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Anwohner der Lessingstraße stoßen sich am Abriss der Ibus-Villa. Der Fall war Auslöser einer Bürgerversammlung. Die Initiatoren setzen sich für eine ästhetische Stadtentwicklung ein. Foto: t&w
Anwohner der Lessingstraße stoßen sich am Abriss der Ibus-Villa. Der Fall war Auslöser einer Bürgerversammlung. Die Initiatoren setzen sich für eine ästhetische Stadtentwicklung ein. Foto: t&w

Eine Frage der Ästhetik

ca Lüneburg. Es war so etwas wie die Geburtsstunde einer neuen Bürgerinitiative: Mehr als 200 Lüneburger drängten am Dienstagabend in die Aula der Hochschule am Wilschenbrucher Weg. Ihr Thema: „Wildwuchs in der Bauentwicklung.“ Den nehmen die Anwohner quer durch die Stadt wahr: im Roten Feld, am Bockelsberg, in Häcklingen, Im Korb, an der Soltauer Straße und im Mittelfeld. Menschen fühlen sich gestört von Neubauten, die nach ihrem Gefühl nicht in ihre Viertel passen: zu wuchtig, abweichend vom Stil der anderen Häuser, architektonisch wenig gelungen. Dagegen möchten sie ein Zeichen setzen.

Entzündet hat sich die Debatte an der Lessingstraße. Dort soll ein Klinkerbau aus den 50er-Jahren verschwinden, in dem einst Direktoren des Industriebetriebs Ibus lebten. Ein Investor hat das Gebäude im Roten Feld gekauft, will es abreißen und durch einen Neubau mit fünf Wohnungen ersetzen. Gegen die Pläne hatten Anwohner mobil gemacht, darunter Dr. Rolf Johannes. Der hatte das Treffen gemeinsam mit Dierk Dening organisiert. Dening ärgert sich über einen „Klotz“, der neben seinem Grundstück am Bockelsberg hochgezogen wurde. Die Geschichte ist symptomatisch, Ähnliches erzählten Bürger auch aus anderen Quartieren. Dazu kamen Klagen über zunehmenden Verkehr und mangelnde Geschwindigkeitskontrollen.

Johannes, der die Versammlung moderierte, setzte auf Konsens: Bürger, Bauherren und Verwaltung müssten in solchen Fällen zusammenarbeiten. Es gehe nicht darum, Lüneburg zu einem Museum ohne Veränderungen zu machen, aber einfügen sollten sich Neubauten.

Überraschend kamen zur Diskussion auch Oberbürgermeister Ulrich Mädge, Stadtbaurätin Heike Gundermann und die Juristin der Bauabteilung, Yvonne Hobro. Sie zeigten sich offen für Anregungen, machten aber auch klar, dass der Bürgerwille Grenzen hat. „Wir handeln nach Recht und Gesetz“, betonte Mädge.

Die Verwaltungsdelegation erklärte, was sie bereits in der LZ dargelegt hatte: Bebauungspläne für Rotes Feld und Bockelsberg beispielsweise setzen nur wenige Grenzen. Vorgegeben seien zum Beispiel Dachformen und Geschosshöhen, doch welcher Stein verwandt oder nach welchem Stil gebaut werde, sei Sache des Eigentümers. Die Stadt versuche, Einfluss zu nehmen. Oftmals mit Erfolg, manche „Grausamkeit“ sei so verhindert worden. Doch: All dies basiert auf Freiwilligkeit, wenn ein Bauträger nicht wolle, könne die Verwaltung wenig ausrichten. Zudem mache das Baugesetz Vorgaben, Stichworte sind Klimaschutz und energetisches Bauen, dazu die klare Ansage, freien Platz im Stadtgebiet zu nutzen, um so die Zersiedlung der Landschaft vor der Stadt zu stoppen.

Mädge wies darauf hin, dass die Verkäufer natürlich auch eine Rolle spielen: Erbengemeinschaften oder Eigentümer wie im Fall an der Lessingstraße würden stattliche Summen verlangen, wenn sie Immobilien verkauften. Wer dann zugreife, werde im Zweifel entsprechend groß neu bauen, um die Kosten hereinzuholen und einen Gewinn zu machen.

Am Ende kristallisierten sich verschiedene Möglichkeiten für ein weiteres Vorgehen heraus: In den Vierteln könnten sich Runden bilden, die über die Entwicklung mitdiskutieren, vorstellbar ist auch ein Beirat, der sich für mehrere Quartiere zuständig fühlt. Einen anderen Weg schlug der Architekt Johannes Jakubeit vor, der zunächst eine Lanze für seinen Berufsstand und auch Bauherren brach: Viele würden bestehende Gebäude sensibel umbauen und erhalten. Sein Kollege Carl-Peter von Mansberg verfolge den Ansatz eines Forums Baukultur, das sich mit vielen Aspekten städtischer Entwicklung beschäftigen solle, neben Neubauten auch mit Verkehrsfragen oder der Gestaltung des Straßenraums, so seien „Trafokästen der Telekom“ störend. In diesem Gremium sollten auch Bauträger sitzen, die würden eingebunden in das Anliegen, die Umgebung ästhetisch zu gestalten.

Johannes und Dening, die mit einer Anwesenheitsliste E-Mail-Adressen der Teilnehmer gesammelt hatten, wollen die Vorschläge nun auswerten, formulieren, versenden und bei einer späteren Versammlung diskutieren und abstimmen. Eins hat die entstehende Bürger­initiative bereits erreicht: Die Politik hat sie gehört, denn im Publikum saßen mehrere Mitglieder des Rates.

2 Kommentare

  1. Danke für den Artikel!

  2. Wir handeln nach Recht und Gesetz”,
    ich liebe solche placebos. ob mädge es selbst glaubt?