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Routine im entstehenden Neubaugebiet Ilmenaugarten: Die Polizei sperrt den Fundort eines Blindgängers ab und wartet auf die Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Foto: t&w
Routine im entstehenden Neubaugebiet Ilmenaugarten: Die Polizei sperrt den Fundort eines Blindgängers ab und wartet auf die Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Foto: t&w

+++ Nachbericht Bombenfund: Neunter Alarm mit Knalleffekt +++

us Lüneburg. Es ist 22:09 Uhr, als ein lauter Knall Lüneburgs Innenstadt erschüttert. Michael Tillschneider hat ihn ausgelöst, der Experte des Kampfmittelbeseitigungsdienstes hat eine 68 Kilogramm schwere Fliegerbombe kontrolliert gesprengt. Sie konnte anders als in früheren Fällen nicht entschärft werden.

Es ist die neunte Bombe, die auf dem Gelände An der Wittenberger Bahn gefunden wurde. Bekanntlich soll auf dem Areal das Neubaugebiet Ilmenaugarten entstehen. Entdeckt wurde der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg bei Sondierungsarbeiten am Vormittag etwa 100 Meter nördlich der Friedrich-Ebert-Brücke. Sofort wurde der Fundort von der Polizei abgesperrt, wurden die Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes um Sprengmeister Tillschneider alarmiert. Der Katastrophenstab Kampfmittelbeseitigungsdienst, Polizei, Feuerwehr und Stadt stimmte die erforderlichen Maßnahmen genau ab.

Anders als beim bis dahin letzten Bombenfund am 17. September, als eine 250-Kilo-Bombe entschärft und ein Gebiet mit rund 12000 Lüneburgern evakuiert werden musste, waren gestern „nur“ rund 500 Personen von der Evakuierung betroffen. Bis 19.30 Uhr mussten die Anwohner in einem Umkreis von 500 Metern um den Fundort des Blindgängers ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Für sie hatte die Stadt wieder Ausweichquartiere in der St.-Ursula-Schule und im Ökumenischen Gemeindezentrum St. Stephanus in Kaltenmoor eingerichtet.

Die Polizei klingelt bei Brigitte Wollin. Die Lüneburgerin hat Verständnis für die Evakuierung, auch wenn sie nun schon zum neunten Mal ihr Haus verlassen muss. Foto: us
Die Polizei klingelt bei Brigitte Wollin. Die Lüneburgerin hat Verständnis für die Evakuierung, auch wenn sie nun schon zum neunten Mal ihr Haus verlassen muss. Foto: us

Damit die Fußballfreunde nicht auf das Länderspiel Deutschland gegen Irland verzichten mussten, hatte die Stadt eigens Fernseher in den Quartieren aufstellen lassen, auch gab es kalte und warme Getränke „und wer mochte, konnte kostenlos eine Pizza bestellen“, sagte Suzanne Moenck, Pressesprecherin der Stadt. Bereitgestellte Shuttlebusse sorgten wieder dafür, dass die Übergangsunterkünfte bequem erreicht werden konnten.

Autofahrer mussten ab 19 Uhr Umwege in Kauf nehmen. Auch der Bahnverkehr war wieder betroffen, ab 21 Uhr war die Strecke zwischen Lüneburg und Bienenbüttel bis zur Sprengung der Bombe gesperrt. Für zwei Metronom-Züge, die in dieser Zeit die Strecke nicht passieren konnten, ließ die Bahngesellschaft ersatzweise Busse fahren.

Erstmals hatte die Polizei nach der Evakuierung einen aus Hannover angeforderten Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera über das Gelände fliegen lassen. „Damit sollte sichergestellt werden, dass sich nicht doch noch Personen in dem Gebiet aufhalten“, erklärte Antje Freudenberg, Pressesprecherin der Lüneburger Polizei. Für die Sicherheitsvorkehrung habe man sich entschieden, nachdem im September unverhofft ein Jogger im evakuierten Bereich aufgetaucht sei.

Viele der von der Räumung Betroffenen nahmen die erneute Ausquartierung mit der notwendigen Gelassenheit hin. „Die meisten sind sehr verständnisvoll“, berichtete Polizeihauptkommissar Boris Ichter von der Bereitschaftspolizei. Er war mit seinen Kollegen für die Räumung des Gebietes um den Blümchensaal zuständig. „Manchmal gibt es natürlich auch murrende Stimmen, aber beim zweiten Durchgang war auch das kein Thema mehr.“ Letztlich habe bislang jeder der Aufforderung der Polizei Folge geleistet.

