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Die Universität geht mit ihrer Startwoche für Erstsemester, die mit einer zentralen Veranstaltung in St. Johannis eingeläutet wurde,  einen individuellen Weg. Jetzt erntet das Präsidium Kritik von Studenten für den Ablauf Anfang Oktober. Foto: t&w
Die Universität geht mit ihrer Startwoche für Erstsemester, die mit einer zentralen Veranstaltung in St. Johannis eingeläutet wurde, einen individuellen Weg. Jetzt erntet das Präsidium Kritik von Studenten für den Ablauf Anfang Oktober. Foto: t&w

Enttäuschte Erwartungen

mm Lüneburg. In einem offenen Brief an das Leuphana-Präsidium kritisieren Studenten des ersten Semesters die Startwoche. Zum Studiumsbeginn sollten die rund 1500 Neuankömmlinge in einer Projektwoche praktische Lösungen für die Probleme alternder Gesellschaften entwickeln. Die Idee kam an. Allerdings stieß die Umsetzung auf Unmut. „Uns hat die Ausführung der Startwoche sehr enttäuscht“, schreiben die Verfasser. Tenor: Die Ausrichtung zu wirtschaftsorientiert, zu wenig Zeit zur Reflexion. Jetzt suchen sie das Gespräch mit der Uni-Leitung.

Die Protestler hätten sich neben der Projektarbeit mehr Zeit gewünscht, um Lüneburg und studentische Initiativen kennen zu lernen. „Nach vollen Programmtagen von über zehn Stunden hat dafür leider bei den meisten kaum die Energie gereicht“, bemängeln die Studenten in ihrem Brief. Durch den straffen Zeitplan habe es ebensowenig Raum für Reflexionen von Vorträgen gegeben. Das Thema der Startwoche, sich die Welt im Jahr 2099 vorzustellen, hätten sie als spannende He­rausforderung wahrgenommen. Doch die Erwartungen seien enttäuscht worden.

„Wir dachten, es ginge da­rum, wie 2099 eine faire Gesellschaft aussehen könnte und wie wir leben, arbeiten und wirtschaften werden und diese zukünftige Gesellschaft viele alte Menschen integrieren kann“, schreiben die Studenten. Allerdings hätten wirtschaftlich tragfähige Konzepte im Vordergrund gestanden. „Bei einigen von uns kam leider das Gefühl auf, bei einer Fortbildung für junge Unternehmer gelandet zu sein, statt an einer Universität, die kritische Köpfe hervorbringen soll.“ Vertreter eines Projektteams bemängeln: „Für unser Projekt sollten wir die Zielgruppe, Verkaufszahlen und Wachstumsprognosen ermitteln. Weder soziale noch ökologische Auswirkungen spielten bei den Kriterien für die ersten Plätze eine Rolle.“

Beim Wettbewerb gingen 105 Projektteams an den Start, die besten Ideen wurden prämiert. „Die Auswahlkriterien wurden im Vorfeld mit den Teilnehmern besprochen und umfassten Bewertungen in fünf gleichberechtigten Kategorien: Wirkung und Mehrwert, Kreativität und Innovation der Idee, Durchführbarkeit, finanzielle Plausibilität und Präsentation der Idee“, sagt Uni-Pressesprecher Henning Zühlsdorff. Aus Sicht der unzufriedenen Studenten führte der Wettbewerb dazu, dass manche Gruppen gegeneinander arbeiteten. Weniger Wettbewerb, dafür mehr Gemeinschaft hätten sie sich gewünscht.

Die Briefschreiber warben auf dem Uni-Campus um Unterstützung für ihr Anliegen, einen Dialog zwischen Uni-Führung und Studenten über die Gestaltung der Startwoche zu eröffnen. Dazu sammelten sie Unterschriften. Es gab 388 Unterzeichner aus dem ersten Semester, auch sechs Tutoren der Startwochenteams setzten ihre Namen auf die Liste.

