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GfK-Experte Andreas Rieper. Foto: us
GfK-Experte Andreas Rieper. Foto: us

Das Drumherum wird wichtiger

us Lüneburg. Jammern auf hohem Niveau? Wer die Klagen des Einzelhandels wegen des zunehmenden Wettbewerbsdrucks durch das Internet hört und gleichzeitig die Einzelhandelsumsätze mit denen des Online-Handels vergleicht, könnte diesen Eindruck bekommen. Denn trotz beachtlicher Zuwachsraten im Netz beträgt der Marktanteil des Online-Handels am gesamten Einzelhandelsumsatz aktuell lediglich 5,5 Prozent, wie Andreas Rieper vom Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK berichtet. Beim Geographischen Kolloquium der Universität stellte er dar, „wie der e-Commerce den stationären Einzelhandel unter Druck setzt“. Rieper machte klar: Die Sorgen sind nicht unbegründet, der „Angriff“ auf den stationären Handel gehe eigentlich erst los. Allerdings gebe es auch für ihn Perspektiven.

„Die Zahl der Online-Käufer steigt jährlich um rund 7,5 Prozent“, machte Andreas Rieper deutlich. Während deutschlandweit 2003 rund 20 Millionen Personen im Internet Waren kauften, waren es 2012 bereits 41 Millionen. „Hohe Käuferreichweite, immer mehr Kaufakte und höhere Durchschnittsausgaben sind die Treiber dieses Wachstums“, sagte Rieper und nannte Zahlen: 232 Millionen Online-Kaufakte 2013, rund jeder zweite deutsche Haushalt habe in dem Jahr mindestens einmal online eingekauft. Auch die Ausgaben pro Online-Kauf stiegen: von 116,32 Euro 2012 auf 126,33 Euro 2013. Noch deutlicher wird das Wachstum des Online-Handels beim Blick auf die Umsatz-Entwicklung. Während der stationäre Umsatz 2013 gerade mal um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegen konnte, stiegen die Umsätze im Online-Handel um 42 Prozent. Der Versandhandel hingegen nahm im gleichen Zeitraum um 21 Prozent ab.

Insbesondere seien Branchen betroffen, die besonders gut vergleichbare Waren anbieten und die wenig emotional eingekauft werden. Dies gelte vor allem für den Buchhandel. „Die Aufgabe von Verkaufsfläche, ob durch Verkleinerung oder durch Schließung, ist in vollem Gange“, beschrieb Rieper die Entwicklung. Hart treffe es auch die Bekleidungsbranche. In diesen für die Innenstädte und moderne Shoppingscenter besonders wichtigen Sortimenten liege der reine Online-Umsatz bereits bei knapp 20 Prozent, sagte der GfK-Experte. Außerhalb der Branchen Buch, Unterhaltungselektronik oder Mode spiele der Online-Handel in Deutschland bisher nur eine Nebenrolle.

Immer wichtiger werde es daher, den physischen Besuch eines Ladenlokals mit Online-Anwendungen zu verknüpfen. „Multi-Channelling“, die Nutzung mehrerer Vertriebskanäle, gebe Kunden zudem die Freiheit, einkaufen zu können, wann, wo und wie sie möchten. „Es wird eine weitere Verschiebung der Umsatzanteile vom stationären zum Online-Handel geben. Je vergleichbarer die Waren sind, desto nachhaltiger wird diese Verschiebung Richtung Internet sein“, prognostizierte der Marktforscher.

Aber auch in Zeiten des Online-Booms habe der stationäre Einzelhandel Vorteile, „die er nutzen sollte“. Angebot, Beratung, Architektur und Innenraumgestaltung, Warenpräsentation und Service all das seien Faktoren, die zusammen Vorteile ergeben können. „Das Drumherum, der Einkauf als Erlebnis“ werde immer wichtiger. „Nach unseren Beobachtungen spielt der stationäre Handel diese Karten noch nicht aus.“ Auch der Einsatz sogenannter „Mobile Services“ werde an Bedeutung zunehmen. „Stationäre Händler, die mobile Applikationen aktiv in den stationären Verkaufsprozess implementieren, werden tendenziell eher mit höherer als mit geringerer Besucherfrequenz zu rechnen haben.“

Städten wie Lüneburg empfiehlt Rieper, mit ihrem Stadtmarketing ebenfalls auf die neue Situation zu reagieren. Da kleinere stationäre Händler oft nicht in der Lage seien, mobile Anwendungen wie digitale Hinweisschilder, Rabattsysteme oder mobile Beratung allein nur für ihr Geschäft einzusetzen, sollten sie dabei von den städtischen Marketing-Gesellschaften unterstützt werden. Dass dies meist nicht von heute auf morgen umsetzbar ist, weiß Rieper nur zu gut. „Gerade hat man sich dort auf längere Ladenöffnungszeiten geeinigt, kommt das Internet“, kommentierte er mit leichter Ironie die mitunter zähen Anpassungsentwicklungen in den Kommunen.