Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Neues ALA-Heft: Als die Stadt die Rüstung ablegte
Das Rote Tor wird 1906 abgebrochen, denn die Stadt wächst. Das Tor wird als Verkehrshindernis wahrgenommen. Repro: A/boldt
Das Rote Tor wird 1906 abgebrochen, denn die Stadt wächst. Das Tor wird als Verkehrshindernis wahrgenommen. Repro: A/boldt

Neues ALA-Heft: Als die Stadt die Rüstung ablegte

ca Lüneburg. „Welchen Nutzen haben die Stadtthore noch, seitdem die Eingangs-Abgaben sämmtlich in Wegfall gekommen sind? Platterdings gar keinen, wohl aber machen sie Unterhaltungskosten nothwendig, die gespart und zu anderen nützlicheren Zwecken verwandt werden können.“ So sei beispielsweise bekannt, dass sich von „neben einander reitenden Militairs der eine oder andere nicht unerhebliche Verletzungen an den Thorpfeilern und Thorflügeln“ zugezogen habe. Ein Zeitgenosse nimmt 1869 klar Partei dafür, die Tore abbrechen zu lassen: Der Verkehr laufe einfacher, Schutz böten die Sperren auch kaum und Abgaben, die sonst beim Eintritt in die Stadt erhoben wurden, seien hinfällig geworden.

Das neue Heft „Aufrisse“ des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt (ALA) blättert wie gewohnt ein Stück Stadtgeschichte auf. Hans-Herbert Sellen nutzt Quellen wie etwa die Erinnerungen des damaligen Stadtchronisten Friedrich-Wilhem Volger, um zu beschreiben, wie die Lüneburger vor allem im 19. Jahrhundert der Stadt ihre Rüstung auszogen.

Dabei muss man wissen, dass es nicht um die ursprünglichen Tore ging. Sellen notiert, dass die mittelalterlichen Anlagen bereits verschwunden und durch kleinere Tore ersetzt worden waren. Die fungierten etwa wie Zollschranken, Wächter baten dort zur Kasse, forderten beispielsweise Mahl- und Schlachtsteuer für Brotwaren beziehungsweise Schlachttiere. Da das Königreich Hannover, zu dem Lüneburg gehört hatte, aber 1866 von Preußen annektiert worden war und Berlin die Steuern aufgehoben hatte, musste es eben auch keine „Kassen“ mehr geben.

Als letztes fiel 1906 das Rote Tor an der Roten Straße. Auch das war eine Replik, die mittelalterlich anmuten sollte. Der Vorgänger, ein Bau mit Renaissance-Giebeln und einem „60 Schritt langen Gewölbe“ war um 1826/27 abgebrochen worden. Tore machten dort auch deshalb keinen Sinn mehr, da Lüneburg Ende des 19. Jahrhunderts in das Rote Feld ­hineinwuchs. So entstand etwa die MTV-Halle mit ihren beiden Türmen, welche damals die Feuerwehr nutzte.

Doch nicht nur von den Toren verabschiedeten sich die Lüneburger. Auch Wasserläufe wie Stadt- und Lösegraben bekamen neue Betten. Die Insellandschaft am Werder wurde in weiten Teilen zum „Festland“, so wie wir es heute auch noch kennen.

Das Heft beschäftigt sich mit weiteren Themen wie der Baugeschichte des Viskulenhofs an der Ilmenau und Denkmalen, die an die Befreiungskriege um 1813 erinnern.

„Aufrisse“ ist über das ALA-Büro, Zugang über die Neue Straße in der Altstadt, erhältlich, Tel.267727.

One comment

  1. Eine sehr lesenswerte Schriften-Reihe des ALA.