Die Studentenvertretung, der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA), begrüßt den Vorstoß: „Studenten sollen Mitsprache üben und ihr Studium so gestalten können, wie sie es möchten“, sagt AStA-Sprecherin Kristina Heller. Der AStA sieht sich als kritischer Begleiter der Hochschulentwicklung. „Wir beobachten mit Wohlwollen, dass es auch kritische Regungen aus der Studentenschaft heraus gibt. Für uns ist das Protestschreiben und die Unterschriftenaktion ein deutliches Zeichen an die Uni-Leitung, dass die Studenten aus Eigenantrieb mobilisieren.“

Die Verfasser des Schreibens sahen sich nicht dazu legitimiert, Sprachrohr der Studentenschaft zu sein. Deshalb ließen sie im Studierendenparlament über ihr Anliegen abstimmen. Ihrer Forderung, die Studenten stärker in die Planung der Startwoche miteinzubeziehen, schlossen sich die 17 Delegierten bei der Sitzung am Mittwochnachmittag einstimmig an. Die Antragsteller wurden autorisiert in Zusammenarbeit mit dem AStA und anderen Studenten in Verhandlung mit dem Uni-Präsidium zu treten. Derweil wurde von dieser Seite Gesprächsbereitschaft signalisiert.

12 Kommentare

  1. “Bei einigen von uns kam leider das Gefühl auf, bei einer Fortbildung für junge Unternehmer gelandet zu sein, statt an einer Universität, die kritische Köpfe hervorbringen soll.”

    Newcomer bemerken den Unterschied zwischen Reklame und Realität eben noch eine Weile.

    Willkommen in der Brave New World!

    Die Teilnehmer der „Startwoche“ haben einen Vorgeschmack davon bekommen, wie „die Leuphana Universität Lüneburg in Forschung und Studium die Herausforderungen der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts adressiert“.

    Bildung beschränkt sich nicht nur „in Huxleys Roman auf eine pragmatische, für die Gemeinschaft nützliche Wissensvermittlung. Humanistische Bildung ist gesellschaftlich nicht gewünscht, da sie den Menschen zum Nachdenken anregt und ihm eine kritischere Sicht auf die Welt ermöglicht. Da es nicht im Interesse der Allgemeinheit ist, den Menschen für die Defekte dieser Gesellschaft zu sensibilisieren, wird jede Bildung, die sich auf kulturelle Überlieferung stützt, unterdrückt. „Geschichte ist Mumpitz“ (Original: History is bunk, ein bekannter Ausspruch Henry Fords) lautet einer der Leitsätze der Weltregierung. Die offizielle Propaganda über die schlechten Zustände in der „alten Welt“ ist für die allermeisten Bürger die einzige Geschichtskenntnis.“

    Mehr dazu (in Artikel und Kommentaren): http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/193557-die-leuphana-gibt-das-stueck-hoch-hinaus

    • Keine Rede von den Studenten

      An den Universitäten wird zum Start des Wintersemesters wieder viel über Geldmangel geklagt. Gleichzeitig preist die Politik den Wert der Bildung. Es muss Heuchler im System geben.

      „Mitte Oktober hat an vielen deutschen Universitäten das Wintersemester begonnen. Aus den Leitungen der Hochschulen hört man Klagen. Niemand muss raten, woran es fehlt. Seit Jahren sind die Universitäten schlecht ausgestattet. Es ist ermüdend, das zu wiederholen, alle sagen es ständig, jeder Funktionär bei jeder Rede, nichts tut sich. Zwingender Schluss: Es muss Heuchler im System geben. Es sind dieselben, die bei jeder Gelegenheit Bildung und Wissenschaft als Schlüssel für die Zukunft beschwören.

      Das jüngste Beispiel ist die Stipendienfinanzierung (Bafög). Demnächst wird knapp eine Milliarde Euro im Jahr für die Länder frei, weil der Bund die Kosten übernimmt. Doch davon wird nur ein Teil in den Hochschulen und Schulen bleiben. Mancherorts, wie in Niedersachsen, gar nichts. Außer Hessen hat sich kein Land auf den ursprünglichen Sinn der Maßnahme verpflichtet, die Entlastung nicht für andere Haushaltsposten zu verwenden. In zwölf von sechzehn Ländern sind die Grundmittel pro Student heute geringer als im Jahr 2000.

      Die Unterfinanzierung selbst hat zwei Gründe. Die Universität kann nach politischem Dafürhalten gar nicht inklusiv genug sein. Gebühren gelten als nicht durchsetzbar, auch wenn es nur um fünfzig Euro im Monat ginge. Gerade ist eine halbe Million Studenten hinzugekommen, eine Rekordzahl. Wenn Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) behauptet, die „Betreuungsrelation“ habe sich trotzdem nicht verschlechtert, spielt sie mit Zahlen. Die Professorenstellen sind bei rasantem Anstieg der Studentenzahlen so gut wie nicht gewachsen. Der akademische Nachwuchs hat als einzige Perspektive den Daueraufenthalt in Projekten. Es sind vor allem Lehrbeauftragte mit befristeten Verträgen, die notdürftig auffangen, was andrängt.