Anne Buzan (2.v.l.) ist mit ihrem Mann und ihren Nachbarinnen in die St. Ursula-Schule gekommen, wo sie gemeinsam den Abend vor der Leinwand  genießen – trotz des eher mauen Kicks. Foto: us
Anne Buzan (2.v.l.) ist mit ihrem Mann und ihren Nachbarinnen in die St. Ursula-Schule gekommen, wo sie gemeinsam den Abend vor der Leinwand genießen – trotz des eher mauen Kicks. Foto: us

Brigitte Wollin hat darin inzwischen Routine, sie musste bislang bei jedem der neun Bombenfunde ihr Haus an der Kurt-Schumacher-Straße verlassen. „Es dient ja unserer Sicherheit. Außerdem ist doch alles wirklich bestens organisiert“, zeigte sie sich verständnisvoll. Außerdem genieße sie den gemeinsamen Weg, den sie zusammen mit ihren Nachbarn in das Ausweichquartier am St.-Stephanus-Platz geht. Corinna und Jürgen Wilkens, die im betroffenen Teil des Blümchensaals wohnen, waren hingegen weniger begeistert, ihre Wohnung verlassen zu müssen. „Wir können es nicht ändern, aber Freude macht es nicht“, sagte Jürgen Wilke. Gerade erst seien sie von ihrer Urlaubsreise nach Menorca zurückgekehrt. Zum Aufwärmen fuhren sie ein paar Runden mit dem Auto durch die Stadt. „Uns ist kalt, auf Menorca waren es 30 Grad.“

Erneut mussten auch Anne Buzan und ihr Mann den Abend außerhalb ihrer Wohnung verbringen. Sie waren in die St.-Ursula-Schule gegangen und erlebten dort mit ihren Nachbarinnen einen gemeinsamen Fußballabend mit dem Länderspiel auf der Leinwand. „Find ich richtig klasse hier, endlich mal Fußball in groß“, freute sich die Lüneburgerin aus dem Rotenbleicher Weg. „Hier war heute richtige Bombenstimmung“, sagte sie mit einem Augenzwinkern.

Ändern kann die Situation auch Manfred Schulte nicht. Der Lüneburger Investor will auf dem Gelände neue Wohn- und Geschäftshäuser errichten, das aber geht erst, wenn das Gelände bombenfrei ist. „Wir haben aber schon viel geschafft, es sind jetzt nur noch rund 12000 Quadratmeter, die sondiert werden müssen“, sagte Schulte. Er rechne damit, dass diese Arbeiten bereits Ende November abgeschlossen sein werden. „Weihnachten muss keiner im Ausweichquartier unterm Tannenbaum sitzen.“

4 Kommentare

  1. Ich finde es für diejenigen, welche keine Freunde und Bekannten haben bei denen sie unterkommen können beruhigend zu wissen, dass die Stadt Notunterkünfte bereitstellt.
    Aber eine Fußballübertragung auf Großleinwänden und die Bestellung von Pizza (auf wessen Kosten eigentlich?) halte ich für maßlos übertrieben. Eine Evakuierung ist doch kein Event!!!

  2. Sehe ich genauso.Wer zahlt das eigentlich und ein Event ist das sicher nicht nur noch nervig.Wer zahlt den Hubschrauber,Die Räumung der Altenheime beim letzen mal.Also seine Bratwurst und Bier und Besuchtigung kann Herr Schulte gerne behalten.Die Stadt sollte besser überlegen was zum Bebauen stattgegeben wird.Dieses Baugebiet braucht doch kein Mensch hier……….. genauso wie die sogenannten Stadtvillen im Roten Feld,der normale Bürger
    hätte wahrscheinlich gar keine Genehmigung bekommen.Hauptsache Investoren verdienen sich goldene Nasen und verschandeln Lüneburg weiter.

  3. Ah herrlich, da sind sie ja endlich, die Wutbürger Lüneburgs *grrrrrrrrrr*, die sich tatsächlich über drölf Euro fünfzig für eine Pizza und eine Fußballübertragung („maßlos übertrieben“ hahahaha) aufregen… Wenn dies wirklich ernst gemeint sein sollte, ist es an Lächerlichkeit und vor allem Kleingeistigkeit schwer zu überbieten. Und nur mal so zur Info: Die Sondierungsarbeiten bezahlt Schulte. Evakuierungen und Entschärfungen/Sprengungen bezahlt der Bund. Übrigens der gleiche Bund, der problemlos in der Lage ist -völlig zu Recht- Waffen im Wert von 70 Millionen Euro an die Kurden zu liefern oder etliche Fanstastilliarden zur Verfügung hat um Banken und ganze Staaten zu retten. Also machen Sie sich bitte keine Sorgen, dass unser Land an 500 Pizzen und einer Fußballübertragung in einer Schule zu Grunde geht. Danke.

  4. Es geht nicht um die Pizzen und den Fernseher. Woher wissen Sie das der Bauträger das zahlt….Da muss er ja einen Riesengewinn einrechnen wenn er die Sondierung zahlt?Es geht darum das auch immerhin was passieren kann und ob es dass Wert ist.Ich musste zum 8ten mal raus. Glauben sie das macht Spaß. Und deshalb wer braucht daß hier in Lüneburg das ein ehemaliges Bombadierungsgebiet zum Bebauen frei gegeben wird. Und wer will am Bahnhof wohnen. Das wird ja nicht aus lauter Nächstenliebe gemacht.