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Für Helen Lange von der Lüneburger Infoline und ihre Kollegen gehen viele beim Thema Sex zu sorglos vor. Man sollte sich vor Ansteckung etwa mit Aids schützen. Foto: ca
Für Helen Lange von der Lüneburger Infoline und ihre Kollegen gehen viele beim Thema Sex zu sorglos vor. Man sollte sich vor Ansteckung etwa mit Aids schützen. Foto: ca

Heute ist Welt-Aidstag: Schutz bei der Lust

ca Lüneburg. HIV und Aids haben ihren Schrecken verloren, scheinbar. Denn viele glauben, der Ausbruch der Immunschwächekrankheit beziehungsweise ihre Auswirkungen sind heilbar. „Bei Sexualkontakten sind viele unvorsichtiger geworden“, hat Helen Lange beobachtet. Doch die Gefahr einer Infektion ist nach wie vor groß, auch wenn es sich heute einfacher mit der Krankheit leben lässt. Die Leiterin der Lüneburger Infoline, einer Tochter der Landes-Aidshilfe, sagt: „Tausende wissen nicht, dass sie sich angesteckt haben.“ So kann das Virus weiterwandern.

Heute, am 1. Dezember, machen mehrere Organisationen mit dem Welt-Aidstag auf das Thema aufmerksam. In Deutschland leben Schätzungen zufolge heute 80000 Menschen, die als HIV-positiv gelten, rund 30000 Männer und Frauen sind in den vergangenen Jahrzehnten an den Folgen von Aids gestorben.

Helen Lange und ihre Mitstreiter setzen neben Prävention etwa in Schulen auch auf „Gesundheitsförderung für Sexarbeiter“. Sie haben erste Gespräche im Milieu geführt. Dabei habe man festgestellt, dass männliche und weibliche Prostituierte auf dieses Angebot offener reagieren als auf die Ansprache von Behörden.

Nach Recherchen von Infoline bieten rund 200 Personen zwischen Stade, Soltau, Lüneburg und Lüchow ihre Dienste an. Zur Ergänzung: Die Polizei weiß in Stadt und Kreis Lüneburg von 20 bis 30 Prostituierten. Das Geschäft mit der Sexualität ist laut Infoline-Analyse stark ausländisch geprägt. Rund 20 Prozent der „Angebote“ sind deutsch, 40 Prozent osteuropäisch, 20 Prozent asiatisch, dazu kommen beispielsweise Frauen, die aus Lateinamerika stammen. Neben Bordellen steuern Freier sogenannte Lovemobils an, Wohnmobile, in denen Frauen auf Kundschaft warten. Ein großer Teil des Gewerbes bleibt quasi unsichtbar: Via Kontaktanzeige wird der Freier in eine Wohnung irgendwo in der Region gelotst.

Helen Lange betont, dass es bei der Aufklärung nicht um Moral gehe, sondern darum, die „Arbeitsbedingungen“ zu verbessern, eben durch das Benutzen von Kondomen und mehr Hygiene. Angebote von Krankenversicherungen und Gesundheitsämtern sind weitere Themen. Die Lüneburger arbeiten mit dem „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ und dem Verein Phoenix zusammen, Organisationen von Betroffenen.

Dass Aids alle angeht, will die Infoline heute zeigen. Um 17.45 Uhr startet am Büro an der Beratungsstelle an der Heiligengeiststraße 31 ein Candle-Walk zur Nicolaikirche, wo Detlev Gause von der Aids-Seelsorge Hamburg eine Andacht hält.

Die Vorsicht lässt nach

Die Zahlen steigen, mehr Menschen infizieren sich mit Krankheiten, die auch durch Sexualkontakte übertragen werden. Was bundesweit gilt, gelte auch für die Region, sagt Dr. Friederike Stamer-Schröder vom Lüneburger Gesundheitsamt. Allerdings kann sie keine konkreten Zahlen nennen: „Viele, die an HIV erkranken, wenden sich nach Hamburg.“ Der Wunsch nach Anonymität spiele eine große Rolle. Bundesweit wurden dem zuständigen Robert-Koch-Institut 2013 exakt 3263 Neuinfektionen genannt, ein Plus von fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch nicht nur bei HIV gebe es einen Anstieg, sondern beispielsweise auch bei Syphilis. 260 Menschen steckten sich 2012 in Niedersachsen mit der Geschlechtskrankheit an, ein Jahr später waren es 289. Dr. Stamer-Schröder sieht zwei Ursachen als Erklärung: Zum einen gebe es mehr Tests als vor Jahren, dementsprechend wird sozusagen ein Dunkel- zum Hellfeld. Zum anderen spiele Vorsicht eine geringere Rolle, dabei gelte nach wie vor: beim Sex Kondom benutzen. Dass HIV im Bewusstsein vieler nicht so präsent ist, erklärt die Medizinerin auch damit, dass die Infektion zwar nicht heilbar, aber recht gut therapierbar ist. Wer sich angesteckt hat, kann die Folgen mit Medikamenten in Schach halten. In den 80er-Jahren endete Aids in den meisten Fällen tödlich. Friederike Stamer-Schröder hält Aufklärung nach wie vor für das A und O im Kampf gegen Geschlechtskrankheiten. Ihre Erfahrung: Unterricht in der Schule ist dabei wesentlich erfolgreicher als Eigenrecherche junger Leute im Internet. Das Gesundheitsamt engagiert sich in dieser Frage und arbeitet auch mit Einrichtungen wie Infoline und dem Verein Sven zusammen, das steht für Schwule Vielfalt erregt Niedersachsen: „Die können anders in der Öffentlichkeit wirken als wir.“ Beide Seiten profitierten von der Zusammenarbeit. Heute, am Welt-Aidstag, bietet das Gesundheitsamt Am Graalwall von 14 bis 17 Uhr Beratung und Tests an. ca