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Es geht wild zu in der Stadt

lig Lüneburg. Immer häufiger dringen Wildtiere in Städte ein, auch in Lüneburg. Vor allem sind es Rehe, aber auch Wildschweine. Michael Stall, Leiter des Städtischen Forstamtes, berichtet, dass sich vermehrt Rehwild in die Gärten wagt, um dort Nahrung zu suchen. Die Tiere haben entdeckt, dass neben Wildkräutern auch Blumen oder Gartensträucher schmecken. Stall: „Wir werden immer wieder angerufen, etwas dagegen zu tun.“

Jede Ricke bringe pro Jahr mindestens ein Kitz, in der Regel sogar zwei zur Welt. Dass sich auch Wildschweine besonders stark vermehren, hänge zum großen Teil mit der Klimaerwärmung zusammen, vermutet Stall. Durch die verhältnismäßig milden Winter fehle der natürliche Regulator „Frost“ für die Reduzierung des Bestandes. Zudem komme es zu einer Verschiebung der Fruchtbarkeit bei den Tieren. Immer häufiger würfen schon einjährige Jungtiere bis zu zehn Frischlinge.

„Wenn wir den Bestand nicht zumindest auf einem gleichbleibenden Niveau halten, wäre die Folge, dass die normalerweise scheuen Wildtiere verstärkt in die Städte einwandern“, erklärt Stall. Die Folge können gefährliche Unfälle sein.

Um die hohen Populationen von Rehen und Schwarzwild in den Griff zu bekommen, sei demnach eine Reduzierung erforderlich. „Die letzte Möglichkeit ist der Schuss“, sagt Stall. So müssten im Stadtgebiet – etwa im Tiergarten oder an der Ilmenau-Niederung – ab und zu sogenannte Drückjagden stattfinden. Dabei werden die Tiere auf einer bestimmten Fläche durch Treiber aufgescheucht, um den Jägern die Möglichkeit zum Abschuss zu geben.

„Diese Maßnahme stößt bei manchen Joggern oder Spaziergängern auf Unverständnis“, erklärt Stall, das äußere sich auch in Beschimpfungen. Es sei ohnehin keine „Freude“, inmitten von vielen Spaziergängern zu jagen. Probleme bereiteten auch die Jagdgegner, die soweit gingen, Hochsitze anzuzünden oder deren Treppensprossen ansägten.

„Ich betrachte mich in erster Linie als Naturschützer und Heger, danach erst als Jäger“, sagt Stall. Die Naturschutzgebiete wie Tiergarten, Hasenburg und Rote Schleuse sind in der jagdlichen Obhut der städtischen Forstbeamten. Insgesamt zählen 1600 Hektar Wald rund um Lüneburg zum Stadtforstamt, das der 53-jährige Stall seit acht Jahren leitet.

Von einer Wildfütterung mit Kastanien und Eicheln – „wir werden jedes Jahr im Oktober damit förmlich zugeschüttet“ – hält Stall nichts. Für ihn ergibt es keinen Sinn, die Bestände dadurch zu stützen. Er ziehe einen „artgerechten Wildbestand“ vor, der nicht künstlich hochgepäppelt werde.

Die Abschussquote ist laut Stall streng geregelt. Beispielsweise würden beim Rehwild auf 100 Hektar etwa sechs bis zehn Rehe pro Jahr geschossen. Das entspreche dem Zuwachs am Bestand. Jagd- und Schonzeiten nach dem Landesjagdgesetz sind bundesweit einzuhalten. Jeder Jäger beantragt eine bestimmte Abschusszahl bei der Unteren Jagdbehörde, die den Abschuss festsetzt. So läuft die Schonzeit für Rehwild vom 1. Februar bis 30. April. Vom 1. Mai an ist die Jagd eröffnet auf Schmalrehe, die keine Jungen haben, während Böcke vom 1. Mai bis 15. Oktober bejagt werden dürfen. Die Wildschweine werden vom 16. Juni bis 31. Januar geschossen, die nicht führenden, also nicht schwangeren, Jungtiere sogar ganzjährig.

Eine Rotte Schwarzwild sei in der Lage, eine Wiese, einen Acker oder auch einen Garten zu verwüsten. Ein Übermaß an Rehwild könne einerseits erheblichen Schaden durch Verbiss an Baumsetzlingen anrichten, zum andern aber durch das immer häufigere Abwandern in die Gärten und Überqueren der Straßen Unfälle verursachen.

„Wir hoffen, dass wir in der Bevölkerung mehr Verständnis und Respekt für die Ausübung der Jagd zur Regulierung der Wildpopulation finden“, wünscht sich Michael Stall. Für ihn gehören Naturschutz und ein in vernünftigen Grenzen gehaltener Wildbestand zusammen – zum Nutzen der Tiere und der Menschen.