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Die dunkle Seite der Geschichte

ca Lüneburg. Der alte Mann war stolz, angeblich habe er als Soldat im Zweiten Weltkrieg einen Funkspruch von Adolf Hitler persönlich aufgenommen – dem Führer! Das erzählte der Funker Oxana Merkel-Bokut, dann fiel dem Senior wohl der Akzent der Lüneburger Studentin wieder ein, er verstummte, saß womöglich der Feind in seinem Wohnzimmer? Die angehende Historikerin hat ihre Wurzeln in Russland, dem Land, das deutsche Truppen 1941 überfallen haben. Sie und ihre Kommilitonen haben in den vergangenen Monaten Familien um Tagebücher, Feldpostbriefe und Fotoalben aus der Kriegszeit gebeten. Mit dem Soziologen Prof. Dr. Volker Kirchberg, dem Historiker Dr. Hanno Balz und Stadtarchivar Dr. Thomas Lux haben sie nach der „Zeitgeschichte in der Familienerinnerung“ gesucht.

Die LZ hatte im Juni 2012 über das Vorhaben berichtet. Mehr als 30 Lüneburger meldete sich bei den Forschern, tausend Briefe durften sie ansehen, einen Teil behalten, viele einscannen. Das Material hat nun einen Platz im Stadtarchiv gefunden. Archivar Lux würde sich freuen, wenn er weitere Familiengeschichten bekommt.

Die junge Historikerin Nora Prüfer erzählt, dass sich in manchen Familien ein differenziertes, aber mildes Bild des Großvaters oder Vaters finde: Zu Beginn sei er wohl für die Nazis gewesen, später aber habe er das Regime und den Krieg eher kritisch gesehen.

Den Wissenschaftlern geht es zunächst nicht um ein Urteil, sondern um das Sammeln von Quellen. Deshalb sind sie für die Offenheit dankbar. Historiker Balz sagt: „Wir möchten erfahren, welche Gedankenwelt gab es damals?“ Dass sich in Briefen beispielsweise kein positives Russlandbild finde, sei nicht erstaunlich: „Nicht nett über Russen zu schreiben, das war damals common sense.“ Also die allgemeine Meinung.

Den Soziologen Kirchberg beschäftigt die Frage: „Wie wird Wissen in der Familie weitergegeben? Wie reagieren Enkel, wenn sie es heute hören?“ Da gebe es zwei Aspekte: Wer aus unangenehmen Zeiten berichtet, in denen er eventuell selber Unrecht begangen hat, findet zumeist eine Rechtfertigung, er erzählt „seine“ Geschichte entsprechend. Doch die Briefe von damals zeichnen ein anderes, ungeschminktes Bild. So etwa das Schreiben, in dem von Massengräbern bei Lemberg in der Ukraine die Rede ist. Wer dort liegt, bleibt offen, ebenso wer die Menschen getötet hat.

Stefanie Schiffeck haben Schilderungen berührt, gleichzeitig betrachtet sie Briefe und Erzählung mit der Distanz der Forscherin. Das fällt ihr vermutlich leichter, als einst den Studenten der berühmten 68er-Generation, die erahnten, dass ihr Vater als Soldat andere erschossen hat, aber bleiern schwieg.

Für einige waren die eigenen Erinnerungen und die Familiengeschichte zu böse. Nora Prüfer sagt: „Eine Frau hat Briefe und ihre Fotos vom Reichsarbeitsdienst wieder zurückgezogen. Sie will sie vernichten.“ Das Ende der Erinnerung.