Mittwoch , 28. September 2016
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Jedes der Mitglieder aus der Lüneburger Cradle-to-Cradle-Regionalgruppe möchte mal auf dem Königsplatz sitzen  einem nahezu komplett recycelbaren Bürostuhl. Foto: t&w
Jedes der Mitglieder aus der Lüneburger Cradle-to-Cradle-Regionalgruppe möchte mal auf dem Königsplatz sitzen einem nahezu komplett recycelbaren Bürostuhl. Foto: t&w

Bürostuhl ist der Königsplatz

mm Lüneburg. Die junge Mutter Anna Lütje hält ihr Töchterchen Lea auf dem Arm, als sie die Haustür öffnet. An diesem Abend ist die Kleine im Reihenhaus in Lüneburg die Prinzessin. Sie darf Probe sitzen, auf dem „Königsplatz“, so nennen die Mitglieder der Regionalgruppe des Vereins Cra-dle to Cradle einen Bürostuhl, gebaut nach Cradle-to-Cradle-Kriterien.

Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe, meist an der Uni, nun bei Anna Lütje zu Hause. Es dominiert ein Gesprächsthema: der erste Cradle-to-Cradle-Kongress – er findet in Lüneburg statt. Eine, die jetzt quasi rund um die Uhr organisiert, ist Susanne Heinz. Die 26-Jährige studiert Nachhaltigkeitsmanagement an der Leuphana und ist nach eigenen Worten „schon ziemlich aufgeregt“. Denn zu dem Kongress werden prominente Gäste erwartet, die sich für eine Welt mit besserer Ressourcennutzung einsetzen. Ein typisches Produkt für diese Denkweise steht bei Anna Lütje im Wohnzimmer. Es ist der Königsplatz, ein recycelbarer Bürostuhl. Von dem seien 95 Prozent wiederverwendbar.

Malte Vetter hat den Stuhl in Hamburg gekauft. Ist die Lebensdauer überschritten, kann er auseinander gebaut, können die Einzelteile wiederverwendet werden. „Nur die Gasfeder, mit der die Höhe verstellt wird, bleibt Abfall“, erklärt Vetter. Der komplette Bürostuhl wird zum Recycling zurückgenommen. Für Malte Vatter ist das ein Kaufargument. „Das Produkt gelangt nach seiner Nutzung zurück in den technischen Kreislauf, das ist die Idee von Cradle to Cradle“, sagt er.

Das funktioniert nicht nur bei technischen Produkten, sondern auch bei biologischen. „Die Produkte müssen problemlos kompostierbar sein, dafür ist es wichtig, dass keinerlei Schadstoffe enthalten sind.“ Auf dem Esstisch im Wohnzimmer liegt eine Rolle Klopapier. „Ohne Giftstoffe, anders als Reycling-Toilettenpapier, das es sonst zu kaufen gibt.“ Malte Vetter trägt auch T-Shirts eines Sportartikelherstellers, die nach den Cradle-to-Cradle-Kriterien zertifiziert sind. Doch die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen.

Das sieht auch Susanne Heinz so. Auf Cradle-to-Cra-dle-Produkte stoße sie nur durch Eigenrecherche und Nachfrage im Laden. Keine positiven Beispiele seien die Smartphones eines bekannten Herstellers. „Der Akku klebt an der Hülle, kann also nicht gelöst und wiederverwendet werden“, sagt sie. Insgesamt gebe es um die 300 Produkte, die die Kriterien des Prinzips erfüllen. Ziel sei es, Produkte neu zu erfinden, die schon erfunden wurden, und ein positives Denken zu schaffen, denn Kunststoff müsse nicht schlecht sein „wenn er wiederverwendbar ist“, erklärt Susanne Heinz. Den Verein beschäftigt besonders die Frage: „Wie sollten wir konsumieren?“ Die kleine Lea soll von kleinauf lernen, anders zu konsumieren.

Cradle to Cradle
Cradle to Cradle, von der Wiege zur Wiege, ist ein Konzept, nach dem Materialien aus abgenutzten Produkten wiederverwendet werden sollen. Sie sollen zurück in den Rohstoffkreislauf gelangen und nicht in der Abfalltonne landen. Der erste Kongress zum Thema beginnt am Sonnabend, 15. November, um 9.30 Uhr an der Leuphana auf dem Campus Scharnhorststraße. Begrüßt werden die Teilnehmer von Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks als Schirmherrin, der Vorsitzenden des Cradle-to-Cradle-Vereins Monika Griefahn und Prof. Dr. Daniel Lang, Dekan der Fakultät Nachhaltigkeit an der Lüneburger Universität. Danach geht es weiter mit einem Impulsvortrag von Prof. Dr. Michael Braungart, einen der Begründer von Cradle to Cradle. Das weitere Programm und Eintrittspreise gibt es unter www.c2c-kongress.de im Internet.