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Für mehr Verständnis für Erwachsene mit Problemen beim Lesen und Schreiben setzen sich neben anderen auch (v.l.) Jutta, Uwe und Tina in der Selbsthilfegruppe Wortblind ein. Foto: t&w
Für mehr Verständnis für Erwachsene mit Problemen beim Lesen und Schreiben setzen sich neben anderen auch (v.l.) Jutta, Uwe und Tina in der Selbsthilfegruppe Wortblind ein. Foto: t&w

Das Verstecken beenden – Selbsthilfegruppe „Wortblind“ unterstützt Erwachsene mit Lese- und Schreibschwächen

us Lüneburg. „Wir möchten die Menschen aufrütteln.“ Jutta S. (57) und Tina M. (52) halten ihre selbst gebastelten Papierbrillen mit den Buchstaben hoch, doch Durchblick verschaffen sie ihnen nicht. „Die Brille ist unser neues Logo“, sagt die 57-Jährige. Beide möchten nicht, dass ihr voller Name in der Zeitung steht. Dass sie dennoch den Schritt vor die Öffentlichkeit wagen, ist eines der Ziele einer Selbsthilfegruppe, die sich „Wortblind“ nennt. Vor einem Jahr wurde sie von Teilnehmern eines Kurses der Volkshochschule Lüneburg gegründet, in dem Erwachsene mit Lese- und Schreibschwäche unterrichtet werden.

„Jeder von uns weiß, wie schwer es ist, damit anzufangen“, sagt Klaus R. (60). Auch ihm fiel der Schritt, seine Situation zu ändern, „richtig schwer“. Viele Jahre lang hatte er sein Leben danach eingerichtet, dass niemand seine Schreibschwäche bemerkte. „Lange ging es auch gut, doch mit den Jahren wurde es immer schwieriger.“ Als Lkw-Fahrer musste er häufiger schriftliche Berichte und Stundenzettel abgeben, auch die Programmierung von Navigationsgeräten war eine echte Herausforderung. „Den Ausschlag aber haben dann meine Kinder gegeben“, sagt er. Eine seiner beiden Töchter studiert heute, „jetzt wollte ich selbst wissen, wo ich stehe“.

Rund 7,5 Millionen Analphabeten soll es Studien zufolge in Deutschland geben, „runtergerechnet auf Stadt und Landkreis Lüneburg sind es allein 15000 in unserer Region“, sagt Stefanie Voß-Freytag, Projektleiterin der Volkshochschule. Seit mehr als 30 Jahren werden von der Bildungseinrichtung Kurse für Erwachsene angeboten, die nachholen wollen, was ihnen in der Schulzeit nicht vermittelt werden konnte. „Viele haben durchweg schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht und wollten damit auch nie wieder etwas zu tun haben. Irgendwann aber stoßen die meisten an ihre Grenzen.“

Dass der Druck immer größer wird, kann auch Jutta S. bestätigen. „Man wird Künstler im Verstecken, doch auf Dauer geht es nicht“, sagt sie. Zusammen mit acht anderen Kursteilnehmern entschloss sie sich vor einem Jahr, die Selbsthilfegruppe zu gründen. Zwei Ziele verfolgen sie mit ihrer Arbeit: „Wir wollen um mehr Verständnis in der Gesellschaft für unsere Situation werben, und wir wollen all denen, die noch immer glauben, sich verstecken zu müssen, Mut machen, sich zu ihrer Situation zu bekennen und sie zu ändern.“

Mit einem selbst entworfenen und geschriebenen Faltblatt „zum Weitergeben und Vorlesen“ informieren sie über ihre Arbeit und ihre Treffen, die an jedem zweiten Mittwoch im Monat um 19 Uhr in den Räumen der Volkshochschule stattfinden. „Wir möchten eine erste Anlaufstelle für Betroffene sein und Hemmschwellen auf beiden Seiten abbauen“, sagt Uwe, der ebenfalls von der ersten Stunde an zu der Selbsthilfegruppe gehört. Auch Kontakte zu anderen Gruppen stehen auf dem Programm, ebenso Info-Gespräche in Lüneburger Einrichtungen, die Interesse an dem Thema haben.

„Den Namen Wortblind haben wir übrigens von einer Kursteilnehmerin, die aus Dänemark stammt“, berichtet Uwe. In Dänemark, erläutert er, würden Menschen, die nicht richtig lesen oder schreiben können, „wortblind“ genannt. „Das finden wir passender.“

Am kommenden Freitag, 16. Januar, feiern die Mitglieder bei einem gemütlichen Frühstück um 11 Uhr im vierten Stock der Volkshochschule in der Haagestraße das einjährige Bestehen ihrer Gruppe. „Wir freuen uns über jeden, der kommt und sich informieren möchte“, sagt Jutta.

Die Gruppe „Wortblind“ ist telefonisch erreichbar unter Tel. 015750628468.