Donnerstag , 29. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Verwöhnen macht schwach
3067504.JPG

Verwöhnen macht schwach

ina Lüneburg. Sechs eigene Kinder hat sie geboren und darüber ein Buch geschrieben, wie sie diese zu selbstbewussten Menschen erzogen hat. Keine Frage, Michaela F. Heereman weiß, wovon sie spricht. Daher fällt es ihr auch nicht schwer, die rund 200 Zuhörerinnen in der Mensa der Leuphana Universität in ihren Bann zu ziehen. Eingeladen von den Organisatorinnen des Lüneburger Frühstücks-Treffens für Frauen spricht die Diplom-Theologin zum Thema „Zur Freiheit erziehen – wie aus coolen Kids verantwortungsvolle Erwachsene werden“. Am Nachmittag wiederholte sie ihren Vortrag vor rund 200 weiteren Frauen.

Vor dem Vortragsbeginn nennt die Hauptorganisatorin, Elke Ahlers, den vollständigen Namen ihrer Referentin: Michaela Freifrau Heereman von Zuydtwyck. Unerwähnt bleibt, dass es sich bei ihr um eine geborene Freiin von und zu Guttenberg, einer Tochter von Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg und Tante des ehemaligen Verteidigungsministers mit demselben Namen handelt. Ihr Ehemann Johannes Nepomuck Freiherr Heereman von Zuydtwyck ist Präsident des katholischen Hilfswerks Kirche in Not, Vorstandsvorsitzender der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung und Vetter von Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck, dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes.

Bei einem solchen Stammbaum ist es naheliegend, dass die Referentin die Erziehung zu ihrem Lebensthema erkor und bei TV-Talkshows wie beispielsweise bei Sandra Maischberger die Familie als Keimzelle des christlichen Lebens als heilig verteidigt. „Mütter sollten ihre Erziehungszeit genießen können“, propagiert sie und spricht sich offen gegen die Unterbringung von Kleinkindern in Krippen aus. „Unter drei Jahren kann eine tägliche stundenlange Trennung von den Hauptbezugspersonen schlimme Folgen haben.“ Eine chronische Überproduktion des Stresshormons Cortisol würde bei den Kleinen zu einer Überreizung führen, die sie ihr Leben lang begleitet und letztendlich zu Drogenkonsum und Alkoholmissbrauch führen könnte.

Zuhause betreut, sollten die Kinder jedoch keinesfalls verzärtelt werden. „Verwöhnen macht schwach“, ist die Devise der Referentin. Denn in jedem Problem stecken nach ihrer Auffassung Lernmöglichkeiten, und wer diese seinen „coolen Kids“ vorenthält, nimmt ihnen somit auch entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten.

Um lebensnahe Beispiele bemüht, berichtet die 63-Jährige von ihrem dreijährigen Enkel, der sie zwei Wochen lang besuchte. „Sein häufigster Satz war ,Ich auch!'“, schmunzelt sie. Was dazu führte, dass er in der Küche, während sie Kartoffeln schälte oder Fleisch zubereitete, mit einem stumpfen Messer Tomaten häutete. „Wir machten eine zweiwöchige Tomatenkur, aber er war glücklich.“

Auch ihre Erfahrungen mit Kindern im nahen Bekanntenkreis fließen in den Vortrag von Michaela F. Heereman mit ein. „Eine Freundin starb vor einiger Zeit und hinterließ einen siebenjährigen Jungen. Die Tage vor der Beerdigung wollte der Vater für seinen Sohn einen Freund zum Spielen einladen, erhielt aber zahlreiche Absagen, weil die Eltern ihre Kinder nicht in ein Trauerhaus bringen wollten.“ Als sich endlich ein Klassenkamerad fand, zeigte sich, wie unverkrampft Kinder mit solchen Situationen umgehen können. Als der Junge ankam und die vielen verweinten Gesichter sah, nahm er seinen Kumpel am Arm und sagte: „Lass uns hier abhauen, hier ist ja gar nichts los.“