Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Noch weniger Arztpraxen?
Eine Verschlechterung der ärztlichen Versorgung sieht Dr. Jörg Berling als Folge, wenn Praxen per Zwangsaufkauf geschlossen werden sollen. Foto: A./t&w/nh
Eine Verschlechterung der ärztlichen Versorgung sieht Dr. Jörg Berling als Folge, wenn Praxen per Zwangsaufkauf geschlossen werden sollen. Foto: A./t&w/nh

Noch weniger Arztpraxen?

as Lüneburg. Schon heute muss man auf einen Termin beim Facharzt oder Psychotherapeuten oft viele Wochen warten. Und diese Situation könnte sich noch weiter verschärfen, wenn das geplante Versorgungsstärkungsgesetz umgesetzt wird. „Es wird die Versorgungssituation der Bürger nachhaltig verschlechtern“, sagt Dr. Jörg Berling, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) und niedergelassener Arzt in Adendorf.

Der Gesetzentwurf sieht unter anderem vor, dass Anträge auf Nachbesetzung eines Arztsitzes in sogenannten überversorgten Gebieten künftig abgelehnt werden sollen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen sollen verpflichtet werden, diese Arztsitze aufzukaufen und stillzulegen. „Nimmt man die rechnerische Überversorgung als Gradmesser, bedeutet dies für Niedersachsen den Wegfall von 1346 Facharztpraxen, 634 Psychotherapeutenpraxen und 158 Hausarztpraxen“, so Dr. Berling. Runtergebrochen auf den Landkreis Lüneburg wären das sechs Hausarzt-, 27 Facharzt- sowie 39 Psychotherapeutenpraxen.

Als „aberwitzig“ bezeichnet Berling, dass auf der einen Seite Praxen per Zwangsaufkauf geschlossen werden sollen, auf der anderen Seite die Regierungskoalition Wartezeiten auf Arzttermine abbauen will. „Bei dem Wegfall von rund 2200 Kassenarzt- und Kassenpsychotherapeutensitzen entfallen auch rund 7,2 Millionen Arzttermine in Niedersachsen. Dabei haben die rund 13600 Ärzte und Psychotherapeuten in Niedersachsen in diesem und im vergangenen Jahr bereits 6,5 Millionen Arbeitsstunden ohne Vergütung geleistet“, kritisiert Dr. Berling. „Denn der Bedarf an medizinischen Leistungen steigt kontinuierlich an, ohne dass die von den Krankenkassen zur Verfügung gestellte Summe entsprechend dem Leistungsberdarf ansteigt. Den Patienten unendliche Leistungen versprechen und gleichzeitig die finanziellen Mittel begrenzen das kann nicht funktionierren.“

Mit dem Gesetz werde die Niederlassung für Haus- und Fachärzte darüber hinaus unsicherer. Was noch schlimmer sei: Für den medizinischen Nachwuchs werde kein Anreiz geschaffen, in die eigene Praxis zu gehen. Im Gegenteil: Es würden zusätzliche Hürden errichtet. Deshalb müsse das geplante Versorgungsstärkungsgesetz in diesen Punkten dringend korrigiert werden.

Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen e. V., sagt dagegen: „Der Referentenentwurf zum Versorgungsstärkungsgesetz enthält gute Ansätze, die Situation der Patienten auf dem Land zu verbessern, dem Überangebot in den Ballungsgebieten entgegenzuwirken und die medizinische Versorgung insgesamt zu optimieren.“ Die Einbeziehung der Krankenhäuser in die ambulante Versorgung in strukturschwachen Gebieten helfe, die Versorgung da sicherzustellen, wo sich künftig nicht mehr genug Ärzte in freier Praxis finden. Umgekehrt sei die Umwandlung der Kann-Regelung zum Praxisaufkauf in eine Soll-Vorgabe eine Chance, in überversorgten Regionen überflüssige Praxissitze abzubauen. „Die bisherige Kann-Regelung hat nichts gebracht, eine Anpassung ist überfällig.“