der Beteiligung an NS-Verbrechen am 6. März 1985 mangels Beweises eingestellt. 20 Jahre später – 2005 – hatte sich Gröning im englischen Fernsehen und in deutschen Zeitungsinterviews reumütig zu seiner Vergangenheit in Auschwitz geäußert, allerdings sehe er sich persönlich als unschuldig an.

Kathrin Söfker sagt: ,,Das nunmehr von der Staatsanwaltschaft Hannover angeklagte Verfahren beruht auf Vorermittlungen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Jene hatten am 19. Februar 2014 zu bundesweiten Durchsuchungen geführt.“ Als Ursache für die neue Ermittlungswelle gegen niedere SS-Schergen verwiesen die Ludwigsburger auf das Verfahren gegen John Demjanjuk, den ehemaligen SS-Wächter aus dem Vernichtungslager Sobibor, er war 2011 vom Landgericht in München wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 28000 Menschen verurteilt worden obwohl ihm keine direkte Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte.

„An der Rampe das Tötungsgeschehen unterstützt.“
Staatsanwältin Kathrin Söfker

Ähnlich argumentiert die Anklage nun im Lüneburger Prozess: Dem Angeschuldigten sei bewusst gewesen, dass die im Rahmen der Selektion als nicht arbeitsfähig eingestuften überwiegend jüdischen Häftlinge unmittelbar nach ihrer Ankunft in eigens dafür errichteten Gaskammern ermordet wurden, Behördensprecherin Söfker: ,,Durch seine Tätigkeit habe er dem NS-Regime wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Tötungsgeschehen unterstützt.“

Aus Beweisgründen wurde die Anklage auf den Zeitraum der Ungarn-Aktion beschränkt, seit der Besetzung des ungarischen Staatsgebietes am 19. März 1944 waren die dort lebenden jüdischen Bürger einem Gesetz mit antisemitischer Zielrichtung unterworfen, Kathrin Söfker: ,,Zwischen dem 16. Mai und dem 11. Juli 1944 trafen im Lager Birkenau mindestens 137 Eisenbahntransporte mit insgesamt etwa 425000 Menschen aus Ungarn ein, von denen – so die Anklage – mindestens 300000 den Tod in Gaskammern fanden.“ Bei der Staatsanwaltschaft Hannover, die in Niedersachsen eine Sonderzuständigkeit für die Verfolgung von NS-Verbrechen hat, waren vier Verfahren gegen ehemalige SS-Angehörige aus dem KZ Auschwitz anhängig. Zwei der Männer starben, das Verfahren gegen den dritten Mann wurde wegen ärztlich attestierter dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit eingestellt.

Gröning-Prozess – drittes großes NS-Verfahren in Lüneburg

Der erste große Kriegsverbrecher-Prozess startete hier am 17. September 1945: In der Turnhalle des Männerturnbundes an der Ecke Barckhausen-/Lindenstraße verhandelte der Militärgerichtshof gegen Angehörige der SS-Wachmannschaften des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Nach 54 Verhandlungstagen wurden am 17. November 1945 acht männliche und drei weibliche Aufseher zum Tode, viele andere zu langen Freiheitsstrafen verurteilt, einige wurden freigesprochen. Ende der 1980er-Jahre sorgte ein weiterer NS-Prozess für Schlagzeilen aus Lüneburg. Nachdem nach fast vier Jahren Verhandlungsdauer vor dem Landgericht Frankfurt der Prozess gegen Horst Czerwinski im Jahre 1983 platzte, übernahm das Lüneburger Schwurgericht um den Vorsitzenden Richter Hans-Jürgen Diederichs 1984 das Verfahren gegen den Schlachtermeister aus Sülze im Kreis Celle. Nach knapp fünf Jahren, der Vernehmung von mehr als 200 Zeugen und Prozesskosten in Höhe von mehr als vier Millionen Mark, vor allem durch die Reisen der Zeugen nach Lüneburg und die Reisen des Gerichts zu Zeugen in aller Welt, wurde das Urteil am 26. Mai 1989 gefällt: Lebenslang für den ehemaligen KZ-Kommandanten des Auschwitz-Nebenlagers Lagischa. Der zur Urteilsverkündung 66-Jährige wurde für schuldig befunden, im Frühsommer 1944 in einer Waschbaracke des Lagers zwei russische Häftlinge nach deren missglückter Flucht durch Kopfschüsse ermordet zu haben. Noch im Gerichtssaal wurde der seit 1985 gegen ihn vorliegende Haftbefehl vollstreckt – er saß seine Strafe allerdings nur bis April 1993 ab, wurde im Alter von 70 Jahren wegen Haftunfähigkeit aus dem Gefängnis entlassen. Einige Fälle aus Bergen-Belsen hatte die Staatsanwaltschaft Lüneburg Jahrzehnte später wieder aufgenommen, musste sie aber 2010 einstellen: Die Beschuldigten waren nach anderen Verfahren entweder hingerichtet worden, verstorben oder ihr Aufenthaltsort nicht mehr zu ermitteln. rast