      Wichtiger aber ist ein anderer Effekt des Wachstums: Der Begriff „Hochschulreife“ wird nominell durch ein Zertifikat belegt, dessen Substanz unklar ist. Vom Schulsystem wird erwartet, möglichst viele damit auszustatten, das Schulsystem kommt dem nach. Also nehmen die Hochschulen nicht nur immer mehr und immer jüngere Studenten auf, sondern auch solche mit immer unterschiedlicheren Voraussetzungen.

      Das machte es dringend, vor allem in die Lehre der universitären Eingangsphase zu investieren. Und zwar nicht nur Geld, sondern auch Gedanken, was gute Lehre sein könnte. Es muss inzwischen an den Hochschulen selbst für Hochschulreife gesorgt werden. Die Zahlen sind eindeutig. Das Versprechen, mit der Bologna-Reform werde der Anteil der Studienabbrecher gesenkt, war haltlos. 35 Prozent aller Bachelorstudenten an Universitäten geben das Studium auf. Aber gut, mag man sagen, es wurde ja ohnehin kein einziges Versprechen der Bologna-Reform gehalten. Es muss Heuchler im System geben.

      Mit den mitunter absurden Studienbedingungen haben die Wissenschaftsfunktionäre längst ihren Frieden gemacht. In ihren Reden kommt diese Wirklichkeit der Universität nicht vor. Nachvollziehbarerweise, denn sie – die Ministerien, die Universitätsleitungen, die Rektorenkonferenz, der Wissenschaftsrat – haben die Ursachen ja gutgeheißen. Die Überladung mit Kursen, das sinnlose Pressieren, das doch nicht zu schnelleren Abschlüssen führt, die Parodie auf Prüfungen, die Noteninflation, das Ersticken des Personals in Verwaltung („Evaluation“), der Tanz um den Drittmittelfetisch – das alles fiel nicht vom Himmel.

      Insofern hat der Ruf nach mehr Geld auch etwas von einem Ablenkungsmanöver, weil er ziemlich viel Schweigen über eigene Irrtümer einschließt. Wenn über Geld geredet wird, macht man sich vor allem um die Bausubstanz und um die Forschungsexzellenz Sorgen. Von den Studenten spricht kaum jemand. Ihnen meint man Unterricht von der Stange zumuten zu können. Was anderes soll Lehrbeauftragten möglich sein, die jede Woche bis zu sechzehn Stunden Seminar halten sollen? Und nach wie vor gelten bei Berufungen lange Publikationslisten oder Drittmittelstärke hundertmal mehr als die Fähigkeit, verständig mit jungen Leuten Sachdiskussionen zu führen.

      Hervorgebracht hat diese Minderschätzung der Lehre inzwischen ein rein taktisches Verhalten vieler Studenten und Professoren zur Universität. Beide Gruppen träumen insgeheim davon, gar nicht mehr anwesend sein zu müssen. In Nordrhein-Westfalen gibt es jetzt das erste Hochschulgesetz, das eine Anwesenheitspflicht der Studierenden verneint. Fehlt nur noch eines, das sie auch für das Lehrpersonal für unzumutbar hält. Man muss die Willkommensgrüße dieser Tage vor diesem Hintergrund sehen.

      Das alles darf aber nicht hingenommen werden. Man fragt sich, warum Opposition in der Hochschulpolitik nicht möglich ist, wenn ihr Mainstream sich so darstellt. Man fragt sich auch, weshalb der Widerstand der Hochschullehrer selbst auf vereinzelten Protest beschränkt bleibt. Und man fragt sich, warum die Universitäten die Intelligenz, die sie repräsentieren, nicht mehr auf sich selbst anwenden.“

      Quelle: FAZ, Samstag, 18. Oktober 2014, Nr. 242 / 42 D3, Seite 1

  2. Es scheint, als hätten die Verfasser den Sinn der Startwoche nur begrenzt erkannt oder diese zu inhaltlich wahrgenommen. Im Vergleich zu anderen Einführungsveranstaltungen an anderen Universitäten ist die Startwoche der Leuphana eine sehr gute Gelegenheit, um neue Menschen und die Umgebung kennen zu lernen. Selbstverständlich ist nicht genug Zeit, um jede Initiative zu besichtigen. Dafür fand ein/zwei Wochen später der Markt der Möglichkeiten statt, an dem zahlreiche Initiativen sich vorstellten und anschließend zu internen Kennenlernen eingeladen haben. Weshalb sollte man also während der Woche die Initiativen alle kennenlernen?

