Donnerstag , 29. September 2016
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Kulturmittlerin Svetlana Eggers (M.) ist eine von 14 Frauen und 6 Männern, die Migranten bei Behördengängen, Arztbesuchen und Schulgesprächen begleiten. Koordiniert wird der Einsatz der Kulturmittler von Christa Reimers, Ulrike Christiansen, Tanja Geilert und Natalia Bay (v.l.). Foto: t&w
Kulturmittlerin Svetlana Eggers (M.) ist eine von 14 Frauen und 6 Männern, die Migranten bei Behördengängen, Arztbesuchen und Schulgesprächen begleiten. Koordiniert wird der Einsatz der Kulturmittler von Christa Reimers, Ulrike Christiansen, Tanja Geilert und Natalia Bay (v.l.). Foto: t&w

Kulturmittler bauen Brücken

ml Lüneburg. Deutschland ist bereits die vierte Station im Leben von Svetlana Eggers. Aufgewachsen in Abchasien am Schwarzen Meer, studierte die heute 62-Jährige Englisch und Deutsch in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Später verschlug es die Lehrerin nach Russland, wo sie unter anderem als Dolmetscherin arbeitete, bevor sie im Dezember 2009 nach Lüneburg kam. Hier ist sie inzwischen in Vollzeit als Betreuerin in einem Pflegeheim beschäftigt, mit einem Deutschen verheiratet und eines hat sie gelernt: Brücken bauen.

Davon profitieren inzwischen auch andere. Ehrenamtlich ist Svetlana Eggers als Kulturmittlerin im Einsatz eine von 14 Frauen und 6 Männern im Landkreis Lüneburg, die Migranten bei Behördengängen, Arztbesuchen oder Gesprächen in Schule und Kindergarten begleiten. „Am schwierigsten sind die Gänge zum sozialpsychatrischen Dienst“, sagt die 62-Jährige, „das sind Fälle, die man auch selbst verarbeiten muss.“

Ende 2011 per Kreistagsbeschluss ins Leben gerufen, wird das Kulturmittler-Projekt getragen von der Diakonie und der Arbeiterwohlfahrt (Awo). „Kulturmittler sind viel mehr als nur Dolmetscher. Denn sie übersetzen nicht nur die Sprache, sondern auch kulturelle Hintergründe“, sagt Awo-Mitarbeiterin Tanja Geilert und hat auch gleich ein Beispiel parat: den Förderbedarf für Mädchen und Jungen in Kindergarten oder Schule. „In vielen Ländern gibt es so etwas nicht, deshalb denken viele ausländische Eltern, wenn sie das erste Mal damit konfrontiert werden: ,Oh Gott, mein Kind ist behindert“, berichtet Geilert. Aufgabe der Kulturmittler ist nun, dem emotionalen Thema die Dramatik zu nehmen, den Migranten das deutsche Fördersystem näherzubringen.

Einen hohen Stellenwert haben die Kulturmittler inzwischen auch in der Lüneburger Kreisverwaltung erlangt. „Die Nachfrage ist erheblich, das zeigt die Qualität des Projektes“, sagt Martin Wiese, Fachbereichsleiter Soziales. Entsprechende Zahlen liefert Diakonie-Mitarbeiterin Christa Reimers: „Bis Ende Oktober sind in diesem Jahr 649 Einsätze angefragt und 535 tatsächlich durchgeführt worden, 254 in der Stadt Lüneburg und 281 im restlichen Kreisgebiet.“ Und die Sprachenvielfalt ist enorm: In 147 Fällen waren Mittler mit arabischen Sprach- und Kulturkenntnissen gefordert, gefolgt von Russisch (128), Türkisch (44) und Serbisch (42). Erstmals dabei sind in diesem Jahr 35 Fälle, in denen eine in Somalia gängige Sprache gesprochen wurde. Denn in der Regel werden nur Muttersprachler als Kulturmittler eingesetzt ein Somali war bis 2013 nicht darunter. Für Reimers und Geilert zeigt das: „Wir könnten noch mehr tun, der Bedarf ist da.“ Zumal Flüchtlinge derzeit noch selten von Kulturmittlern betreut werden.

Darauf reagiert haben inzwischen auch Politik und Verwaltung beim Landkreis. „Der Kreisausschuss hat erst vor Kurzem beschlossen, das Projekt bis Ende 2015 zu verlängern und das Budget aufzustocken“, sagt Wiese. Statt 25000 Euro jährlich will der Kreis künftig 35000 Euro zahlen. Damit Svetlana Eggers und ihre Mitstreiter auch weiterhin viele Brücken bauen können.