Donnerstag , 29. September 2016
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Dr. Carola Rudnick leitet die Gedenkstätte, zu der auch der Anstaltsfriedhof gehört, und forscht über das Schicksal der Opfer und ihrer Angehörigen. Ihr pädagogisches Konzept erfährt viel Anerkennung. Foto: ca
Dr. Carola Rudnick leitet die Gedenkstätte, zu der auch der Anstaltsfriedhof gehört, und forscht über das Schicksal der Opfer und ihrer Angehörigen. Ihr pädagogisches Konzept erfährt viel Anerkennung. Foto: ca

Lüneburger Verein pflegt Gedenkstätte

ca Lüneburg. Ihr hippokratischer Eid verpflichtete sie zur Hilfe für Kranke und Schwache, doch die Ärzte und Pfleger wurden zu Mördern. In der Zeit des Nationalsozialismus brachten Mediziner in der sogenannten Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt am Wienebüttler Weg Hunderte Mädchen und Jungen um, die nach damaliger Ideologie als lebensunwert galten. Später hat sich die Klinik ihrer Geschichte gestellt. Der damalige Ärztliche Direktor Dr. Jürgen Lotze und andere wie der inzwischen verstorbene Historiker Dr. Raimond Reiter erforschten das Grauen. Um es zu dokumentieren und dem Schicksal der Opfer Raum zu geben, eröffnete vor zehn Jahren eine Gedenkstätte im ehemaligen Wasserturm. Nun erhält sie ein tragfähigeres Fundament für die Zukunft.

Künftig übernimmt der Verein Euthanasie-Gedenkstätte Lüneburg die Trägerschaft. Damit soll die Arbeit der Einrichtung gesichert und erweitert werden. Carola Rudnick, die im Rahmen eines Förderprojekts seit mehr als zwei Jahren dort arbeitet, hat Schulklassen und Pflegeschüler in den Wasserturm geholt, um ihnen die Geschichte nahezubringen und zu erklären, welche Bezüge es in unserer Zeit gibt. Die Wissenschaftlerin hat Schicksale von Opfern erforscht und in oft mühevoller Kleinarbeit ihre Angehörigen ermittelt. Mancher hörte zum ersten Mal davon, dass Bruder oder Schwester mit Luminal totgespritzt wurde. Andere starben, weil Pfleger sie verhungern ließen.

Die Förderung des Anliegens und damit die Stelle von Carola Rudnick laufen im kommenden Sommer aus. Da die Initiatoren die Arbeit aber fortsetzen wollen, gibt es nun durch den Förderverein eine neue Grundlage. Schon die Namen der Gründungsmitglieder zeigen, wie breit das Anliegen inzwischen in der Hansestadt verankert ist: Rolf Sauer ist Chef der Städtischen Gesundheitsholding und der Psychiatrischen Klinik, Superintendentin Christine Schmid und Dechant Carsten Menges stehen für evangelische und katholische Kirche, Maren Hansen für die Geschichtswerkstatt, die die Gedenkstätte seit Jahren begleitet, Dagmar Pitters ist Vorsitzende des Vereins Lebenshilfe. Dazu kommen der ehemalige und der aktuelle Ärztliche Direktor des Hauses, Dr. Jürgen Lotze und Dr. Sebastian Stierl. Beide sind zwar als Privatleute dabei, wie sie betonen, aber sie wollen auch deutlich machen, dass sie für die Verantwortung der Mediziner stehen, die damals den Massenmord begangen haben.

Stierl sagte, Psychosozialer Verein und Geschichtswerkstatt als Gründer seien bei der Aufgabe, die Gedenkstätte zu betreiben, an ihre Grenzen gestoßen. Denn neben Führungen gehe es um die Finanzierung. Für die Zukunft habe die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten zugesagt, die Arbeit zu zu unterstützen, eingehende Förderung solle quasi verdoppelt werden. Doch eben dieses Spendenaufkommen müsse erst einmal generiert werden.

Für die Zukunft stellt sich Dagmar Pitters vor, einen Bezug zwischen Gedenkstätte und aktuellen Diskussionen herzustellen. So gebe es Forderungen, Kinder gar nicht erst zur Welt zu bringen, die möglicherweise mit Behinderungen geboren werden. Lotze hob auf die politische Dimension ab, Ärzte hätten von 1933 bis 1945 so handeln können, weil der Nationalsozialismus es nicht nur zuließ, sondern forderte. Stierl verwies auf die katholische Kirche um den Kardinal Graf von Galen, der in der NS-Zeit öffentlich gegen eben diese Haltung und den Mord Stellung bezogen hatte.

Christine Schmid glaubt, dass durch das Einbinden von Angehörigen das Anliegen in die Gesellschaft getragen wird. Rolf Sauer sagt, dass die Klinik sich selbstverständlich beteiligt, da das Krankenhaus Tatort war und man sich in der Verantwortung sehe.