    Um eine Lösung für das „Problem“ der alternden Gesellschaft zu finden, dass soziale, finanzielle usw. Kriterien umfasst wären sicherlich mehr als 4(!) Tage Zeit notwendig gewesen, weshalb sich im Kern auf die Wirtschaftlichkeit konzentriert wurde und somit einen für mich verständlichen Kompromiss darstellt.

    Ein gegeneinander „Kämpfen“ der Teams habe ich keinesfalls empfunden. Für mich und viele andere stand vielmehr der Soziale Aspekt, persönlich Anschluss in einer neuen Stadt zu finden, im Vordergrund, sodass ich die Kritik nicht unterstütze und es schade finde, dass die Gelegenheiten, die diese Woche bietet von einigen nicht verstanden wurden.

    Ich hoffe für die folgenden Erstsemesterstudenten, dass die zwei Parteien einen Konsens finden und kommende Studenten weiterhin in den Genuss der Startwoche kommen!

    • Hat hier vielleicht ein gefolgstreuer Mitarbeiter der Leuphana seinen Kommentar abgegeben?

      Mich stimmt die Kritik der Erstsemestler an der Startwoche nachdenklich und sie gefällt mir uneingeschränkt gut. Auch den Mut dazu kann ich nur loben. Es wäre der Verfall unserer Gesellschaft wenn sie unkritisch würde. Das hat der vorige Kommentator „Tim“ sehr treffend angedeutet.

      Die starke Orientierung der Leuphana in ihren Projekten und Lerninhalten an der Wirtschaft ist bekannt und nicht zu übersehen. Ich fürchte dass „Tim“ nicht Unrecht mit seiner Vermutung hat, dass humanistische Bildung langsam als hinderlich angesehen wird und deshalb unerwünscht ist. Welch ein Trauerspiel für die Menschheit.

