Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Von der Bildfläche verschwunden

kg Lüneburg. Großartige Neuigkeiten fluteten im Frühjahr 2010 durch die norddeutsche Presse: Michael Ballhaus, einer der berühmtesten Kameramänner der Welt, kommt an die Leuphana. Als Gastprofessor und Co-Leiter des Inkubator-Projektes „Moving Image Lab“ sollte er dabei helfen, neue Formate und Verwertungsmodelle für Bewegtbilder im Netz zu erforschen und den Internet-Sender „Kenup“ auf die Beine zu stellen. Rund vier Millionen Euro öffentliches Geld konnte die Leuphana dafür einwerben. Außer zur Startwoche 2009, in der er als Jury-Vorsitzender von den Studenten produzierte Videoclips bewertete, war Ballhaus in Lüneburg selten zu sehen. Der Online-Bürgersender „Kenup“ ist inzwischen Geschichte, das prominente Zugpferd verschwand quasi heimlich durch die Hintertür.

„Michael Ballhaus war ursprünglich Antragsteller für das Moving Image Lab. Im Sommer 2012 hat er sich aus der Leitung des Projekts zurückgezogen“, sagt Dr. Goetz Bachmann. In Teilprojekten arbeite Ballhaus aber weiter mit. Anfang 2013 übernahm Bachmann die wissenschaftliche Leitung des Schwerpunkts Digitale Medien, unter dem an der Uni alle Projekte des Inkubators im Bereich Medien zusammengefasst sind. Das Wissenschaftsministerium wurde frühzeitig über die Veränderung informiert. Dort sagt ein Sprecher: „Wir sind uns sicher, dass der bedauerliche Rückzug von Herrn Ballhaus keine Auswirkungen auf das Projekt haben wird.“ Bei der Förderung durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung handele es sich um eine Projektförderung, die nicht an die Personalie geknüpft sei.

„Michael Ballhaus engagiert sich noch in einer Bewegtbild-Kampagne im Bereich Nachhaltigkeit, für die er eng mit der Leuphana zusammenarbeitet“, erzählt Bachmann. Und was ist aus der Idee des Lüneburger Internet-Senders geworden? „Das Forschungsprojekt Kenup war zunächst noch eine sehr an der klassischen Fernseh-Logik orientierte Idee“, sagt Bachmann. „Man hat sich die Frage gestellt: Wie funktioniert Fernsehen im Netz? Heute weiß man, dass eine viel fundamentalere Veränderung stattfindet.“ Wie man am besten bewegte Bilder und wichtige Funktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie Bildung oder Informationen ins Netz bringt, daran forschen die Wissenschaftler der Leuphana auch heute noch.

Inzwischen zählt der Schwerpunkt Digitale Medien 60 Mitarbeiter und wächst immer weiter. Im Herbst 2012 bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine Förderung für das Projekt „Medienkulturen der Computersimulation“. Mit rund vier Millionen Euro soll untersucht werden, wie computersimulierte Szenarien zu naturwissenschaftlichen Themen wie dem Klimawandel das Verständnis von Wissen und Wissenschaft verändern. Dafür bringt das Projekt Medien- und Naturwissenschaftler zusammen. Weitere drei Millionen stellen die Volkswagen-Stiftung und das Land Niedersachsen für die Erforschung der digitalen Kulturen zur Verfügung. „Das Geld ist für uns eine große Anerkennung für die bisher geleistete Arbeit und eine Standortförderung, die zukunftsweisend ist. Denn natürlich steht immer die Frage im Raum, was nach 2015 kommt, wenn die EU-Förderung für den Innovationsinkubator ausläuft“, sagt Bachmann.

Dann werden Öffentlichkeit und Förderer nicht nur auf Forschungsergebnisse schauen, sondern auch darauf, wie viele Projekte es aus dem Inkubator auf den freien Markt geschafft haben. Nach „explainity“, der Produktionsfirma zur Herstellung von Erklärvideos, hat das Projekt „Play with Food“ gute Chancen, als eine der nächsten Ausgründungen aus dem Inkubator hervorzugehen. Die Mischung aus Spiel und mobiler App soll Jugendliche dazu bringen, selbst zu kochen und sich gesund zu ernähren. „Wir haben junge Menschen beim Kochen beobachtet und gemerkt, dass sie auch dabei ständig mit ihren Handys beschäftigt sind. Wenn wir bei der Zielgruppe etwas erreichen wollen, müssen wir die Geräte also einbinden“, sagt Arndt Potdevin vom Moving Image Lab. Seit zwei Jahren arbeitet er mit seinem Team an der Anwendung, mit der Jugendliche allein oder in Teams gegen die Uhr kochen können. Besonderes Interesse an dem Projekt zeigt eine große Krankenkasse. Mit den derzeitigen Prognosen für Adipositas oder Diabetes stehen für sie Milliarden auf dem Spiel. „Es ist natürlich spannend, ob man mit einem solchen Projekt eine echte Verhaltensänderung bewirken kann“, findet Potdevin.

Andere Projekte beschäftigen sich mit dem Publikum von Online-Medien, Imagefilmen für den regionalen Markt, spielerischen Anwendungen oder neuen Formen der Wissenschaftskommunikation. Ebenso vielfältig wie die Forschungslandschaft der digitalen Medien zeigt sich die Konferenz „Video Vortex Nr. 9“, die vom 28. Februar bis 2. März an der Uni Lüneburg stattfindet. Dort präsentieren Medienfachleute, Filmschaffende und Wissenschaftler drei Tage lang Trends der Videokultur im Internet. Das Programm der teils englischsprachigen Konferenz steht unter http://videovortex9.net/program/ im Internet.