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Thomas Sander mit dem angeblichen Tatfahrzeug. Als er das Knöllchen kassierte, stand dort allerdings noch kein Verbotsschild.
Thomas Sander mit dem angeblichen Tatfahrzeug. Als er das Knöllchen kassierte, stand dort allerdings noch kein Verbotsschild.

Der Schilderstreich

rast Lüneburg. Für den Lüneburger Bußgeldrichter Rüdiger Hobro-Klatte schien nach Aktenlage alles klar: Ein Außenmitarbeiter der Stadt hatte den am 5. Februar auf dem Weg zwischen Im Wendischen Dorfe und Salzstraße am Wasser geparkten Peugeot genau 17 Minuten lang von 16.46 bis 17.03 Uhr im Blick, das Knöllchen kam unter die Windschutzscheibe. Doch Thomas Sander wollte die 20 Euro partout nicht zahlen, er legte Einspruch gegen den Bußgeldbescheid ein. Jetzt lief die Verhandlung vor dem Amtsgericht mit einer Überraschung für den Richter.

Frohgelaunt betrat Thomas Sander ohne Rechtsbeistand Saal 8: ,,Wo darf ich Platz nehmen?“ Nachdem der Richter kurz die Personalien abfragte, hielt er ihm den mutmaßlichen Tatbestand vor: Der Bußgeldbescheid basiere auf der Tatsache, dass der 66-Jährige den Weg gar nicht hätte befahren dürfen, das weise ein Durchfahrt-verboten-Schild klar aus, Anlieger sei er ja nicht. Hier hakte Sander ein: ,,Ich stelle den Antrag auf Einstellung des Verfahrens. Der Vorwurf ist absurd.“ So viel Forschheit irritierte den Richter nicht, er stellte seine weiteren Fragen. Dann kam der wesentliche Punkt: Sander erzählte, dass er natürlich wisse, dass es vom Wendischen Dorfe aus kommend an dem Viskulenweg die beiden Schilder mit dem Durchfahrtsverbot und ,,Anlieger frei“ gibt und auch an der Seite Salzstraße am Wasser ein Durchfahrtsverbotsschild steht: ,,Aber dieses Schild wurde nachgerüstet, es stand damals noch nicht da.“ Der Senior zückte Fotos hervor, mit denen könne er das beweisen. Der Richter verließ seinen Platz, ging zum Tisch des 66-Jährigen. Die Fotos zeigten kein Datum. Aber vielleicht lasse sich dies ja schnell klären.

Vor Saal 8 wartete der städtische Mitarbeiter, der das Knöllchen geschrieben hatte. Der Richter rief ihn rein, verzichte auf die sonst üblichen Regularien und kam sofort auf den heiklen Punkt, den der Zeuge so aufklärte: ,,Zu diesem Zeitpunkt war kein Schild da.“ Für den Richter war klar: ,,Es bestand also die Möglichkeit, dort reinzukommen.“ Und dann ließ er einen markigen Spruch ab, der nicht gegen den Mitarbeiter abzielte der Tenor: Mit diesem Bußgeldbescheid sei ganz schön was gebastelt worden. Rüdiger Hobro-Klatte bemühte sich gar nicht erst zurück auf seinen Richterstuhl, sondern verkündete inmitten des Saals: ,,Das Verfahren wird eingestellt.“

Für Thomas Sander war die Entscheidung keine Überraschung, er hatte in der Vergangenheit schon häufiger dort geparkt und auch drei weitere Strafzettel mit der identischen Begründung erhalten nach Gesprächen mit der Stadt wurden diese drei Geschichten sofort eingestellt. Warum der vierte Fall bis zum Gericht kam, ist unklar. Sander hat inzwischen einen Anwohnerparkschein für ein Areal in der Nähe.