    • Hallo Paul,

      Du schreibst: „Es scheint, als hätten die Verfasser [des offenen Briefes an das Leuphana-Präsidium] den Sinn der Startwoche nur begrenzt erkannt oder diese zu inhaltlich wahrgenommen.“ Empfindest Du es nicht als reichlich schnöselig, um nicht „unangemessen aufgeplustert“ zu sagen, das Erkenntnisvermögen von 388 Kommilitonen aus dem ersten Semester und sechs Tutoren der Startwochenteams im Vergleich zu Deinem als beschränkt hinzustellen? Und hast Du Dir eigentlich Gedanken darüber gemacht, bevor Du den Nonsense hingeschrieben hast, was es heißen könnte, „den Sinn einer Startwoche“ als „zu inhaltlich“ wahrzunehmen? Wie nimmt man „Sinn“ wahr? Der Gegensatz von Inhalt ist Form. Was wäre Deiner Meinung nach der Vorteil, wenn man, anstatt sich auf das Thema (den Inhalt) einzulassen, eher auf die Möglichkeiten seiner Darbietung (die Form) zugunsten von Kontaktanbahnungen achtete? Ist es denn egal, worüber man nachdenkt und redet, solange man nur „eine sehr gute Gelegenheit, um neue Menschen und die Umgebung kennen zu lernen“, geboten bekommt? Der Gegenstand von propädeutischen Einführungsveranstaltungen als Kostümierung von persönlicher „Netzwerkarbeit“ im Hinblick auf Freizeitgestaltung? Ist es das, was Du Dir vorstellst? Und artikuliert sich nicht im Kern des kritischen Briefes an die Unileitung gerade eine Enttäuschung über „die Form“ in einem viel substantielleren Sinne, als Dir, lieber Paul, vorschwebt? „Die Ausrichtung“ der Projektarbeit sei „zu wirtschaftsorientiert“ gewesen, „durch den straffen Zeitplan habe es zu wenig Raum für Reflexionen von Vorträgen gegeben“, weder „soziale noch ökologische Auswirkungen hätten bei den Kriterien für die ersten Plätze eine Rolle“ gespielt. “Wirkung und Mehrwert, Kreativität und Innovation der Idee, Durchführbarkeit, finanzielle Plausibilität und Präsentation der Idee”, also ökonomisch pragmatische Effizienz (Wie lässt es sich machen?) und nicht humane und sozialverträgliche Ziele (Wie wollen wir leben?), seien, zählt Uni-Pressesprecher Henning Zühlsdorff auf, die Auswahlkriterien für die Projektbewertung gewesen. Du schreibst, Paul: „Um eine Lösung für das ‚Problem‘ der alternden Gesellschaft zu finden, dass soziale, finanzielle usw. Kriterien umfasst wären sicherlich mehr als 4(!) Tage Zeit notwendig gewesen, weshalb sich im Kern auf die Wirtschaftlichkeit konzentriert wurde und somit einen für mich verständlichen Kompromiss darstellt.“ Gewiss, in vier Tagen kann man ein solch komplexes Problem nicht „lösen“. Aber man kann es versuchen! Nur, warum sollte die „Konzentration auf wirtschaftliche Fragen“ vor dem Horizont begrenzter Debattenzeit einen „verständlichen Kompromiss“ darstellen? Ist es sinnvoll, Paul, über Machbarkeit zu reden, bevor Einverständnis über Ziele herrscht? Krankt nicht jedes „aufs Ganze“ zielende utilitaristische Konzept daran, dass es die Frage nach den positiven oder negativen Endzwecken im Rahmen seiner teleologischen Nutzenfakturen gar nicht beantworten kann? Sicher Paul, Wirksamkeitsabwägungen haben ihre Berechtigung. Aber erst, wenn die Moralität der Handlungsinteressen und die Maßstäbe zur Bewertung ihrer Ziele bereits feststehen. Insofern haben die, die über „soziale, ethische und ökologische Auswirkungen“ zu reflektieren wünschen, bevor sie über „Umsetzung“ reden, „inhaltlich“ und „formal“ hundert Mal mehr Recht als Du, der mit Zeitknappheit argumentiert, und mindestens fünfzig Mal mehr als Herr Henning Zühlsdorff, der gar nicht argumentiert, wenn sie einklagen, „einen Dialog zwischen Uni-Führung und Studenten über die Gestaltung der Startwoche zu eröffnen“. Ich hoffe, Paul, mit Dir „für die folgenden Erstsemesterstudenten, dass die zwei Parteien [Studenten und Unileitung] einen Konsens finden und kommende Studenten weiterhin in den Genuss der Startwoche kommen!“

      Noch zwei Punkte:

      Wenn Du von „Einführungsveranstaltungen an anderen Universitäten“ im Vergleich mit der „Startwoche der Leuphana“ sprichst, ist das leider wenig informativ, da die meisten von uns Fresh(wo)men – im Unterschied zu dir – diese Vergleichsmöglichkeit nicht besitzen. Ich zumindest habe bisher nur an dieser Einführungsveranstaltung teilgenommen und halte Dein vollmundiges Gerede offengestanden für unbeweisbares Geschwätz über Dinge, von denen Du keine Ahnung hast oder allenfalls vom Hörensagen weißt.

      Du schreibst: „Ein gegeneinander ‚Kämpfen‘ der Teams habe ich keinesfalls empfunden. Für mich und viele andere stand vielmehr der Soziale Aspekt, persönlich Anschluss in einer neuen Stadt zu finden, im Vordergrund, sodass ich die Kritik nicht unterstütze und es schade finde, dass die Gelegenheiten, die diese Woche bietet von einigen nicht verstanden wurden.“ Dass Du den Wettbewerb anders empfunden hast als andere ist schön für Dich. Aber das berechtigt Dich nicht – genausowenig wie Deine private Präferenz, „persönlich Anschluss in einer neuen Stadt zu finden“ – den Studenten, die das „inhaltliche“ Angebot der Startwoche ernst genommen haben, mangelndes – oder gar nicht-existentes – Verstehen zu attestieren. Mit der Frage, wie es wohl bei Deinen Mitstudenten ankommt, dass Du Deine überhebliche Einschätzung anderer vom Anfang hier am Ende noch einmal wiederholst (und damit betonst), möchte ich Dich jetzt allein lassen.

