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Besuch auf dem Michaelisfriedhof: Landessuperintendent Dieter Rathing (r.) und Friedhofsverwalter Hans-Georg Grzenia vor einem historischen Grabmal. Foto: t&w
Besuch auf dem Michaelisfriedhof: Landessuperintendent Dieter Rathing (r.) und Friedhofsverwalter Hans-Georg Grzenia vor einem historischen Grabmal. Foto: t&w

Friedhofsgebühren auf dem Prüfstand

mm Lüneburg. Am Sonntag ist ein besonderer Anlass, um verstorbener Angehöriger oder Freunde zu gedenken. Es ist der Totensonntag. Doch fast scheint es, als würde auf Deutschlands Friedhöfen weniger gedacht, denn viele Ruhestätten steckten in einer finanziellen Krise, meint der Verein Aeternitas, eine Verbraucherinitiative zur Bestattungskultur.

Feuerbestattungen und Beisetzungen in kleineren Gräbern nehmen zu, auch wird häufiger anonym beerdigt und insgesamt weniger. Die Konsequenz: Einnahmen sind rückläufig. Kommunen sehen sich gezwungen, die Gebührenschraube anzuziehen. Dadurch werden Bestattungen teurer, der Trend hin zu weniger kostspieligen Varianten größer. Mit neuen Einnahmequellen und der Umnutzung nicht benötigter Flächen könnten klamme Friedhofskassen aufpoliert werden. Ist das auch in Lüneburg notwendig?

Zuletzt gab es in der Hansestadt mit Beginn des Jahres 2013 eine Erhöhung der Grab­erwerbsgebühren. „Die Einnahmen sind im Verhältnis zu den Bestattungen auf einem Level geblieben“, sagt Friedhofsverwalter Hans-Georg Grzenia. Das heißt jedoch: Weniger Bestattungen gleich weniger Einnahmen. Vor 25 Jahren seien es noch rund 800 Bestattungen pro Jahr gewesen, heute liege die Zahl zwischen 450 und 500. Weil Lüneburg damals noch Garnisonsstadt war, sei der Altersdurchschnitt höher gewesen, heute bevölkerten Studenten die Stadt und trügen zur Verjüngung der Bevölkerung bei. Zum jetzigen Zeitpunkt könne noch keine Aussage getroffen werden, ob Anfang 2015 mit einer weiteren Gebührenerhöhung zu rechnen sei. Die Friedhofskosten würden bei den laufenden Haushaltsberatungen auf den Prüfstand gestellt, sagt Stadtpressesprecher Daniel Steinmeier.

Geht es nach Landessuperintendent Dieter Rathing, müsste auch das Finanzierungsmodell für Sozialbestattungen überprüft werden. „Zwölf Prozent der Bestattungen können nicht vom Familien- und Angehörigenkreis finanziert werden. Das ist für mich eine erschreckende Zahl, die in etwa dem Anteil der Sozialhilfeempfänger im Landkreis Lüneburg entspricht“, sagte Rathing am Rande eines Besuchs auf dem Michaelisfriedhof während seiner achttägigen Sprengelreise.

Was ihn stört, ist nicht etwa, dass Menschen, die sich eine kostspielige Bestattung nicht leisten können, kein Geld bekämen. Sondern, dass Antragssteller zu lange auf den Zuschuss warten müssten. „Die Situation ist für Angehörige schwer zu ertragen. Die Trauerzeit bis zur Beisetzung kann sich um bis zu drei Monate verlängern“, sagte Rathing. Er appellierte an Städte und Gemeinden, in Vorleistung zu gehen, um Sozialbestattungen schneller zu ermöglichen. „Der Appell geht über Lüneburg hinaus, hier gibt es noch keine Extremsituation“, meint der Regionalbischof.

Auch von einer hohen Auslastung sind die Lüneburger Friedhöfe weit entfernt. Bei der Bedarfsplanung in den 1990er-Jahren sei mit ausreichender Fläche bis 2025 kalkuliert worden. Mittlerweile würden Vorhalteflächen wie auf dem Waldfriedhof nicht mehr benötigt. „Friedhofsengpässe wird es nicht geben“, sagt Grzenia. Eine höhere Auslastung, um Einnahmen zu steigern, könne erreicht werden, wenn „der Fokus verstärkt auf andere Funktionen der Friedhöfe gerichtet wird, die über den reinen Bestattungsplatz hinausgehen“, sagt der Aeternitas-Vorsitzende Christoph Keldenich.

Wird denn auch in Lüneburg über alternative Nutzungsmöglichkeiten wie beispielsweise Platz für Spielplätze oder Cafés nachgedacht? Friedhöfe sollten nicht nur Bestattungsort sein, eine multifunktionale Nutzung sei denkbar, sagt Hans-Georg Grzenia. Wichtig dabei: Ruhestätten mit historischen Grabmälern wie etwa der Michaelisfriedhof müssten weiter „als Geschichtsbuch einer Stadt“ wirken können, Gräber sollten nicht gänzlich individualisiert werden, müssten immer auch in das Gesamtbild eines Friedhofs passen. Dennoch steht Grzenia alternativen Nutzungsmöglichkeiten nicht unaufgeschlossen gegenüber. Vorstellbar sei ein Ensemble aus Beratungszentrum, Blumenläden und kleinen Cafés neben einem Friedhof, doch in Lüneburg gäbe es dafür nicht ausreichend leerstehende Gebäude.

Und wie sieht es mit Spielplätzen aus? Spielmöglichkeiten könnten in der Nähe von Kindergräbern entstehen, beispielsweise eine Rutsche. „So etwas könnte bei Friedhofsbesuchern aber auch auf Unverständnis stoßen“, meint Grzenia. Nun sei die Überlegung, ob man dennoch progressiv denken sollte. An Initiativen zumindest aus der jungen Bevölkerung mangele es nicht.

Vorschläge gab es beispielsweise beim Ideenwettbewerb „Verdammt? Der Tod gehört zum Leben dazu“ vom Freundeskreis Hospiz Lüneburg in Kooperation mit der Zukunftswerkstatt Friedhofskultur, Handwerkskammer und Leuphana Universität. Bei vielen Ideen habe Wasser eine große Rolle gespielt. Es sollten Teiche mit Springbrunnen angelegt oder Wasserläufe installiert werden. „Alles eine Frage der Finanzierung“, sagt Grzenia. Grundsätzlich könne sich Kreativität heute aber mehr entfalten, die Vorschriften seien nicht mehr so strikt wie in den 1960er-Jahren, erklärt Bestatter Fritz Oberheide.

Wer derweil nach kostengünstigen Bestattungsformen sucht, wird auf dem Friedhof in Bardowick fündig. Dort werden größere Stellen mit acht Gräbern angeboten, zwei müssen über Gebühren bezahlt, sechs können nachgekauft werden, für ein Euro pro Jahr. Ein beispielhaftes Modell vielleicht auch für Lüneburger Friedhöfe.