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Die Experten der Lüneburger Kinder- und Jugendpsychiatrie (v. l.) Diplom-Psychologe Dr. Alexander Tewes, Chefarzt Dr. med. Alexander Naumann und Bianca Zubrican, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, im Gespräch mit Prof. Dr. Lutz Goldbeck aus Ulm. Foto: t&w
Die Experten der Lüneburger Kinder- und Jugendpsychiatrie (v. l.) Diplom-Psychologe Dr. Alexander Tewes, Chefarzt Dr. med. Alexander Naumann und Bianca Zubrican, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, im Gespräch mit Prof. Dr. Lutz Goldbeck aus Ulm. Foto: t&w

Das große Leiden der Kleinen

ca Lüneburg. Familie ist ein Ort von Nähe und Geborgenheit, Familie ist ein Ort des Grauens: Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung. Kinder können dem ausgesetzt sein und schwere Schrammen an der Seele erleiden. Vielleicht nässen sie dann ein, ziehen sich stumm in sich zurück oder gehen über Tische und Bänke. Doch manche kommen heil durch traumatische Erlebnisse hindurch. Sie sind widerstandsfähig, Psy­­chi­­ater und Psychologen sprechen von Resilienz. Doch warum ist das so und können Mediziner von den Mädchen und Jungen lernen, was sie stark macht? Dieses Wissen könnte denen helfen, die unter ihrer Last oft schwer leiden.

Mit dieser Problematik beschäftigt sich eine Studie, an der auch die Lüneburger Kinder- und Jugendpsychiatrie teilnimmt. Chefarzt Dr. Alexander Neumann und seine Kollegen Bianca Zubrican und Dr. Alexander Tewes arbeiten in einem klinischen Verbund mit dem Ulmer Psychologen und Forschungsleiter Prof. Dr. Lutz Goldbeck zusammen. Der hat die Lüneburger gerade für ein Seminar besucht. Denn das Angebot geht über das reine Sammeln von Daten hinaus, die Therapeuten und Wissenschaftler helfen auch.

So bilden sie Case-Manager aus. Diese Fall-Manager sollen beispielsweise traumatische Störungen erkennen und Betroffenen helfen, Unterstützung zu finden. Und das möglichst frühzeitig. Sie können in Jugendämtern und Betreuungsstellen arbeiten, aber auch bei der Polizei oder in Schulen und in der Seelsorge. Rund 60 Männer und Frauen haben diese Ausbildung in Lüneburg laut Naumann bereits durchlaufen.

Goldbeck sagt: „Die meisten Traumatisierungen passieren in der Familie.“ Aber es müsse nicht immer ein Gewalterlebnis oder der Streit zwischen den Eltern sein, der die seelischen Störungen auslöst. Auch Erkrankungen, medizinische Eingriffe oder Unfälle könnten Ursachen sein. Und nicht jedes Mal muss ein Kind davon selber betroffen sein: „Schon das Beobachten davon kann ausreichen.“

Goldbeck sieht die Lüneburger Kinder- und Jugendpsychiatrie gut aufgestellt: „Hier kümmert man sich sehr um moderne Angebote und die Versorgung.“ Naumann und seine Kollegen haben seit Jahren Verbindungen geknüpft, die über das Gelände am Wienebütteler Weg hinausreichen. Nicht nur in diesem, sondern auch in anderen Projekten arbeiten sie in der Region mit niedergelassenen Kollegen, Einrichtungen, Ämtern und Organisationen wie dem Kinderschutzbund zusammen.

Auf alle kommen neue Herausforderungen zu. Zum einen liegt der Anteil der jungen Patienten, deren Familien als Zuwanderer kamen, inzwischen bei rund einem Viertel der Gesamtzahl. Da aufgrund der politischen Lage in der Welt immer mehr Flüchtlinge, oft unter grauenhaften Umständen, Deutschland erreichen, erhöht sich auch die Zahl der Kinder, die Schlimmes erlebt haben. Das ist auch den Helfern bewusst. So haben sie bereits Info-Broschüren entwickelt, die auf Russisch, Serbo-Kroatisch und Türkisch vorliegen, doch es fehlt noch an Material in anderen Sprachen, auch wenn Dolmetscher eingebunden werden können.

Zudem wäre es aus Sicht der Helfer wünschenswert und nötig, diesen Kindern und Jugendlichen zu helfen. Allerdings fehlen Naumann und seinen Mitstreitern Kapazitäten. Er sieht die Politik gefordert, zusätzliche Angebote zu schaffen. Denn das erfordert zusätzliche Mittel.

Wer Interesse hat, sich an der Studie zu beteiligen oder sich als Case-Manager ausbilden lassen möchte, erhält weitere Informationen bei Bianca Zubrican unter Tel.: 601740.