    • Vom Studierendenparlament der Universität Lüneburg wurde am 17. September 2014 folgende Stellungnahme beschlossen (Auszug):

      „Aufbruch zu einer demokratischen Hochschule ohne unternehmerische Zwänge!

      Universität im humanistischen Sinne meint die kooperative Selbständigkeit der Wissenschaftsinstitution, die Einheit von Bildung, Lehre und Forschung und die Notwendigkeit der Entwicklung von Mündigkeit. Der Humanismus, auf welchen sich auch die Leuphana Universität Lüneburg beruft, ist daher auf die gesellschaftliche Verantwortung von Bildung und Wissenschaft gerichtet. Das Prinzip der unternehmerischen Hochschule steht diesem Anspruch entgegen.

      Mit Beginn einer zunehmenden Neoliberalisierung aller Gesellschaftsbereiche in den 1990er-Jahren, gerieten nach und nach auch die Hochschulen in den Mittelpunkt einer Umgestaltung, die nach den Prämissen der Privatisierung, der Verwertbarkeit und des Wettbewerbs gesteuert wurde.

      Die Folgen sind bis heute sichtbar:

      Gebühren, Kennziffern, Zielvereinbarungen, Qualitätsmanagement, Controlling, Leistungsanreize, Hierarchisierung und weitere Management- und Marketinginstrumente halten Einzug in die Logik und Praxis der Universitäten, die als unternehmerische Hochschulen firmieren sollen. Demokratische Strukturen wurden abgebaut und die Grundfinanzierung für Hochschulen gesenkt, was die Abhängigkeit von Drittmitteln erhöht hat. Hochschulen müssen so verstärkt um Gelder konkurrieren, wodurch wirtschaftliche Interessen bei der Forschung in den Vordergrund rücken, was die Freiheit von Wissenschaft gefährdet. Diese Entwicklung wirkt sich nicht nur negativ auf die Lehre aus, sondern führt ebenso zu einer Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse. Die Bologna-Reform hat zudem zu einer Verschulung des Studiums geführt, welche dem Anspruch von Bildung nicht gerecht wird. 15 Jahre nach Bologna stellt sich die Frage, ob Bildungsprozesse in all ihrer Vielfalt noch als an sich wertvoll, als Selbstzweck und autonomiefördernd begriffen werden oder ob sich ihr (finanzieller) Wert nur nach evaluierbarem Output bemisst und vorbereiten soll auf eine Praxis der Ein- und Unterordnung.“

      Link: http://muster.asta-lg.de/news/news-artikel.html?tx_news_pi1%5Bnews%5D=56&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=1866cffeea8a90ef6201e87a31c741da

      • Aufbruch zu einer demokratischen Hochschule ohne unternehmerische Zwänge!
        ach, ist das schön. aber irgendwie klappt das nicht. die revolution frißt immer ihre kinder. paul, nichts für ungut, ich mag studenten. es geht bei mir immer nur um die sache. wer ist bei uns in der lage, wunschdenken auch durchzusetzen? was meinen sie, wieviel geld muss man dazu haben?

  3. paul, sie schreiben stuss. Weshalb sollte man also während der Woche die Initiativen alle kennenlernen?
    darum geht es nicht. es geht um das prinzip. was wurde weggelassen? was wurde hervorgehoben? soll das ein zufall sein? die leuphana ist beseelt, eine luxusuni zu werden. die elite soll gezeugt werden. da bleibt das soziale natürlich auf der strecke. damit ist kein geld zu verdienen. ich bin froh, dass mein sohn woanders studiert, wo das soziale kein zufallsprodukt ist, obwohl er naturwissenschaften studiert.

  4. „Eine Universität ist nichts ohne ihren akademischen Inhalt, UND eine Universität ist nichts ohne diejenigen, die sie als Organisation und als menschliche Gemeinschaft am Laufen halten. Beide Bereiche dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden oder gegeneinander stehen, sondern beide sind unverzichtbare Teile derselben Universität.“
    Prof. (HSG) Dr. Sascha Spoun

    „Die DDR ist nichts ohne ihren sozialistischen Gehalt, UND die DDR ist nichts ohne die Partei der Arbeiterklasse und des ganzen Volkes. Die Organe der SED kommen aus dem Volk, sie gehören zum Volk und stellen ihre ganze Kraft in den Dienst am Volk. Partei und Volk dürfen nicht in Gegensatz zueinander gebracht werden. Sie sind unverzichtbare Teile desselben funktionierenden, effektiven sozialistischen Gesellschaftssystems.“
    Prof. Dr. (h. c. mult.) Erich Honecker

