Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Wie sieht die Zukunft des Einzelhandels aus? Darüber diskutierten (v.l.) Prof. Dr. Daniel Lang, Jan Orthey, Kimber Lanning, Tim Lagerpusch, Dr. Susanne Eichholz-Klein und Heiko Meyer. Foto: t&w
Wie sieht die Zukunft des Einzelhandels aus? Darüber diskutierten (v.l.) Prof. Dr. Daniel Lang, Jan Orthey, Kimber Lanning, Tim Lagerpusch, Dr. Susanne Eichholz-Klein und Heiko Meyer. Foto: t&w

Überleben in Zeiten des Internet

us Lüneburg. „Wie haben Sie das hinbekommen, dass es in Lüneburg so gut läuft?“ Heiko Meyer, Vorsitzender des Vereins Lüneburger Citymanagement (LCM) war bei dem Gesprächsabend der Leuphana ein gefragter Mann. Gleich mehrfach musste er erläutern, wie der Einzelhandel in der Hansestadt es schafft, sich seit Jahren gegen die Internet-Konkurrenz à la Amazon oder der Bedrohung von Shoppingmärkten auf der grünen Wiese zur Wehr zu setzen. Denn Lüneburg geht es vergleichsweise gut: Während in einigen Großstädten bis zu 90 Prozent der Ladengeschäfte in verkaufsrelevanten Fußgängerzonen Filialen großer Handelsketten sind, übersteige ihr Anteil in Lüneburg in keiner Einkaufsstraße 65 Prozent, führte Prof. Dr. Daniel Lang, Professor für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung an der Leuphana Universität Lüneburg, aus. Er hatte zu dem Gesprächsabend „Zukunfts-trends im Einzelhandel  Von neuen Business-Kooperationen bis Regionalität“ eingeladen. Vor rund 100 Gästen stellten Experten aus Wissenschaft und Praxis Lösungswege und Entwicklungen vor.

„Wir haben sehr gute Kontakte zur Politik und zur Stadtverwaltung“, sagte Heiko Meyer. Diese seien über Jahre gewachsen, allerdings nur durch intensives persönliches Engagement. „Das ist kein Selbstläufer“, machte Meyer deutlich. Hinzu komme, dass sein Verein, der inzwischen 230 Mitglieder habe, davon 60 Filialisten, auch in die Gremien der Stadt eingebunden sei, dadurch könnten frühzeitig Entwicklungen erkannt und gegebenenfalls Einfluss genommen werden.

Gute Kontakte seien zwar wichtig, doch sie allein reichten nicht, um Kunden an den stationären Einzelhandel zu binden, hob Dr. Susanne Eichholz-Klein vom Institut für Handelsforschung in Köln hervor. Chancen im Wettbewerb mit reinen Online-Händlern habe der stationäre Einzelhandel eher dann, wenn er dem Kunden mehr als nur reine Bedarfsdeckung bietet. „Der stationäre Handel ist der Kontaktpunkt für Emotionalität und Spontankäufe“, sagte die Handels-Expertin. Es werde zunehmend wichtiger, in den Shops eine Wohlfühl-Atmosphäre herzustellen und alle Sinne anzusprechen „bis hin zu Erlebniswelt-Inszenierungen“.

Auf die Bedeutung regionaler Netzwerke ging Kimber Lanning ein. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von „Local First Arizona“, einem der größten lokalen Business-Netzwerke der USA. Welche volkswirtschaftlichen Effekte lokale Netzwerke auslösen können, machte sie an Zahlen fest: Während von 100 Dollar, in nationalen Handelsketten ausgegeben, lediglich 13 Dollar in der Region verblieben, seien es 45 Dollar bei Einkäufen in inhabergeführten Geschäften vor Ort. Und während 10 Millionen Dollar Umsatz bei Amazon zu 14 Arbeitsplätzen führten, kämen Handelsketten auf 50, unabhängige Einzelhändler aber auf 110 Jobs. Auch warnte sie davor, billiger als die großen Anbieter zu sein. Lokale Händler sollten vielmehr durch Unterscheidbarkeit, besseren Kundenservice oder auch Fachkenntnis überzeugen.

Für den lokalen Einzelhandel trat an dem Abend auch Jan Orthey an, Inhaber und Geschäftsführer der Buchhandlung „Lünebuch“ und Gründer des lokalen Netzwerks „buy local“, einem Zusammenschluss Lüneburger Einzelhändler. „Bei uns stehen echte Menschen im Geschäft, die mit den Kunden sprechen und nicht über Algorithmen errechnen, was sie kaufen sollen“, versuchte Orthey die Stärken des Einzelhandels deutlich zu machen. Und: „Man muss selbst aktiv werden, die gebratenen Tauben kommen einem nicht entgegengeflogen.“

Tim Lagerpusch, Betreiber der Internet-Plattform „Sugar­trends.com“ mit Produktangeboten lokaler Händler „zwischen Lüneburg und Sydney“, wies auf die Bedeutung der Qualitätsprüfung hin. Anders als bei den zentralen Logistikströmen von Produkten aus China in die Hochregale von Amazon würde der Inhaber eines Geschäfts seine Lieferanten noch persönlich kennen. Lagerpusch sagte aber auch: „Für viele Kunden zählt auch der Preis.“

Prof. Daniel Lang versprach, das Thema weiter zu verfolgen und mit seinem Team Strategien für ein zukunftsfähiges Zusammenleben zu entwickeln. „Denn sowohl der Einzelhandel als auch der Online-Handel werden uns noch eine ganze Zeit lang begleiten.“