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Zugemauerte Fenster und Schächte, klare Indizien dafür, dass das Rathaus erweitert wurde: Die Neubauten wurden an den Bestand gesetzt. Foto: t&w
Zugemauerte Fenster und Schächte, klare Indizien dafür, dass das Rathaus erweitert wurde: Die Neubauten wurden an den Bestand gesetzt. Foto: t&w

Das Puzzle der Steine

ca Lüneburg. Die Schönheit überdeckt alles: Wandmalereien, Verzierungen und Schaubilder rauben den Blick auf Mauern. Der Geschichte des Rathauses ist nicht einfach auf die Spur zu kommen. Also müssen Bauhistoriker sich andere Wege überlegen, wie sie den Dingen im Wortsinne auf den Grund gehen können. Stadtarchäologe Prof. Dr. Edgar Ring zeigt ein Beispiel: Er öffnet eine Falltür in der Gerichtslaube, darunter eine Treppe. Offensichtlich stoßen hier die Mauern zweier Gebäude zusammen. „Es gibt keine Verzahnung, der Stein ist anders“, sagt Ring. Weitere Belege für den „Anbau“ finden sich im Keller Geschichte als spannendes Puzzle.

Schon vor mehr als zehn Jahren hat sich Ring mit anderen Experten zusammengetan, um die Entstehung des Rathauses nachzeichnen zu können. Von 2008 bis 2011 erforschten Wissenschaftler und Studenten unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim Ganzert von der Universität Hannover den Komplex, dessen älteste Teile um 1230 entstanden sein sollen. Aus ihren Ergebnissen haben die Bau-Spezialisten ein zweibändiges Werk verfasst: „Das Lüneburger Rathaus“. Sie stellen es heute ab 19 Uhr im Huldigungssaal vor.

Schon der Laie erkennt, dass das Rathaus gewachsen sein muss. An der Fassade lässt sich ablesen, dass die alten Lüneburger immer aufs Neue Anbauten an Bestehendes gesetzt haben: Das Format der Steine ändert sich, der Dachfirst wechselt die Höhe, mal wächst ein Treppengiebel zwischen Gebäudeteilen empor.
Wer mit Ring in die Keller hinabsteigt, findet weitere Belege: Es gibt Fensterschächte, die an Mauern enden, Reste von Rundbögen, die zugemauert wurden, Gewölbe, deren Höhen von einem zum nächsten Raum springen. Das erklärt sich zum Beispiel mit dem Gewandhaus, das 1302 erstmals erwähnt wird, und mit dem „Neubau“ der Gerichtslaube, die in zwei Schritten 1330 und im späten 14. Jahrhundert entstand.

Für die Forscher ist das Lüneburger Rathaus ein Glücksfall: Es hat im Krieg nicht gelitten und ist daher noch in weiten Teilen so erhalten wie vor Jahrhunderten. Umbauten und Erweiterungen lassen sich auch in alten Kämmereirechnungen nachverfolgen. Ein Schatz, denn so können die Experten Baubefunde mit historischen Quellen vergleichen und verbinden.

So lässt sich beispielsweise nachlesen, dass die mächtige grüne Tür zum Ochsenmarkt 1527 entstanden ist. Ein Malermeister namens Hans bekam Geld fürs Streichen. Hier lag auch der Haupteingang, denn die stolzen Lüneburger zeigten dem Landesherren im schräg gegenüberliegenden Herzogenhaus so ihr Selbstbewusstsein. Der musste in der Stadt Quartier nehmen, nachdem die Bürger seine Burg auf dem Kalkberg 1371 geschleift hatten. Hier lag auch die Keimzelle des Verwaltungssitzes: Die ältesten Quellen von 1254/57 erwähnen dort die Kapelle des Johannes „an deme rathusze“.

Natürlich sind die Wissenschaftler dem Rathaus auch aufs Dach gestiegen. Dabei fanden sie laut Ring heraus: Das Gebälk ist jünger als die Keller. Die dürften mehrfach überbaut worden sein. Auch die Rathausfront, die sich selbstbewusst mit elegantem Charme am Markt erhebt, erhielt mehrfach ein neues Antlitz. So wie wir sie heute kennen, entstand sie 1870.

Auch wenn die Wissenschaftler die Geschichte des Rathauses auf mehr als 750 Seiten umfänglich beleuchten, stellen sich noch viele Fragen, weiß Ring. Denn wie gesagt, die Schönheit überdeckt viele Mauern und Wände die Forscher können nicht hinter Verkleidungen und Malereien schauen, ohne sie zu zerstören. So bleibt das Rathaus auch für künftige Wissenschaftler ein Ort, an dem sie Schätze entdecken können.