Dienstag , 27. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Der Zug der Erinnerung
Anleiter und Teilnehmer freuen sich, der erste der beiden Waggons ist restauriert. Die AVL setzt ihn künftig ein. Der zweite geht an die Geschichtswerkstatt und das Museum. Er findet seinen Platz im Frühjahr im Wandrahmpark. Foto: t&w
Anleiter und Teilnehmer freuen sich, der erste der beiden Waggons ist restauriert. Die AVL setzt ihn künftig ein. Der zweite geht an die Geschichtswerkstatt und das Museum. Er findet seinen Platz im Frühjahr im Wandrahmpark. Foto: t&w

Der Zug der Erinnerung

ca Lüneburg. Jobs und Arbeitslosigkeit wechseln sich bei Marcel ab. Der Elektroinstallateur hat nach der Ausbildung nicht so recht Fuß gefasst im Berufsleben. Jetzt macht der 30-Jährige mit beim Waggon-Projekt des Trägers Job.sozial und hofft, sich so weiter zu qualifizieren, um künftig wieder in einer Firma arbeiten zu können. Marcel, dem seine Laufbahn unangenehm ist und der eigentlich anders heißt, ist einer von aktuell 16 Teilnehmern der Initiative, die sich an Arbeitssuchende richtet.

Wie berichtet, bringen die Männer zwei alte Eisenbahnwaggons wieder in Schuss. Einer soll künftig vor dem Museum stehen und an ein Kriegsdrama aus dem April 1945 erinnern. Damals hatten die Alliierten einen Luftangriff auf Lüneburg geflogen. Dabei starben mehr als 250 KZ-Häftlinge, die in Waggons gepfercht auf einem Transport waren. Die Wachmannschaft, von einem dänischen SS-Mann geleitet, zwang die Menschen, im Zug zu bleiben, obwohl die Bomben fielen. Die Geschichtswerkstatt will in Abstimmung mit dem Museum an das Kriegsverbrechen erinnern.

Die Teilnehmer erledigen Holz- und Metallarbeiten an den Wagen. Sie haben alte Planken ausgetauscht, Rost abgekratzt, Bretter gestrichen. Bei den drei Anleitern Martin Thoms, Christian Wilms und Markus Gutt lernen die Arbeitslosen neben handwerklichen Fähigkeiten eben auch, persönliche Schwierigkeiten anzugehen. Marcel etwa möchte konzentrierter arbeiten: Ihm ist klar, dass er zu viel mit seinen Kollegen quatscht.

Bei Stefan, auch er heißt eigentlich anders, kommen neben der Arbeit private Herausforderungen hinzu. Der Vulkaniseur, der seine Ausbildung abbrach, will unter anderem eine neue Wohnung finden. Maler und Sozialarbeiter Gutt hilft dem 45-Jährigen dabei, Lösungen zu finden.

Es ist zwar viel Betreuung, die über Fördermittel finanziert in die Teilnehmer investiert wird. Doch es rechnet sich nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Arbeitsverwaltung. Schon der Bau von Ewer und Prahm und die Instandsetzung der Bahnstrecke nach Bleckede liefen über Förderprojekte. Und wie in der Vergangenheit haben Betroffene aus der sogenannten Maßnahme heraus über Praktika Arbeit in regulären Firmen gefunden. Laut Projektleiter Michael Raykowski wurden seit dem Frühjahr fünf Männer vermittelt, drei weitere haben gute Chancen.

Am Mittwoch, 22. Oktober, nun wurde ein Waggon weitgehend fertig, der an die Arbeitsgemeinschaft der Verkehrsfreunde gehen soll. AVL-Chef Hans Dierken und seine Mitstreiter wollen ihn künftig an ihren Museumszug hängen, der nach Bleckede rollt. In dem Waggon können Reisende ihre Fahrräder mitnehmen. Doch bevor das Vehikel im Sommer zum Einsatz kommt, erneuern und prüfen die AVL-Aktiven Bremsen und Achsen. Das sind Arbeiten, die im Projekt nicht erledigt werden können.
Wer einen Praktikumsplatz anbieten kann, erreicht Michael Raykowski unter Tel. 6996072.

Zwei Infos: Die Restaurierung des AVL-Wagens unterstützt die Firma Rhepanol, die ein 1500 Euro teures Dach spendiert. Zudem macht Dierken darauf aufmerksam, dass am Wochenende auf dem Gelände An der Wittenberger Bahn Hobby-Filmer eine Schießerei nachstellen. Es müsse sich niemand Sorgen machen.

Museumseröffnung
Die offizielle Eröffnung des Museums an der Willy-Brandt-Straße war für Oktober oder November 2014 vorgesehen. Am 19. August bei einem spektakulären Umzug von Museumsstücken äußerte Leiterin Dr. Heike Düselder, dass sich die Einweihung verzögere: „Sie wird im Frühjahr 2015 sein.“ Der Neubau werde zum zunächst vorgesehenen Zeitpunkt fertig sein: „Aber wir wollen uns zur Eröffnung als komplettes Museum präsentieren“, also inklusive dem Altbau, dessen Sanierung im Dezember beendet sein soll.