Mittwoch , 28. September 2016
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Markus Brückner und seine Kollegen haben Münzen, Fingerhüte und Knochen auf dem Gelände an der Ritterstraße gefunden. Die Archäologen legen unter anderem Kloaken frei. Bei einem Fundstück (kl. Foto) könnte es sich um eine Heiligenfigur aus Köln oder Utrecht handeln, das wäre ein Beleg für Lüneburgs Handelsverbindungen. Foto: t&w
Markus Brückner und seine Kollegen haben Münzen, Fingerhüte und Knochen auf dem Gelände an der Ritterstraße gefunden. Die Archäologen legen unter anderem Kloaken frei. Bei einem Fundstück (kl. Foto) könnte es sich um eine Heiligenfigur aus Köln oder Utrecht handeln, das wäre ein Beleg für Lüneburgs Handelsverbindungen. Foto: t&w

Bella Figura aus der Tiefe

ca Lüneburg. Einst war hier der Reichtum zu Hause: Die Familie Töbing lebte und arbeitete auf dem Komplex, der sich von der Heiligengeist- zur Ritterstraße zog. Die Töbings, Kaufleute und Bürgermeister, gehörten zur High Society des alten Lüneburgs. Die Handelsherren betrieben auf der Parzelle ein Brauhaus. Nur einen Steinwurf entfernt vom Grundstück der späteren Kronen-Brauerei. Jetzt gehen Archäologen der Geschichte auf den Grund: Sie haben ehemalige Keller und zwei Kloaken freigelegt.

Bekanntlich erweitert das Ostpreußische Landesmuseum sich auf dem Nachbargrundstück um eine baltische Abteilung. Bevor Bagger und Baumaschinen anrücken, schauen Fachleute, welche Reste der Vergangenheit sich im Boden befinden. Das schreibt das Gesetz in Niedersachsen ebenso vor wie auch, dass das der Bauherr die Kosten dafür trägt. Für die Grabungen ist das Unternehmen Archeofirm eingeschaltet, welches sich schon mehrfach im Lüneburger Untergrund bewegt hat.

Grabungsleiter Markus Brückner und seine Mitarbeiter haben zwei Kloaken entdeckt. Die erste mittelalterliche Schwindgrube dürfte vermutlich im 14. Jahrhundert entstanden und im 16./17. Jahrhundert mit Bauschutt verfüllt worden sein. Der Grund: Die Eigentümer haben ein Hinterhaus, einen klassischen Flügelbau, der sich überall in den Altstadtgebäuden findet, um einen Anbau erweitert. Damit der Gestank von Fäkalien und anderem Unrat nicht durch den Keller nach oben müffelte, wurde die Grube geleert und mit Schutt verfüllt.

Kurz darauf kam der zweite gemauerte vier, fünf Meter tiefe Abfallcontainer zum Einsatz. Solche Ringe wurden über Generationen genutzt und alle paar Jahrzehnte in einem stinkigen Einsatz freigeschaufelt und geleert. Doch nun haben die Forscher ein „ungeleertes Töpfchen“ entdeckt. Den Inhalt legen die Grabungsexperten frei, wissen aber noch nicht, was sich in der fauligen Hinterlassenschaft verbirgt.

Einen besonderen Fund haben die Ausgräber allerdings bereits gemacht. Der schaut unscheinbar aus, begeistert aber Stadtarchäologen Prof. Dr. Edgar Ring: „Eine Heiligenfigur oder Spielzeug aus Pfeifenton, so etwas wurde zum ersten Mal in Lüneburg gefunden.“ Es ist nur ein Rest einer Frauenfigur mit geflochtenem Zopf, die einen Ball oder Apfel hält.

„Das stammt aus einer Serienproduktion“, ist Ring sich sicher. Der verzierte Klumpen könnte aus Köln oder Utrecht seinen Weg an die Ilmenau gefunden haben, Details sollen Untersuchungen ergeben.

Auffällig war für die Wissenschaftler, dass sich große Mengen von Knochen in der Erde lagen, die von Ziegen und Schafen stammen. Die getöteten Tiere seien vermutlich hier verarbeitet worden. Denn die schiere Masse spreche gegen einen reinen Verzehr. Allerdings wisse man aus schriftlichen Quellen nichts darüber, ob in diesem Bereich beispielsweise eine Gerberei betrieben wurde.

Ring berichtet, dass alte Urkunden im Stadtarchiv belegen, dass mindestens von 1521 bis 1899 auf dem Grundstück gebraut wurde. Das Grundstück, das in den vergangenen Jahren als Parkplatz genutzt wurde, war einst vielfach überbaut. So reihten sich an der Ritterstraße Buden aneinander, in denen Handwerker gearbeitet haben dürften.

Voraussichtlich bis Mitte nächster Woche gehen die Archäologen noch auf Schatzsuche in der Tiefe. Danach kommen die Bagger, um den Neubau zu errichten. Eine neue Geschichte beginnt.