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In den nächsten Wochen beginnt die Gründungsarbeit für den Wiederaufbau des Lösecke-Hauses, das genau vor einem Jahr abbrannte. Foto: t&w
In den nächsten Wochen beginnt die Gründungsarbeit für den Wiederaufbau des Lösecke-Hauses, das genau vor einem Jahr abbrannte. Foto: t&w

Fahndung im Rauch

ca Lüneburg. Eigentlich beginnt der Einsatz wie viele andere auch: Flammen im Erdgeschoss. Meistens hat die Feuerwehr so eine Lage schnell im Griff. Doch vor einem Jahr kommt alles anders. Am 2. Dezember 2013 beginnt am Stintmarkt ein Brand, der in der Lüneburger Nachkriegsgeschichte seinesgleichen sucht. Vergleichbar vielleicht mit den Brandstiftungen Ende der 50er-Jahre im Alten Kaufhaus und in der Ratsbücherei. 1500 Feuerwehrleute, Kräfte von Rettungsdiensten, Technischem Hilfswerk und Polizei sind über drei Tage im Einsatz. Und noch heute fahndet die Sonderkommission Stint mit fünf Beamten nach dem Täter. Was sie bislang herausgefunden hat, ist eher dürr.

Um 3.44 Uhr geht die Alarmierung in dieser Nacht bei der Feuerwehr ein. Feuer in der Trattoria. Einsatzleiter Markus-Björn Peisker und später Stadtbrandmeister Thorsten Diesterhöft lassen ihre Leute vom Stint aus löschen. Doch das reicht nicht. Ihr größter Gegner ist die Ilmenau. Von der Wasserseite kommen die Helfer kaum an die Flammen. Nicht mit der Gondel eines Autokrans, in der Helfer mit Schläuchen stehen, nicht mit Wasserwerfern der Hamburger Feuerwehr. Schließlich entscheidet die Einsatzleitung mit Oberbürgermeister Ulrich Mädge: „Wir müssen das Gebäude abreißen.“ Denn die Flammen können übergreifen, die anderen Gebäude in Richtung Stint-Terrasse ebenfalls in Schutt und Asche legen.

Die italienische Wirte-Familie De Flaviis verliert ebenso ihre Existenz wie Huw Hamilton, Chef der Keller-Kneipe Irish Pub. Er verliert noch mehr: Er lebt in dem Haus. Das Feuer und eine Explosion überraschen ihn im Schlaf, der Ire wird aus seinem Bett geschleudert. Die Polizei ermittelt später nicht nur wegen Brandstiftung, sondern auch wegen 14-fachen Mordversuchs. So viele Personen waren zum Tatzeitpunkt im Gebäude. Ein Wunder, dass sie überleben.

Der Hausbesitzer, der Grafiker Michael von Hartz, ist sich noch am selben Tag sicher: „Das Haus wird wieder aufgebaut.“ 3,5 Millionen Euro soll das geschätzt kosten. Es fließt Geld von der Versicherung und aus der Städtebauförderung. Die hässliche Lücke soll geschlossen werden. Es geht um eine der malerischsten Ansichten der Stadt, beliebtes Motiv der TV-Serie Rote Rosen.

Doch alles verzögert sich: Es dauert, bis die Stadt den Bauantrag genehmigt. Die Rekonstruktion fällt aufgrund neuer Brandschutzvorschriften und Baumaterialien schwerer aus als der Vorgänger. Fachleute berechnen die Statik und stellen fest: Die Gründung muss verstärkt werden. Deshalb sollen Pfähle erschütterungsfrei durch Mauern in den Boden gebracht werden, um das Gebäude zu schultern. Die Arbeiten dafür sollen demnächst beginnen.

Die Polizei setzt zwei Dutzende Beamte in der Soko Stint ein. Am Anfang halten die Beamten einen technischen Defekt an einer Gasleitung als Ursache für denkbar. Doch bald finden sie heraus: Der Täter ist durch eine Tür in die Trattoria eingebrochen, hat Brandbeschleuniger, möglicherweise Benzin, an mehreren Stellen ausgegossen und angezündet.

Fast ein Dreivierteljahr später ein erster Ansatz: Die Beamten ermitteln gegen einen Koch des benachbarten Restaurants La Taverna. Er soll in der Nacht den Täter in das Lokal gelassen haben. Dafür haben die Ermittler Zeugen. Aber Durchsuchungen der Gaststätte und der Wohnung des Verdächtigen bringen nichts. Weder auf seinem Handy noch auf seinem Rechner finden sie verräterische Botschaften. Der Mann schweigt.

Anfragen blockt die Polizei regelmäßig ab, aus „ermittlungstaktischen Gründen“. Übersetzt heißt das: „Wir haben nichts, wo wir zufassen können.“ Dabei gibt es im Hintergrund einige Theorien. Die haben mit Italien und der Mafia zu tun. Spekulationen, keine Beweise.

Vor ein paar Tagen startet die Soko einen Versuch. Mit einem anonymen Hinweissystem im Internet hofft die Polizei auf Zeugen. Die können sich online an einen virtuellen Briefkasten wenden. „Einige Hinweise sind eingegangen, weniger als fünf“, sagt Polizeisprecher Kai Richter. So bleibt den Fahndern nur die Hoffnung, dass jemand spricht. In Lüneburgs italienischer Gemeinde, die sonst gerne erzählt, mag man nicht viel über den Brand reden. Er steht für die Schattenseite der Stadt, die sich sonst so gerne im Rote-Rosen-Idyll sonnt.

Hinweise an die Polizei: Tel.292215, Internet https://bkms-system.net/soko-stint

One comment

  1. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass die Fahnder bedroht und auch Zeugen eingeschüchtert wurden. Der Täter wird seit einem Jahr irgendwo in Süditalien sitzen und sein Glück kaum fassen können, dass alle tatsächlich so dicht halten. Ergo er wird nie gefasst werden, was den meisten schon direkt nach der Bestätigung, dass es Brandstiftung gewesen ist, klar gewesen ist.