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Der wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen Angeklagte Oskar Gröning (l.) und sein Verteidiger Hans Holtermann beim Prozessauftakt in der Lüneburger Ritterakademie. Foto: t&w
Der wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen Angeklagte Oskar Gröning (l.) und sein Verteidiger Hans Holtermann beim Prozessauftakt in der Lüneburger Ritterakademie. Foto: t&w

Ehemaliger SS-Mann Gröning sagt in Lüneburger Prozess: „Ich fühle mich moralisch mitschuldig“ + + + mit Videos und Fotos

von Hans-Herbert Jenckel

Lüneburg. Hätte er nur geschwiegen, einfach seinen Mund gehalten. Es wäre vielleicht erträglicher gewesen nach der Verlesung der Anklage, besser als diese persönlichen Erinnerungen an Auschwitz. Aber Oskar Gröning (93), wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen nach siebzig Jahren vom Landgericht Lüneburg angeklagt, sagt aus am ersten Prozesstag in der Ritterakademie. Sagt aus über seine Tätigkeit als Vermögensverwalter, der an der Rampe von Auschwitz nach der Selektion auch ein Auge darauf hat, das die Habseligkeiten der Häftlinge, die ins Gas geschickt werden, nicht vom Wachpersonal gestohlen werden. Am Ende seiner Irrfahrt durch sein SS-Dasein in Auschwitz aber sieht er sich im Gerichtssaal als Zeuge, als Helfer der Justiz, als einer der Holocaust-Leugnern entgegentritt, ja, der sich moralisch verantwortlich fühlt, der Reue zeigen will und die Strafe dem Gericht überlässt.

Aber Gröning erinnerte sich eben auf eine Art und Weise, die gerade für die Holocaust-Überlebenden und für Angehörige von Opfern im Gerichtssaal mit jedem Satz mehr zur Seelenqual werden müssen. Es ist schwer auszuhalten, wie Barbarei und Banales nebeneinander gereiht werden und der Tonfall keinen Deut variiert. Das wird alles sachlich geschildert, Nebensächliches und Abseitiges gerne bis ins Detail. Höchstens ein Schluck Wasser, ein Räuspern. Dann erzählt er von dem schreienden Baby, das ein SS-Rottenführer an der Rampe erschlägt, vom SS-Mann, der in einem Gehöft am Lager Juden mit Zyklon B vergast, und von den Schreien, die er nicht vergessen könne. Und er tut das nicht das erste Mal, die Geschichten sind längst von ihm in  die Welt gesetzt. Er bedient das Klischee des Schreibtischmenschen, der Schlimmes mit ansehen musste, ja, der Vermögenswerte von Hunderttausenden Mordopfern verwaltet hat, aber sich die Hände nicht schmutzig gemacht haben will. Buchhalter.

Was macht so einer: Er beschwert sich, er stellt Versetzungsgesuche, sagt er. Man muss ihm glauben, seine Personalakte ist verschwunden.

Als Oskar Gröning kurz vor 10 Uhr Dienstag die zum Gerichtssaal umgebaute Ritterakadmie durch den Hintereingang betritt, schiebt er nach vorne gebeugt ganz sachte seinen Rollator vor sich her. Ein alter, weißhaariger Mann mit Brille im beigen Pullunder. Justizbeamte tasten ihn ab wie jeden anderen Prozessbesucher. Sein Anwalt Holtermann und ein Justizbeamter stützen ihn auf dem Weg zum Platz. Und in diesem Moment denkt man noch, Respekt, dass der sich so hochbetagt dem Prozess stellt. Das sagt sogar Eva Mozes Kor, eine 81 Jahre alte Überlebende des Holocaust, die mit ihrer Zwillingsschwester Miriam von Josef Mengele für Experimente in der Zwillingsforschung missbraucht wurde.

Aber da hat Gröning noch kein Wort gesagt. Er setzt sich zwischen seine Verteidiger, verschränkt die Arme.

Richter Kompisch sagt, es sei kein einfaches Verfahren, eines, das Aufmerksamkeit und Emotionen erzeuge. Sechzig Medienvertreter, lange Schlangen vor der Ritterakademie von Menschen, die einen der 60 Zuschauerplätze ergattern wollen, darunter auch Neo-Nazis, zeugen davon.

Die Anklage wirft Gröning vor, von 16. Mai bis zum 11. Juli 1944 soll er wissentlich Hilfe bei der Ermordung von 300 000 Juden geleistet haben. Der Staatsanwalt Dr. Lehmann spricht über die Rampe, Zyklon B und die Gaskammern, die ankommenden Häftlingen als Duschen und Bäder vorgegaukelt wurden. Arg- und wehrlose Opfer, die sich in minutenlangem Todeskampf so krampfhaft verhakten, ,,dass sie mit Axtschlägen getrennt werden mussten“. Er spricht auch über die, die auf der Rampe, als arbeitsfähig selektiert, den Gaskammern entkommen waren, deren Bedingungen aber waren auf „Vernichtung durch Arbeit“ ausgerichtet.

Und was machte Gröning? Er verbuchte die Vermögenswerte, die die Häftlinge an der Rampe zurücklassen mussten. ,,Er unterstützte das Tötungsgeschehen und leistete Beihilfe“, wirft der Staatsanwalt ihm vor. Und er habe gewusst und gesehen, dass Zyklon B in die Gaskammern geworfen wurde, lief vor den Schreien der Sterbenden davon. In sich gekehrt liest Gröning im Gerichtssaal die Anklage mit.

Und dann fragt der Vorsitzende Richter: „Herr Gröning, wollen Sie sich zu den Vorwürfen äußern.“

,,Ich möchte aussagen.“ Zur Anklage könne er nichts sagen. ,,Das war nicht mein Bereich.“ Und dann fängt er vorne an, bei der Lehre in der Sparkasse, beim Eintritt in die Waffen SS und bei seinem Berufswunsch, da Zahlmeister zu werden. ,,Das hat mich verfolgt.“ Und wie man ihm sagte, er komme nicht an die Front, sondern man verlange größere Opfer von ihm. Und dann folgen seine Erinnerungen an Auschwitz, er redet von Lagerleiter Höß, von einem Bordell, ausgiebig über Wodka und Ölsardinen, dazwischen von einem Baby, das auf der Rampe erschlagen wird. Er redet von Vergasung, die er mit angesehen habe, von Versetzungsgesuchen, von Korruption im Lager, vom Lagerleben, und wie er sich einem letzten Todeskommando entzogen habe. „So ist mir eine unmittelbare Beteiligung erspart geblieben.“

Es sind genau diese scharfkantigen Erinnerungsinseln von Ungeheuerlichem und Dienstalltag, dieses grausame Nebeneinander von Mord und Banalität, das den Verdacht erhärtet, da lebt einer schon lange in einer anderen Welt, da ist er und bleibt er gefangen, das ist sein Leben, und da wird er auch durch diesen Prozess nicht draus entlassen.

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