Dienstag , 27. September 2016
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Eberhard Zehrfeld kann sein Grundstück zwischen der Bahnlinie Lüneburg-Lübeck und alter Standortverwaltung nicht mehr nutzen: Dort hat sich ein mit Schilf überwucherter Teich gebildet. Foto: A./t&w
Eberhard Zehrfeld kann sein Grundstück zwischen der Bahnlinie Lüneburg-Lübeck und alter Standortverwaltung nicht mehr nutzen: Dort hat sich ein mit Schilf überwucherter Teich gebildet. Foto: A./t&w

Spurensuche im Schilf

ca Lüneburg. Wasser läuft gemeinhin nach unten. In der städtischen Verwaltung glaubte man allerdings, gute Gründe gefunden zu haben, warum das nicht unbedingt so sein muss. Einfach gesagt: Eine wasserundurchlässige Schluffschicht könnte versickernden Regen quasi umlenken. Mit dieser Interpretation von Geologie und Physik scheiterte das Rathaus jetzt allerdings vor dem Verwaltungsgericht. Die Richter hoben eine wasserrechtliche Genehmigung der Stadt auf und verurteilten sie, den alten Zustand eines Grundstückes wieder herzustellen. Und das kann teuer werden.

Über den Fall hatte die LZ bereits mehrfach berichtet. Der Umzugsunternehmer Eberhard Zehrfeld besitzt seit 30 Jahren ein Grundstück Beim Holzberg. Das Land zieht sich unterhalb der ehemaligen Standortverwaltung entlang. Nachdem das alte StoV-Gelände bebaut wurde, bildete sich auf Zehrfelds Areal am Fuß einer fünf, sechs Meter hohen Böschung ein Tümpel, 800, vielleicht gar 1000 Quadratmeter groß. Er wächst. Auf dem quatschnassen Land wuchert Schilf. Für Zehrfeld war der Zusammenhang klar: Die Veränderungen haben ihm den Teich beschert.

Denn die Stadt hatte den Neubau eines Unternehmens auf der Böschung genehmigt und diesem zur Auflage gemacht, Regenwasser auf dem eigenen Areal versickern zu lassen. Das sei eine gesetzliche Vorgabe. Zuvor war Wasser durch eine Kanalisation abgeflossen. Seitdem die verschwunden sei, so Zehrfeld, heiße es für ihn: „Land unter.“

Da die Stadt einen Zusammenhang bestritt und ablehnte, den Schaden zu begleichen, zog Zehrfeld vor den Kadi. Beim Landgericht beantragten sein Anwalt und er ein selbstständiges Beweissicherungsverfahren, das heißt, das Gericht sucht einen Sachverständigen aus, der sich die Lage anschaut. Nun ging das Ganze vor dem Verwaltungsgericht weiter.

Der Bau-Ingenieur kam zu eindeutigen Aussagen: „Seit dem Abriss mehrerer Gebäude wurde der Wasserhaushalt vollständig verändert, Niederschlagswasser, das früher direkt in einen nördlich vorhandenen Entwässerungsgraben eingeleitet worden ist, muss nun zu 70 Prozent vom Boden aufgenommen werden. Durch das Versickerung des Niederschlags ist ein Anstieg des Grundwasserspiegels unausweichlich. Heute fällt der Grundwasserspiegel nicht mehr mehr von Ost nach West ab, sondern umgekehrt von West nach Ost.“ In Richtung Zehrfeld.
Und weiter: „Der Grundwasserzufluss ist nicht aufzuhalten oder zu verändern.“ Er könne durch weitere Bebauung noch steigen, da Flächen versiegelt werden und zudem auf Rigolen gesetzt werde, unterirdische Systeme, die Wasser auffangen.

Im Gerichtssaal blieb der Gutachter bei seiner Auffassung, auch wenn Rechtsamtsleiter Wolfgang Sorger und dessen Kollegen aus dem Umweltamt die Aussagen zu erschüttern versuchten. Sie wiesen auf eine Schluffschicht im Boden hin, die wasserundurchlässig sei, darauf, dass das Gelände in den 30er-Jahren durch die Militärverwaltung aufgeschüttet worden sei. Auch fehlten Sorger weitere Bohrungen, um genauer in den Untergrund schauen zu können.

Der Guatchter fragte: „Haben Sie mal meine Rechnung gesehen?“ Zehrfeld hatte nach eigenen Angaben bereits rund 7500 Euro für das Gutachten zahlen müssen. Auch sagte der Experte, es gebe mehrere Untersuchungen von Behörden, auf die er sich stützen könne. Und der angesprochene Schluff verliere sich über die Länge der Böschung, habe also keine Wirkung mehr.

Am Ende folgten die Richter wohl der Argumentation des Bau-Ingenieurs, sie gaben Zehrfeld recht. Der kann darauf bestehen, dass sein Grundstück, das vor Jahren laut Gutachter einer „Steppe“ glich, trockengelegt wird. Das Gutachten hatte dafür eine Empfehlung gegeben: eine Aufschüttung und das Einbringen eines „Geotextils“ mit kalkulierten Kosten von 124335 Euro. Zehrfeld sagt, es könnte gerne billiger sein: „Ich bin kein Prozess-Hansel. Ich habe versucht, mit dem Oberbürgermeister und der Stadt zu reden. Das wollte keiner. Ich wäre mit einer frostfreien Drainage zufrieden.“

Ob die kommt oder ob der Streit weitergeht, bleibt offen. Stadtsprecher Daniel Steinmeier sagt: „Wir warten die schriftliche Urteilsbegründung ab und entscheiden dann. Aus unserer Sicht haben wir das Gutachten fachlich widerlegt.“