  5. Mensa-Werbung mal anders

    »Guten Tag, die verehrten Damen und Herren Studenten! Ich bitte um Entschuldigung für die Störung, ich verkaufe die Privilegiertenzeitung ›LUXURIÖS‹, ein Printprojekt der oberen Zehntausend zur Vermehrung ihrer Besitzstände. Die Zeitung kostet nur 280 Euro. Ein Teil des Erlöses geht an mich, und der Rest dient der Finanzierung eines neuen Golfplatzes auf dem Sonderlandeplatzgelände des Luftsportvereins Lüneburg e. V. an der Zeppelinstrasse. Wir oberen Zehntausend müssen die Kosten dafür selbst aufbringen, weil das Land Niedersachsen jede öffentlich-rechtliche Mittelzuweisung verweigert. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir ein Exemplar abnehmen würden, denn ich trage schwer daran. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!«

  6. Schon in der tageszeitung (taz) vom 28.02.2008 hieß es über einen offenen Brief ehemaliger Professoren gegen die damaligen Entwicklungen an der Lüneburger Uni:

    „Von falsch gesetzten Schwerpunkten ist die Rede, von öffentlichen Auftritten in wenig seriösem Stil, von Ignoranz gegenüber studienfeindlichen Bedingungen – und von waghalsigen Manövern, die das Bestehen der Hochschule insgesamt gefährden: In einem offenen Brief kritisieren acht ehemalige Lehrende der Leuphana Universität Lüneburg in deutlichen Worten die momentane Entwicklung ihrer einstigen Wirkungsstätte. „Wir halten es für dringend geboten, auf sich abzeichnende Fehlentwicklungen hinzuweisen, die auch für die Stadt Lüneburg großen Schaden bewirken können“, so die Verfasser, darunter auch Hartwig Donner, der Amtsvorgänger des aktuellen Präsidenten, Sascha Spoun.

    Insbesondere richten sich die Verfasser gegen das Vorhaben der Hochschulleitung, das von dem Architekten Daniel Libeskind geplante Audimax zu bauen – Kostenpunkt [nach Annahme der Verfasser damals noch (!)]: 75 Millionen Euro. Der Bau sei überflüssig und unzweckmäßig, außerdem sei es unverantwortlich, die letzte verfügbare Baufläche auf dem Campus für „gewagte Prestige-Objekte“ preiszugeben.

    Die tatsächlichen Probleme der Hochschule – etwa mangelhafte Betreuung und Förderung der Studierenden – blieben demgegenüber ungelöst. Teilweise sei schon jetzt ein ordnungsgemäßes Studium nicht mehr möglich.

    Das Präsidium der Leuphana zeigte sich den Kritikern gegenüber aufgeschlossen: Spoun lud seinen Vorgänger samt Kollegen zu einem Gespräch ein – um Informationsdefizite zu beseitigen und neue Anregungen aufzunehmen. Über konkrete Resultate ist bis dato nichts bekannt.“

    In dem Bildungsblock „Was bildet ihr uns ein?“ schrieb Eva Königshofen (1992), die 2013 seit einem Jahr Kulturwissenschaften mit Nebenfach Philosophie an der Universität Lüneburg studierte, im Oktober 2013, also vor einem Jahr, einen schönen Aufsatz über alle die Probleme der „Erstis“ und die Defizite der Startwoche, die nun zum großen Teil in dem „offenen Brief an das Leuphana-Präsidium“ erneut artikuliert werden: http://wasbildetihrunsein.de/2013/10/01/fluchend-nach-vorn/

    Wie man schon ahnt: Über konkrete Resultate ist bis dato nichts bekannt.

    In der Zeitschrift „Kultur & Gespenster“, Nr. 13, Hamburg, sprachen Pierangelo Maset und Daniela Steinert im Januar 2012 „von der Lage an den Hochschulen im Jahr 2011“, nahmen die Leuphana als Beispiel und formulierten ähnliche Kritik: http://www.textem.de/uploads/media/k_g13-steinert-maset.pdf

    Über konkrete Resultate ist bis dato nichts bekannt.