Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Ein ungewohnter Anblick im Roten Feld: Anwohner wie Dr. Rolf Johannes (r.) protestieren gegen den Abriss der Villa und fordern, dass im Roten Feld nicht noch mehr Gärten überbaut werden. Der Investor hingegen sagt: 70 Prozent des Grüns bleiben bestehen. Foto: t&w
Ein ungewohnter Anblick im Roten Feld: Anwohner wie Dr. Rolf Johannes (r.) protestieren gegen den Abriss der Villa und fordern, dass im Roten Feld nicht noch mehr Gärten überbaut werden. Der Investor hingegen sagt: 70 Prozent des Grüns bleiben bestehen. Foto: t&w

Erste Demo in der Nachbarschaft

ca Lüneburg. „Nachverdichtung“ heißt ein Ziel der Bauplanung: Die Landschaft soll nicht weiter zersiedelt werden, deshalb gilt es, Baulücken in der Stadt zu nutzen. Das steht im Baugesetzbuch  und schafft Konflikte: Wenn Freiflächen so in den Fokus für Bauprojekte geraten, beklagen Anwohner, dass das gewohnte Grün verschwindet. Das ist auch im Roten Feld zu beobachten.

An der Lessingstraße will Bauträger Andreas Ohlms die alte Ibus-Villa abreißen und einen Neubau mit fünf Wohnungen errichten. Als er das Vorhaben Kaufinteressenten vorstellte, standen auf der Straße rund 40 Anwohner, die protestierten. Sie wollen sich das Rote Feld nicht durch „unsensible“ Neubauten verhunzen lassen. „Wir möchten den Charakter des Viertels erhalten“, sagt Dr. Rolf Johannes. Auch wenn der Bau des Komplexes nicht verhindert werden könne, wolle man Druck machen, sodass die Stadt nicht noch mehr „Stadtvillen“ genehmige.

Stadtbaurätin Heike Gundermann sagt: „Gerade in einem Teil des Roten Feldes haben wir mit der Erhaltungssatzung ein Planungsinstrument, um unkontrollierte Nachverdichtung zu verhindern. Was wir aber nicht können, und was auch nicht Ziel sein kann, ist Veränderungen komplett zu verhindern. An der fraglichen Stelle gilt die Erhaltungssatzung auch nicht.“ Ergo: An manchen Stellen kann gebaut werden. Stadtsprecherin Suzanne Moenck ergänzt, dass der Bebauungsplan zwar Geschosshöhe und etwa die Dachform vorgebe, aber nicht, wie das Haus auszusehen hat. Vorschriften für Material und Gestaltung greifen dort nicht. Auch stehe das Haus nicht unter Denkmalschutz, daher sei der Abriss möglich.

Wie berichtet, hat der Immobilienunternehmer Ohlms die ehemalige Ibus-Villa gekauft. Nachbarn hatte er im vergangenen Herbst aufgebracht, als er mehrere Bäume fällen ließ. Er sprach gegenüber der LZ davon, dass eine Buche krank gewesen sei, Nadelhölzer windbruchgefährdet gewesen seien. Da hatte die Stadt ihre Zweifel. In der Folge erließ sie eine Baumschutzsatzung, gegen die man sich im Rathaus lange gesträubt hatte. Einen Abriss des Gebäudes hatte Ohlms damals bestritten, nun steht er bevor.

Unter den Demonstranten standen auch Karin und Hans-Jörg Heinen. Sie hatten 38 Jahre in dem Gebäude gelebt und eine Heilpraktiker-Praxis betrieben. Sie hätten jemanden gesucht, der Haus und Garten zu schätzen und erhalten wisse, berichten die beiden. Ohlms habe ihnen gesagt, er wolle mit seiner Frau und Schwiegereltern einziehen. „Hätten wir gewusst, was daraus wird, hätten wir das nicht gemacht“, sagt Karin Heinen. Sie seien gekommen, um sich solidarisch zu ihren alten Nachbarn zu zeigen.

Ohlms erwidert, dass im Neubau fünf Wohnungen entstehen. Eine davon wolle er selber mit seiner Frau nutzen. In dem 1951 errichteten Gebäude wären die Pläne nicht mit „zeitgemäßen Grundrissen umzusetzen gewesen“, schon gar nicht unter wirtschaftlichen Aspekten. Er halte sich an das, was der Bebauungsplan vorgebe: „Wir leben in einem Rechtsstaat.“ Die jetzigen Pläne habe er mit der Verwaltung abgestimmt. Zu dem Vorwurf, dass der Garten verschwinde, sagt Ohlms: „70 Prozent des Grüns bleiben erhalten.“

Das Rote Feld zählt zu den teuersten Stadtteilen Lüneburgs. Schon in der Vergangenheit wurden Gärten überbaut, obwohl die Stadt eigentlich die Position vertritt, dass der Charakter des Gebietes erhalten bleibt und in der Folge eine Erhaltungssatzung beschloss. Die gilt aber nicht überall zwischen MTV-Sportplatz, Linden- und Uelzener Straße. Wunderbare Baulücken? Investoren kaufen auch zu hohen Preisen. Nachbarn berichten, dass sie regelmäßig Angebote in ihren Briefkästen finden, die „Entwicklungsmöglichkeiten“ für Immobilien aufzeigen.